Pressespiegel 2009

Premiere der Oper "Medea" in St. Gallen

 

Neue Vorarlberger Tageszeitung
Kultur - 28. Oktober 2009 von Anna Mika
Großartig, aber unbekannt

Die Oper "Medea in Corinto" von Simon Mayr, 1813 komponiert, zeigt das Theater St. Gallen in einer wunderbaren Inszenierung von David Alden.


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Die Südostschweiz
Kultur - 26. Oktober 2009 von Reinmar Wagner
Eine beinah vergessene Oper in die Moderne transferiert

Das Theater St. Gallen überzeugt mit einer sehr sehens- und vor allem hörenswerten Opern-Ausgrabung: 1813 schrieb Giovanni Simone Mayr seine Version des Medea-Stoffs "Medea in Corinto"


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Schwäbische Zeitung
24. Oktober 2009 von Werner M. Grimmel
Furchtbar wird die Rache der Betrogenen

St. Gallen - Mit einer fulminanten Wiederbelebung von Giovanni Simone Mayrs Oper "Medea in Corinto", die 2010 auch an der Bayerischen Staatsoper auf die Bühne kommt, hat sich das Theater St. Gallen überregionale Beachtung gesichert. Die packende Produktion wurde bei der Premiere enthusiastisch gefeiert.


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Vorarlberger Nachrichten
Kultur - 20. Oktober 2009 von Christa Dietrich
Antike Helden im Lotterbett

An mehreren Orten wird nun Medea für die Opernbühne wiederentdeckt.


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Südkurier
Kultur See - 20. Oktober 2009 von Peter E. Schaufelberger
Eine tragische Gestalt

Gleich dreimal in dieser Spielzeit stehen im Theater St. Gallen Opernraritäten auf dem Programm: Verdis 1845 erstmals gespielte „Alzira“ und Donizettis „Il diluvio universale“ (Die Sintflut) von 1830 bei den St. Galler Festpielen sind für 2010 programmiert; den Auftakt dieser Reihe aber macht nun „Medea in Corinto“ vonGiovanni Simone Mayr (ursprünglich Johann Simon Mayr, 1763–1845), 1813, im Geburtsjahr Verdis, am Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt. Die vom Publikum begeistert aufgenommene St. Galler Aufführung basiert auf der zusammen mit dem Ricordi-Verlag erarbeiteten quellenkritischen Edition eines von Mayr selbst für seinen Wohnort Bergamo erstellten Autografen.

David Alden als Gastregisseur verlegt die Handlung an den Anfang des 19. Jahrhunderts, wobei allerdings nur die von Bühnenbildner Giles Cadle und Kostümbildner Jonathan Morrell prachtvoll ausgestatteten Szenen am Hof des Königs Creonte und vor allem die sorgfältig einstudierten Auftritte des Chores dieser zeitlichen Festlegung entsprechen. Denn nicht äußeres Gepränge kennzeichnet die Oper, obwohl einzelne Bilder durchaus pompöse, wenngleich ironisch gebrochene Festlichkeit ausstrahlen, sondern die musikalisch wie szenisch und vor allem inder Personenführung überaus intensive Zeichnung der einzelnen Figuren.


David Alden zeigt die "Medea" in einer pompösen, aber ironisch gebrochenen Kulisse. Hier Wojtek Gierlach als Creonte (oben) und Evelyn Pollock als Creusa.
Foto: Tanja Dorendorf

Und beinah allgegenwärtig lastet über allem die Ahnung kommenden Unheils – in den übermächtigen, irritierenden Schatten, die in manchen Augenblicken den einzelnen Gestalten folgen, in den Sturzflügen der Raben vor der festlichen Trauung Giasones mit Creusa, im von unsichtbarer Hand gespenstisch über die Bühnegezogenen Kinderwagen.

Die Handlung spielt ganz in Korinth. Weit zurück liegen die Untaten Medeas, die Giasone in ihrer Heimat Kolchiszum Goldenen Vlies verholfen hat, ihm in dessen griechische Heimat gefolgt ist und sich hier mit ihm vermählt hat. Giasone aber hat sich mittlerweile von ihr ab-und Creusa, der Tochter des Königs Creonte zugewandt; sie ist ihm als Frau versprochen, und wie er siegreich aus einer Schlacht zurückkehrt, scheint er am Ziel: Die Hochzeit der beiden wird verkündet, Medea soll verbannt werden, ihre beiden Kinder jedoch sollen in Korinth bleiben. Doch Medea kämpft, verbündet sich mit dem Athener König Egeo, der seinerseits nicht von der ihm ursprünglich zugedachten Creusa lassen will. Und das Unheil nimmt seinen Lauf: Ein vergiftetes Kleid, das Medea der Königstochter zur Hochzeit schenkt, bringt dieser und ihrem Vater den Tod, Medea tötet ihre beiden Kinder und rächt sich so an Giasone; sie selber entflieht mit Egeo, den sie zuvor aus dem Gefängnis befreit hat.

Die äußeren Geschehnisse folgen ziemlich genau der griechischen Sage. Doch Mayr und sein Librettist Felice Romani haben die Gewichte subtil verschoben. Medea ist nicht das Monster, das Verderben bringt, wo es hinkommt, sondern die Fremde, die Barbarin, die ihrem Geliebten gefolgt ist, für ihn ihre früheren Verbrechen begangen hat und nun, da sie ihm im Weg steht, wieder weggeschickt, verbannt werden soll. Süß und sehnsüchtig umschmeichelt die Solovioline ihren ersten großen Auftritt wie auch die ausgedehnte, mit grandios gesungenen Koloraturen gespickte Arie, in der sie sich in ihre Wahnsinnstat an den Kindern hineinsteigert – beides lange Momente, in denen Elzbieta Szmytka die ganze ausweglose Tragik dieser Medea aus sich herausschleudert, das Entsetzen in Erbarmen und Mitleid umschlagen lässt.

Gegenbild ist der Giasone Mark Milhofers: Er wird zusehends zum berechnenden, gefühllosen Spieler, der nach Medea nun auch Creusa nur braucht, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Da kann seine wandlungsfähige Stimme schneidend scharf werden, seine Körpersprache als Lüge entlarven, was er seiner neuen Geliebten schmeichelnd einflüstert. Zwischen diesen beiden zentralen Gestalten steht Evelyn Pollocks Creusa, stimmlich tadellos auch sie, hin und her sich biegend zwischen vorbehaltloser Zuneigung zu Giasone und leisen Anflügen misstrauischer Abwehr. Ihrem Vater Creonte, mit Stummelbeinen in den Rollstuhlgebannt, gibt Wojtek Gierlach Züge eines Mannes, der seiner Gefühle und seiner Sinne nicht mehr durchwegs mächtig ist, während Lawrence Brownlee den Egeo mit ungemein kernigem und doch beweglichem Tenor und ebenso großer szenischer Präsenz gestaltet.

Große Oper auf der Bühne, große Oper auch im Orchester: Das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung seines Chefdirigenten David Stern musiziert mit spürbarem Engagement, schwelgt bald in betörendem Schönklang und strömender Melodie, lässt sich dann wieder zu brüsken Ausbrüchen und beinahschmerzhaften Kontrasten verleiten. Eine Fülle schöner Soli der Streicher wie vor allem der Bläser lassen die Partitur in ihrer ganzen Farbigkeit aufblühen. Und doch bleibt weder instrumentale Farbe noch sängerische Kunstfertigkeit je Selbstzweck; beide sind vielmehr eingebettet in die weiten Linien und vor allem in eine differenzierte Ausdeutung von innerem und äußerem Geschehen.
 

Neue Zürcher Zeitung
20. Oktober 2009 von Jürg Huber
Mordende Sympathieträgerin

Der 1763 geborene Komponist Giovanni Simone Mayr wurde zu Lebzeiten gefeiert, geriet aber nach seinem Tod bald in Vergessenheit. Nun feierte eine Neuedition seiner 1813 komponierten "Medea in Corinto" im Theater St. Gallen Premiere.


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Abendzeitung
20. Oktober 2009 von Robert Braunmüller
Wilde Beschwörung der Unterwelt

In St. Gallen zu entdecken, in München zu erleben: Mayrs Oper "Medea in Corinto"


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St. Galler Tagblatt
19. Oktober 2009 von Bettina Kugler
Applaus für Opernrarität
Rache ist süffig

Opernrarität - Das Theater St. Gallen hat mit der Belcanto-Oper Medea in Corinto einen guten Griff getan. Am Samstag war heftig applaudierte Premiere.


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Der Landbote
19. Oktober 2009 von Herbert Büttiker
Epochaels zwischen den Epochen

Ein spannenes Kapitel Operngeschichte wird im Theater St. Gallen aufgeschlagen: Zu entdecken ist der Komponist Giovanni Simone Mayr und dessen erstaunliches Hauptwerk "Medea in Corinto". Man möchte ihm öfters begegnen.


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Donaukurier Ingolstadt
Kultur - 19. Oktober 2009 von Jesko Schulze-Reimpell
Im Steinbruch der Mythen

St. Gallen (DK) Vielleicht ist das ja der Durchbruch für Simon Mayr: Im Theater St. Gallen ging das wohl erfolgreichste Werk des gebürtigen Mendorfers, seine "Medea in Corinto", seit über 150 Jahren erstmals wieder über die Bühne – und es gelang einfach alles.


Lange Schatten des Unglücks: Hinter Medea (Elzbieta Szmytka) sieht man die Silhouette der ermordeten Kinder im Kinderwagen
Foto: Dorendorf

Das Publikum bejubelte nach gut drei Stunden eine grandiose Premiere mit vorzüglichen Sängern, einer atemberaubend intelligenten und fantasievollen Inszenierung des Regiestars David Alden und ein engagiert aufspielendes Orchester unter der Leitung von David Stern.

Die Anstrengungen von Operndirektor Peter Heilker (dessen Anliegen es seit Jahren ist, Mayrs "Medea" herauszubringen) haben sich also gelohnt. Sie waren allerdings auch nötig. Denn dass Simon Mayr einer der besten Komponisten der Zeit um 1800 ist, hat sich in Fachkreisen längst herumgesprochen. Was letztlich auch nach der Ausgrabung der Oper "Fedra" 2008 am Staatstheater Braunschweig immer noch der Überprüfung harrt,ist die Bühnentauglichkeit seiner Werke. Die "Fedra"-Produktion gab dafür Anhaltspunkte, trotz gravierender Schwächen der Regie. In St. Gallen hatte man dagegen einen der international besten und vor allem innovativsten Regisseure engagiert. Der Amerikaner David Alden, der während der Intendanz Peter Jonas’ fast so etwas wie den Status eines Hausregisseurs an der Bayerischen Staatsoper hatte, gilt als einer der stilbildenden Regisseure.

Die Oper dekonstruiert

Mit der 1813 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführten "Medea" hatte Alden eine überaus glückliche Hand. Alden ist der große Dekonstruktivist des Musiktheaters. Opern spielen bei ihm nicht mehr an genau bestimmbaren Fixpunkten im Raumzeitkontinuum, sie haben überhaupt kein genaues Bezugssystem, sondern ereignen sich im Mythenreich. Hier ist alles erlaubt, was die Handlung deutlich macht. So beginnt die Oper scheinbar im Empire der Mayr-Zeit, wenn Creusa (in der griechischen Mythologie: Glauka), die Tochter Creontes (Kreon), vor Furcht und Sorge bebend die Bühne vor einem Prospekt mit einem poppig dargestellten griechischen Streitwagen betritt. Aber dabeibleibt es nicht: Sofort werden Bezüge zur Bibel entwickelt, wenn ein Kind hinter Creusas Chaiselongue einen Apfel verführerisch in die Höhe hält. Später rollt ein moderner Kinderwagen über die Bühne, ein Empire-Saal weitet sich zu einer maroden Hochhaus-Wüstenei. Alden benutzt die Symbole unseres kollektiven Unterbewusstseins wie einen Steinbruch. Er nimmt sich, was ihm brauchbar erscheint, von der griechischen Antike bis zur Ikonografie des Hollywood-Films. Da erscheint Medeas Ehemann Giasone, der sie verstoßen will, um die schöne Creusa zu heiraten, in Blue Jeans und langem (manchmal goldenen) Mantel wie ein Held aus einem Italowestern (Kostüme: Jonathan Morell). Und die bösartig-verzweifelte Medea verwandelt sich in einen einsamen dunklen Raubvogel. Wenn sie die Trauung stört, flattern bedrohlich Vögel über die Kulissenwand, als befänden wir uns im Hitchcock-Film.

Vor allem aber ironisiert Alden das Bühnengeschehen und gibt der anfangs noch eher heiteren italienisch-melodienseligen Musik damit eine ganz eigene Bedeutung. Zu den lustvoll-lustig trällernden Klarinetten und den perlenden Harfenarpeggien tänzeln naiv die Hofschranzen durch die Kulissen, die Damen mit hochtoupierten Haaren, König Creonte als kindischer gackernder Alter im Rollstuhl. Erst wenn Medea wie aus einer anderen Welt kommend Berührung mit dem dekadenten Hofstaat aufnimmt, wird die Musik genauso düster wie ihr vogelartiges Kleid.

Verkehrte Welt

Für den Anfang des zweiten Aktes, wenn Medea ihren Racheakt plant, hat Mayr vielleicht die depressivste Musik seines Lebens komponiert. Bläser und Streicher grollen in Moll, während die Kontrabässe völlig allein unirdisch kalte chromatische Klänge produzieren: Musik zum Gruseln.

Man merkt: Medeas blutige Rache zerstört den komisch-bunten Hofstaat. Plötzlich befinden wir uns in einer verkehrten Welt. Das Publikum scheint von hinten auf die Kulissen zu blicken. Mit Pegasus reitet nun nicht mehr der vermeintlich positive Held Giasone heran, sondern der Gegenspieler Egeo von entgegengesetzter Seite. Und auf dem Kinderwagen rollen die Leichen der Kinder herein, genau so, dass er in Medeas großem Schatten zum Stehen kommt. Das Orchester stimmt eine letzte entsetzende Trauermusik an, mit eiskalt blökenden Trompeten und überhitzten Streichertremoli.

Auch wenn Mayrs Oper noch eine Opera seria ist, betritt der bayerische Komponist Neuland. Denn er wertet die Rezitative musikalisch auf, begleitet sie dramatisch, dass sie eine ganz eigene Qualität des Sprechgesangs entwickeln. Ein Bruch zwischen Arie und Accompagnato-Rezitativ ist so kaum noch zu spüren.

Die mitunter berückendsten Szenen hat Medea gerade in Rezitativen, etwa im ersten Akt, wenn sie mit düsteren lang gezogenen Tönen die verlorene Liebe beklagt. Hier wird sehr viel von der Medea-Darstellerin erwartet, deren Sopran sowohl hochdramatisch dunkel als auch sehrflexibel sein sollte. Elzbieta Szmytka geht die gewaltige Partie eher mit einer koloraturseligen, etwas zu leichten Stimme an. Fast perfekt singt und spielt die Sopranistin Evelyn Pollock die Gegenspielerin Creusa. Und auch die anderen Rollen sind vorzüglich besetzt, hervorstechend der Nachwuchsstar der Metropolitan Opera Lawrence Brownlee als Egeo.

Einen exzellenten Eindruck hinterließ das Sinfonieorchester St. Gallen mit seinem Chefdirigenten David Stern. Gerade die zahlreichensolistischen Passagen (Violine, Harfe, Klarinette ), die der Oper ihren spezifischen Charakter geben, gelangen hervorragend. Stern dirigierte mit Drive und Sinn für die melodische italienische Belcanto-Musik. Er hat der Musik Mayrs in dieser Produktion den wohl größten Dienst erwiesen.
 
 

Simon-Mayr-Tage 2009

 

Donaukurier Ingolstadt
Kultur - 21. September 2009 von Jesko Schulze-Reimpell
Gute Musik, schwaches Libretto

Ingolstadt (DK) Bei den Ingolstädter Simon-Mayr-Tagen erklang erneut ein Oratorium des Mendorfer Komponisten in deutscher Erstaufführung. Man möchte das Ereignis am liebsten auf einen Begriff bringen: "Il Samuele" ist meisterhaft komponiert. Nur sehr wenige Komponisten waren Anfang des 19. Jahrhunderts in der Lage, derart gekonnt Oratorienmusik zu schreiben. Nicht ohne Grund wird Mayr immer wieder "Vater der italienischen Oper" genannt. Kaum ein anderer Komponist in dieser Zeit war so einflussreich, kaum ein anderer beherrschte das Handwerk so souverän.


Klangmächtiges Oratorium: Franz Hauk dirigiert "Samuele" in der Ingolstädter Asamkirche
Foto: DK / Rössle

Aber dieses Urteil ist nur ein Teil der Wahrheit. Um 1820 hatte sich Simon Mayr als Opernkomponist schon wieder zurückgezogen, er überließ anderen, moderneren Tonsetzern das Feld, etwa Rossini. Nun konzentrierte er sich auf opernhafte Oratorien und pflegte dabei einen äußerst eleganten Spätstil, in dem er italienische, volkstümliche Melodik mit der ausgefeilten Kontrapunktik und Harmonik der deutschen Klassik kombinierte. Das konnte auf diesem hohen Niveau kein anderer Komponist dieser Zeit. Dennoch: Diese Werke gerieten nicht ohne Grund in Vergessenheit: die Libretti dieser "Opertorien" sind zu schwach, zu undramatisch, zu handlungsarm.
Lähmende Handlung

Ein Mangel, an dem auch das 1821 uraufgeführte "Samuele" zu leiden hat. Vor lauter retardierenden Momenten, vor lauter komponierten Gebeten, Hymnen, Märschen, Lobpreisungen passiert einfach zu wenig. Es dauert lange, bis der einzige psychologisch spannende (innere) Konflikt kulminiert: Samuele muss seinem Lehrer Eli schweren Herzens beibringen, dass Gott dessen sündige Kinder bestrafen wird, dass er ihm, Samuele, die Macht geben wird. Aber Mayr komponiert diesen dramatischen Konflikt als vom Orchester begleitetes Rezitativ – sicherlich dramatisch und gekonnt. Aber durch Arien und Duette wäre man dieser zentralen Passage gerechter geworden. Dann folgt der musikalisch gewaltigste Abschnitt des Oratoriums: Gottes Zorn richtet sich in einem Gewitter gegen das verbrecherische, ungläubige Volk. Hier kann sich Mayr austoben, den Chor zornig aufschreien, die Piccoloflöte zuckende Blitze imitieren lassen, durch heftige Tremoli der Streicher und kühne Dissonanzen der Blechbläser Weltuntergangsstimmung ausmalen. Das ist vorzüglich komponiert, ähnlich wie die Gewitterszene der Oper "Fedra". Andere Passagen des etwa anderthalbstündigen Werks sind weit weniger dramaturgisch gelungen – und doch hat Mayr verblüffende Musik geschrieben. Etwa das erste Duett zwischen Anna und Elcana, den Eltern von Samuele: Wie gewandt Mayr hier eine naturhafte Schäfchenidylle hintergründig hinzufügt mit wenigen Einsätzen des Horns, der Flöte und Klarinette das ist einfach beispiellos. Ganz anders als in der frühromantischen Oper üblich gestaltet das Orchester hier nicht nur den harmonischen Hintergrund für die Sänger, sondern hat ein eigenes Gewicht, mit eigenständigen Motiven. Überhaupt: Die Instrumentationskunst Mayrs ist brillant. So kommt er auf die Idee, eine Arie der Anna fast ausschließlich nur von Bläsern begleiten zu lassen. Oder er fügt am Ende des Oratoriums ein kleines Melodram ein, das von Harfe, Cello und Solovioline umspielt wird. Der Erfolg der Aufführung in der Ingolstädter Asamkirche hat natürlich auch viel mit den vorzüglichen Musikern zu tun. Dabei ragte der ziemlich bekannte, balsamisch weicht singende Mozart-Tenor Rainer Trost (als Elcana) mit seinem Talent keineswegs besonders heraus: Auch die anderen drei Solisten waren durchweg hervorragend.
Fesselnder Mayr-Chor
Susanne Bernhard (Anna) beeindruckte mit ihrem ziemlich mächtigen und zugleich sehr klar klingenden Sopran, Andrea Lauren Brown (als Samuele) machte Eindruck durch die knabenhafte Reinheit ihres Gesangs und mit ihrer Fähigkeit, am Ende ungeheuren Zorn darstellen zu können. Ein fabelhafter Bariton ist zudem Jens Hamann (Eli), der seine Rolle höchst differenziert und klangschön anging. Fesselnd, intonationssicher und kraftvoll agierte zudem der Simon-Mayr-Chor, eine hochprofessionelle Leistung. Und auch das Georgische Kammerorchester spielte auf gewohnt hohem Niveau unter der Leitung von Franz Hauk. Der allerdings hätte gelegentlich noch markantere Akzente setzen können.
 

Donaukurier Ingolstadt
Kultur - 18. September 2009 von Jesko Schulze-Reimpell
Ein bedeutender Tenor singt Simon Mayr

Ingolstadt (DK) Rainer Trost (Jahrgang 1966) ist ein Mozart-Tenor zum Niederknien. Ein Sänger, der an den großen Häusern der Welt gastiert (etwa regelmäßig bei der Bayerischen Staatsoper oder den Salzburger Festspielen) und mit den besten Dirigenten zusammenarbeitet.


Tenor Rainer Trost bei der Probe in der Ingolstädter Asamkirche
Foto: DK/Herbert

Jetzt singt er in Ingolstadt, gestaltet zusammen mit dem Dirigenten Franz Hauk und dem Georgischen Kammerorchester Simon Mayrs Oratorium "Samuele". Ihn zu engagieren war dabei ausgesprochen unkompliziert: Ein Telefonanruf von Hauk, ein Blick in den Terminkalender und Trost hatte sich entschieden. Der Grund dafür ist einfach: Der gebürtige Stuttgarter liebt es, jenseits der ausgetretenen Pfade des Klassikgeschäfts Neuheiten zu entdecken. "Ich finde es besser, mal ein hervorragendes Werk von einem eher unbekannten Komponisten vorzustellen, als die 185. Version von einem Haydn-Stück, das vielleicht gar nicht besonders gut komponiert wurde. Nur weil Haydn draufsteht." Ein noch wichtigerer Grund für das Engagement: Trost schätzt den Belcanto-Gesang, jene Gesangschule, die besonders im 18. und frühen 19. Jahrhundert einen besonders wendigen und klangschönen Stil pflegte. Mayrs Oratorium ist dabei für Trost "reinstes Belcanto". Er schwärmt von dieser immer etwas heiteren Stimmung, die selbst dann vermittelt wird, wenn es um Trauriges geht, von der Leichtigkeit und dem Filigranen der Stimmführung. Ihm gefällt das opernhaft Sinnliche, das Farbige dieser Musik – "gerade als Katholik". Für ihn ist die Asamkirche mit ihrem barocken Pomp geradezu der ideale Aufführungsort für die deutsche Erstaufführung von Mayrs "Samuele". Mit den Idealen des Belcanto-Gesangs geht Trost seit Jahren auch seine übrigen Rollen an. Die allerdings gehören nicht unbedingt zur Belcanto-Literatur im engeren Sinne: Bellini, Donizetti und Rossini hat er in seiner Karriere bisher eher selten gesungen. Seine künstlerische Heimat ist vielmehr die Wiener Klassik. Die wichtigen Mozart-Partien hat Trost, der seit Jahren freiberuflich arbeitet und nur wenige Jahre in Hannover fest im Ensemble wirkte, unzählige Male auf der Bühne dargestellt, fast immer mit großem Erfolg. Aber manchmal bedauert er auch die Einseitigkeit – Ausdruck des Schubladendenkens der Konzertveranstalter und Dirigenten. Denn er fühlt, dass seine Fähigkeiten über Mozart hinausgehen. "Meine Stimme ist eigentlich auch sehr gut für Koloraturen geeignet. Dennoch hatte ich bisher kaum die Möglichkeit, in Barockopern mitzuwirken." Dennoch denkt er nicht daran, sein Repertoire massiv zu erweitern, wie etwa sein Studienkollege Jonas Kaufmann, der kürzlich Wagners Lohengrin in München darstellte. Sein musikalisches Wirken, das spürt Rainer Trost, wird immer im Umkreis von Mozarts großen Opern stattfinden. Diese künstlerische Nähe hat allerdings nichts mit der räumlichen Nähe zum Lebensumkreis des genialen Komponisten zu tun: Trost lebt in Wien – aber nur, weil es ihm dort gefällt. "Ich mag einfach das Legere", erzählt er. In seiner Freizeit beschäftigt sich Rainer Trost mit seinen Hobbys: Er ist ein leidenschaftlicher Sportler, gerade hat er den Tauchschein absolviert. Aber er fährt auch gerne Motorrad. Angst um seine Stimme hat er bei all diesen Aktivitäten eigentlich nicht. Solange man vorsichtig sei, könne wenig passieren, meint er. Und: "Man darf es nicht laut sagen, aber: Das schlimmste für die Stimme ist letztlich das Singen."
 

Donaukurier Ingolstadt
Kultur - 06. September 2009 von Friedrich Kraft
Klangprächtiges Lamento



Riesigen Beifall gab es für die Aufführung des Mayr-Oratoriums in Ingolstadt.
Foto: Schalles


Ingolstadt (DK) Die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft mitsamt ihrem Netzwerk hat hinlänglich zu tun. Vieles aus dem umfänglichen Werk des gebürtigen Mendorfers und Wahlitalieners bietet sich an zur Wiederbelebung.

Zum Auftakt der Simon-Mayr-Tage gab es nun in der voll besetzten Kirche Maria de Victoria die Ausgrabung des geistlichen Oratoriums "Il Sacrificio di Jefte", das Opfer des Jefte, von 1795.
Zugrunde liegt ein Stoff aus dem Alten Testament, der hebräischen Bibel, aufgezeichnet im Buch Richter, Kapitel 11. Jiftach, so die Schreibweise in der Originalsprache, gehört dem jüdischen Stamm Gilead an, wird, weil Sohn einer Hure, von den Halbbrüdern verstoßen, dann aber wegen seiner Tugenden als Krieger zurückgebeten, um als Häuptling sein Land gegen die feindlichen Ammoniter zu verteidigen. Vor der Schlacht gelobt Jiftach dem Gott Jahwe: "Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem Herrn gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen." Das Gelübde hat eine tragische Konsequenz. Jiftach kehrt siegreich zurück, und aus seinem Haus kommt ihm entgegen "mit Pauken und Trompeten" seine Tochter, sein einziges Kind, dessen Schicksal damit besiegelt ist. Das Mädchen, im biblischen Text namenlos, fügt sich darein, erbittet aber noch eine Frist zur "Beweinung meiner Jungfrauenschaft" in den Bergen. Die Erzählung schließt lakonisch: "Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte. Und es ward Brauch in Israel, dass die Töchter Israels jährlich hingehen, zu klagen um die Tochter Jiftachs, des Gileaditers, vier Tage im Jahr."

Johann Simon Mayrs ziemlich schmalbrüstiger Librettist Giuseppe Maria Foppa lässt die Handlung mit Jeftes Rückkehr aus dem Krieg beginnen, gibt der Tochter den Namen Seila, stellt ihr mit Abnero einen fürstlichen Liebhaber zur Seite, fügt die Rolle des Hohepriesters Jaddo ein und walzt ansonsten die biblische Episode in barocker Gefühligkeit und psychologischer Sprunghaftigkeit aus, insinuiert schwammig, dass die Jungfrau nicht als Brandopfer sterben muss, sondern nur der irdischen Liebe entsagt, um sich in den Dienst der göttlichen zu stellen.
Ein großes Lamento jedenfalls über fast zwei Stunden – vom Komponisten aber klangprächtig und -sinnlich opernhaft erhöht. Hier wiederum zeigen sich Mayrs bedeutende Talente: seine Instrumentierungskunst, sein Faible für Tonmalerei, die effektvollen Vorlagen für Vokalsolisten. So ergibt sich nach einer erstaunlich heiteren Einleitungssinfonie ein rascher, lebendiger, kurzweiliger Wechsel von Rezitativen, Arien, Duetten, Trios, Quartetten und Choreinlagen.
Grandios nun bei der Aufführung in der Asamkirche die Solosänger, insbesondere die Altistin Stefanie Irányi in der unglaublich ausdrucksstark gestalteten Rolle der Tochter Seila, mit wunderbarem Stimmpotenzial und Dramatik gleichfalls sehr beeindruckend der Bassist Jochen Kupfer, der Tenor Robert Sellier und als Jefte die Sopranistin Hrachuhi Bassénz. Allesamt auf höchstem Niveau, ein Spitzenquartett. Dazu ein sehr feiner Beitrag dreier professioneller Sängerinnen aus dem Chor: Ines Krapp, Laura Faig, Anna Lapkovskaja. Und in glänzender Verfassung insgesamt ließ sich erneut der Simon-Mayr-Chor hören wie auch (mit unbedeutenden Eintrübungen) das Instrumentalensemble.
Am Schluss riesiger Beifall und ein Sonderapplaus für Franz Hauk, den nach altem Usus vor dem Cembalo agierenden musikalischen Leiter.
 

INTV - Fernsehen für die Region Ingolstadt
Donnerstag, 03. September 2009

Vorbericht Simon-Mayr-Tage in Ingolstadt 2009


Download des Fernsehberichts von INTV
(im Flash-Video-Format)

 

BR2 - KulturLeben
Bericht vom Donnerstag, 03. September 2009
Vorbericht über die Simon-Mayr-Tage 2009


Download als MP3
 



IZ - 02. September 2009



Donaukurier - Kulturteil - 08./09. August 2009
 

Donaukurier Ingolstadt
Kultur - 02. August 2009 von Karin Derstroff
Wiederentdecktes Oratorium



Probe im Kamerariat:
Stefanie Irányi, die mit Seila die größte Solistenrolle hat, und Franz Hauk, der künstlerische Leiter.
Foto: Herbert
 


Ingolstadt (DK) Für den Laien klingt es perfekt, wunderbar, betörend. Aber Franz Hauk, der Experte, feilt ausgiebig und unerbittlich am Detail. "Das muss aggressiver kommen" oder "zu lange Pause!" – und dann heißt’s, nur höflichkeitshalber in Frageform: "Machen wir’s noch mal" Da wird der Ruf nach Espresso laut.
Immerhin seit mittlerweile sechs Stunden sind vier Sänger und vier Streicher unter Hauks Dirigat in Arbeit, und Schluss ist heute noch lange nicht. Erste gemeinsame Solistenprobe zu "Il Sacrificio di Jefte" im Kamerariat, das am Freitag in der Maria-de-Victoria-Kirche als Auftaktkonzert die Simon-Mayr-Tage 2009 eröffnen soll. "Das ist für ein Oratorium eh schon eine lange Probenzeit", sagt gelassen Bariton Jochen Kupfer, der Espressodurstige, der mit Hrachuhi Bassénz (Sopran), Stefanie Irányi (Alt) und Robert Sellier (Tenor) die in der Tat "illustre" Solistenbesetzung im lang vergessenen Oratorium stellt. 1795 komponiert, schlief das Werk nach einer Geschichte aus dem Alten Testament 200 Jahre in den Archiven, nun soll "der Oratorienkrimi als moderne Uraufführung" seine Wiederauferstehung feiern. Dauerhaft: Auch diese Produktion wird auf CD veröffentlicht, die Aufnahmen laufen schon vor dem Konzert und füllen den Terminplan der Sänger noch etwas mehr. "Es ist schon anstrengend", sagen alle vier, und singen und trällern trotzdem auf dem Weg hinunter in eine kurze Pause weiter. Denn: "Es ist eine wunderschöne Musik", lobt der am Gärtnerplatztheater engagierte Tenor Robert Sellier, der wie ausnahmslos alle vier Solisten auf namhafte Wettbewerbsgewinne, Preise und beste Kritiken verweisen kann. Sellier singt Abnero, Liebhaber von Seila, welche von ihrem Vater Jefte Gott geopfert werden soll: Unglückseligerweise tat der Feldherr einen Schwur, um aus misslicher Lage zu entkommen. Dramatische Töne, hochpoetischer altitalienischer Text – "sehr schön und leicht", meint Kupfer, der die Rolle des Priesters Jaddo übernommen hat. "Farbig, sehr dramatisch angelegt, das Libretto macht was her", urteilt Stefanie Irányi, die mit Seila die größte Solistenrolle hat. "Aber auch meine Arien sind wunderbar", ergänzt die an der Staatsoper Nürnberg engagierte Sopranistin Hrachuhi Bassénz, die den Jefte singt. "Ich hätte nicht gedacht, dass Mayr so ist." Wie Kupfer und Sellier hat sie erstmals mit Mayr zu tun, während Irányi schon beste Erfahrung hat: Im Oratorium "The Marriage of Tobias" – die entsprechende CD wird beim Auftaktkonzert verkauft – sang sie die Titelrolle. Wirklich alte Hasen sind indes das 20-köpfige Simon-Mayr-Ensemble und der etwas kleinere Chor. Freilich: Letzterer auch diesmal ein ausgewählter Projektchor, und nicht jeder, der dabei sein wollte, ist dabei.