Pressespiegel

Der Schuss geht nach hinten los. Ein Wahlkrimi um den Präsidentenposten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft

Ingolstadt (DK) Die Wiederwahl des Vorsitzenden eines eher mittelgroßen Vereins ist meistens so spannend wie das Fernsehtestbild.

Bei der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft kam es diesmal jedoch völlig anders. Rainer Rupp (72) wurde mit großer Mehrheit für die folgenden drei Jahre als Präsident wiedergewählt. Zuvor jedoch spielte sich ein kleiner Wahlkrimi ab, der zeigte, wie uneinig die Simon-Mayr-Freunde in Wirklichkeit sind.

Eigentlich gibt es für einen Verein nichts Erfreulicheres als ein starker Zuwachs an Mitgliedern. Wenn allerdings innerhalb weniger Wochen die Mitgliederzahl um über zehn Prozent ansteigt, schrillen bei manchen die Alarmglocken. Rainer Rupp spürte so schon Tage vor der Mitgliederversammlung zur Neuwahl des Geschäftsführenden Vorstands, dass hier Mehrheitsverhältnisse verschoben werden sollen. So begann auch Rupp, neue Mitglieder zu werben. Vor allem aber bat er Mitglieder, die ihn unterstützen wollen, zur Versammlung am vergangenen Donnerstagabend ins Kamerariat zu kommen. Der Verein wuchs so seit Juli um über 50 auf nun ca. 280 Mitglieder, noch am Tag der Versammlung traten 14 Leute ein. Die Versammlung am Donnerstag wurde dann von 120 Mitgliedern besucht.

Am Mittwoch kam heraus, was eine Gruppe innerhalb der Simon-Mayr-Gesellschaft im Schilde führte. Die Internetausgabe der „Stadtzeitung“ publizierte einen Artikel, in dem über Rainer Rupps Amtsmüdigkeit spekuliert wurde; für den Präsidentenposten würde die Bundesabgeordnete der Grünen, Agnes Krumwiede (34), zu Verfügung stehen. Mit dem Präsidenten selbst hatte die „Stadtzeitung“ zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht gesprochen.

Was immer mit dem Artikel intendiert wurde: Der Schuss ging nach hinten los. Rainer Rupp war empört über die Unterstellungen, und unter seinen Unterstützern brach ein Sturm der Entrüstung aus.

Den man durchaus noch bei der Mitgliederversammlung spüren konnte. Sobald Maximilian Helmschrott, der frühere Rektor der Münchner Musikhochschule, Agnes Krumwiede als Kandidatin vorgeschlagen hatte, schlug ihr entschiedener Widerstand entgegen. SPD-Stadtrat Manfred Schuhmann meinte, wenn es ihr wirklich um Simon Mayr ginge, dann hätte sie bereits vorher dem Vorstand ihre Unterstützung anbieten und auch rechtzeitig ihre Kandidatur verkünden können.

Verärgert schien auch Stadtrat Achim Werner (SPD) zu sein. Krumwiede, die vor etwa vier Wochen der Gesellschaft beigetreten war, hatte zuvor verkündet, sie wolle sich um eine stärkere Vernetzung des Vereins kümmern, da sie (gerade in Berlin) über viele Kontakte verfüge. Nach Ansicht von Werner sei aber diese Fähigkeit der Kommunikation gerade eine Stärke von Rainer Rupp. Ein Austausch des Präsidenten sei daher nicht sinnvoll.

Bei der Wahl zeigte sich dann, wie die Mehrheitsverhältnisse tatsächlich liegen: Rainer Rupp wurde mit 67 Stimmen wiedergewählt, Agnes Krumwiede erhielt 29. Bei der sich anschließenden Wahl der weiteren Mitglieder des Geschäftsführenden Vorstands fiel besonders das schlechte Ergebnis für den Geschäftsführer Franz Hauk auf. Er wurde mit 42 Stimmen gewählt, erhielt aber auch 21 Gegenstimmen.

Der Denkzettel überrascht nicht. Denn Hauk gilt als Drahtzieher von Krumwiedes Kandidatur – obwohl er selbst vergangene Woche noch bei einer Abstimmung des Geschäftsführenden Vorstands für Rupp gestimmt haben soll.

Von Jesko Schulze-Reimpell



Rupp wiedergewählt

stattZEITUNGplus vom Freitag, 23.09. 2011:

Eil­mel­dung: Rai­ner Rupp wurde als Prä­si­dent der In­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft mit ein­deu­ti­ger Mehr­heit in einer tur­bu­len­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung wie­der­ge­wählt.

 

Er bekam 69 Stim­men, seine Kon­kur­ren­tin Agnes Krum­wie­de hin­ge­gen nur 29. „Ins­ge­samt lief die Sit­zung re­la­tiv rei­bungs­los ab. Manch­mal war es nicht ganz ein­fach, z.B. als die Leute, die vor der of­fe­nen Tür stan­den, nicht ein­tre­ten woll­ten, ob­wohl es noch freie Plät­ze in den ers­ten Rei­hen gab“, be­rich­te­te Ga­bri­el En­gert, Kul­tur-, Schul- und Ju­gend­re­fe­rent der Stadt In­gol­stadt und Vi­ze­prä­si­dent der in­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft. Nach­dem die drau­ßen ste­hen­den fünf­mal auf­ge­for­dert wur­den ein­zu­tre­ten und dann immer noch nicht woll­ten, wurde recht­mä­ßig mit der Wahl be­gon­nen. Alle Mit­glie­der im Saal haben sich für eine of­fe­ne Wahl aus­ge­spro­chen. Die an­we­sen­den Ju­ris­ten haben die Wahl als kor­rekt be­stä­tigt und auch für En­gert ist es „eine klare Sache“, dass Rupp wei­ter­hin der Prä­si­dent der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft ist. Er selbst habe Rupp vor­ge­schla­gen und be­grü­ße es, dass er es wie­der ge­wor­den ist.

 

Ur­sprüng­lich sah es so aus, als ob am Don­ners­tag­abend bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung der In­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft eine "har­mo­ni­sche Stab­über­ga­be" statt­fin­den würde. Dann hat sich her­aus­ge­stellt, dass hier of­fen­sicht­lich zwei Grup­pen am Werke waren, so dass es mög­li­cher­wei­se zu einer Kampf­ab­stim­mung bei der Wahl des Prä­si­den­ten kam.

 

Dem Ver­neh­men nach soll die An­zahl der Mit­glie­der in den letz­ten Wo­chen/Tagen stark an­ge­stie­gen seien. Dies deu­tet dar­auf hin, dass beide Lager mobil mach­ten. An­schei­nend wur­den von bei­den Sei­ten neue Mit­glie­der an­ge­wor­ben, die den Amts­in­ha­ber be­stä­ti­gen be­zie­hungs­wei­se eine neue Prä­si­den­tin wäh­len soll­ten.

Am Don­ners­tag­nach­mit­tag be­rich­te­ten wir wie fogt:

Mitt­ler­wei­le konn­ten wir beide Kan­di­da­ten er­rei­chen. Un­wahr ist, dass Rai­ner Rupp nicht kan­di­diert! Wahr ist, dass die­ses Ge­rücht be­stand. „Die­ses Ge­rücht wurde ge­zielt ver­brei­tet und ist ein Zweck­ge­rücht“, är­ger­te sich Rupp. Des wei­te­ren fin­det er es eine Frech­heit zu be­haup­ten, dass er aus Al­ters­grün­den nicht mehr an­tre­ten könne. Trotz sei­nes Al­ters, fühlt sich Rupp noch in der Lage das Amt aus­zu­füh­ren, da er „re­la­tiv fit“ sei und seine Zeit sinn­voll nut­zen möch­te. „Zudem hat die ge­sam­te Vor­stand­schaft am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag für meine Kan­di­da­tur ge­stimmt“, be­ton­te Rupp. Auch viele Mit­glie­der der Ge­sell­schaft ste­hen hin­ter ihm und haben ihn ge­be­ten, jetzt noch nicht auf­zu­hö­ren. Hin­ter­grund sind die Fei­er­lich­kei­ten der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft im Jahr 2013, denn seit ei­ni­ger Zeit lau­fen hier­für schon die Vor­be­rei­tun­gen.
Rupp ist sich zudem gar nicht si­cher, ob Agnes Krumm­wie­de heute Abend über­haupt an­tre­ten wird.


Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Agnes Krum­wie­de, die im Mo­ment noch in Ber­lin sitzt, ist sich je­doch si­cher, dass sie heute Abend kan­di­die­ren wird. Sie hat sich sehr ge­freut, als sie ge­fragt wurde, ob sie sich für Wahl zur Ver­fü­gung stel­len möch­te. Krum­wie­de ist der Auf­fas­sung, dass sie die Rich­ti­ge für diese Auf­ga­be ist, da sie ei­ner­seits kul­tu­rell ge­bil­det ist und durch ihre Po­si­ti­on im Bun­des­tag viele Ver­bin­dun­gen hat. „Ich kann mir vor­stel­len, dass ich neuen Wind rein­brin­gen könn­te, vor allem weil dann eine Frau die Füh­rungs­po­si­ti­on inne hätte“, sagte Krum­wie­de. Wenn sie die Wahl ge­winnt, möch­te sie „die Ge­dan­ken von Simon Mayr auf­le­ben las­sen und die Ar­beit wei­ter­füh­ren“. Ihr Ziel ist es auch, noch mehr junge Leute für die klas­si­sche Musik zu be­geis­tern.
Die 34-jäh­ri­ge Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und Mu­si­ke­rin kann sich das Amt auf­grund ihrer vie­len be­ruf­li­chen und per­sön­li­chen Er­fah­run­gen gut für sich vor­stel­len. In die­ser Hin­sicht ist sie sich mit Rupp einig, der gleich­falls auf seine Er­fah­rung hin­weist.



Verunstaltetes Meisterwerk

Theater im orientalischen Schmuckkästchen: Szene aus „Demetrio“ in Moutier. - Foto: Wolfsfellner Theater im orientalischen Schmuckkästchen: Szene aus „Demetrio“ in Moutier. - Foto: Wolfsfellner

Moutier (DK) Johann Simon Mayr ist seit 166 Jahren tot. Man möchte sagen: Gott sei Dank muss er nicht mitbekommen, wie heute zuweilen mit seinen wunderbaren Werken umgegangen wird.

Dabei will man nur das Beste beim kleinen Festival von Moutier in der Schweiz. Der Dirigent Facundo Agudin hat sich dort der letzten, 1824 in Turin uraufgeführten Oper des Meisters angenommen – und scheiterte. „Demetrio, re di siria“ in Moutier ist himmelweit entfernt vom Niveau der Mayr-Produktionen an der Bayerischen Staatsoper, in St. Gallen, Braunschweig oder Regensburg der vergangenen Jahre. „Demetrio“ in Moutier ist ein Mayr zum Abgewöhnen.

Das ist deshalb so beklagenswert, weil der in Mendorf geborene Tonsetzer der Nachwelt ein Meisterwerk hinterlassen hat. Ein Werk, das es verdient hat, wiederentdeckt zu werden, das unbedingt auf die Bühnen der großen Theater gehört.

Schwer hatte es Mayrs „Demetrio“ allerdings schon bei der Uraufführung. Das Stück wurde nur wenige Male gegeben, dann verschwand es in die Archive und wurde vergessen. So erfolglos waren nur wenige Opern Mayers. Die Abneigung des Publikums gegen das Werk hatte allerdings nachvollziehbare Gründe. Mayrs Stil war inzwischen vollkommen aus der Mode gekommen. Eine Opera seria mit ihrem antiken Stoff nach einer Metastasio-Vorlage wirkte im Umfeld der großen Rossini-Meisterwerke, der frühen Opern von Donizetti und Carl Maria von Weber wie ein Dinosaurier. Da spielte es fast keine Rolle, dass Mayrs Musik tatsächlich für seine Zeit durchaus modern war, dass er mit der Tradition der Opera seria kreativ und zukunftsweisend umging. So ist Mayrs Spätwerk eine merkwürdige Mischung aus romantischen Vorausahnungen, stilistischen Anklängen an Mozart und Haydn, Belcanto-Elementen, einem Schuss Rossini, verarbeitet zu einer sehr eigenwilligen Form. Vor allem aber zeigt sich Mayr hier mehr als in jeder anderen Oper, die in den vergangenen Jahren wieder aufgeführt wurde, als großer Melodienerfinder, als ein Künstler, der wunderbare, an Donizetti erinnernde Arien schreiben kann. So überlagert die gesamte Oper „Demetrio“ eine leise Melancholie, die allerdings immer wieder durch die prachtvoll-volkstümlichen Chortableaus und echte tragische Töne unterbrochen wird.

Die Oper greift eine antike Figur auf, Demetrio II., genannt Nikator, verändert die historischen Tatsachen aber weitgehend und dichtet die Geschichte um zu einem Plot im Geist der Aufklärung. Es geht um die Königin Cleonice, die Alceste liebt, ihn aber nicht heiraten kann, da er angeblich nicht adelig ist. Am Ende allerdings stellt sich heraus, dass er Demetrio ist, der Sohn des früheren Königs, den Cleonices Vater unrechtmäßig vom Thron gestoßen hatte. Einer Ehe steht dann nichts mehr im Weg.

Im kleinen Moutier spielt man die Oper in einem ehemaligen Schießstand: einem märchenschlossähnlichen Holzgebäude mit spitzen Türmen und dünnen Wänden, in dem immer ein kühler Lufthauch weht und das Publikum bei schlechtem Wetter frösteln lässt. Schlecht, wenn dann nicht einmal die Hitze der Leidenschaft das Publikum erwärmen kann.

Mayr wurde hier auf Schultheater-Niveau inszeniert. Regisseur Michal Znaniecki und sein Bühnenbildner Luigi Scoglio ließen die Geschichte in einem überdimensionalen Schmuckkästchen voller blinkender Glühbirnen und blitzender Riesenedelsteine spielen. Leider nötigte der zweistöckige Kasten die Darsteller dazu, eingezwängt in engen Fensteröffnungen zu agieren. Bewegung, Interaktion zwischen den Darstellern war so fast unmöglich. Dafür gab es Stehoper zu sehen, Darsteller, deren Bewegungsrepertoire dem von Verkehrspolizisten glich. Die Höhepunkte der Schauspielkunst in dieser Inszenierung waren der elegante Wechsel vom Stand- zum Spielbein und das unmotivierte Schwenken der Säbel. Dabei stellten die Sänger ihre ungeschickt antikisierenden Kostüme zur Schau. Eine Inszenierung also, bei der man besser wegguckt.

Dann allerdings konnte man die Produktion durchaus genießen. Besonders die Sänger machten ihre Sache hervorragend. Die kurzfristig eingesprungene Sopranistin Bénédicte Tauran, die aus dem Orchestergraben sang, während die indisponierte Sängerin Magdalena Nowacka auf der Bühne eher hölzern agierte, gestaltete die Partie der Cleonice grandios. Überzeugen konnte auch Amaya Domingues in der Hosenrolle als Demetrio/Alceste mit ihrer koloratursicheren, sehr farbigen Stimme und Piotr Friebe (Tenor) in der Rolle des Gegenspielers Olinto.

Facundo Agudin dirigierte das gut eingespielte Orchestre Symphonique du Jura meist etwas zu routiniert und emotionslos. Etwas flüssigere Tempi, etwas mehr Temperament hätten der Oper sicher gut getan.

Am Ende jubelte das Publikum, darunter rund 60 Mitglieder der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, die eigens mit dem Bus aus Ingolstadt angereist waren. Für sie zählte vor allem, dass wieder eine Oper des Mendorfer Komponisten auf die Bühne gebracht worden war, immerhin die fünfte Produktion seit drei Jahren. Und dass die Oper ein Meisterwerk ist. Jetzt hoffen sie, dass die Produktion in einer konzertanten Fassung als Gastspiel auch nach Ingolstadt kommt.

Von Jesko Schulze-Reimpell


Simon Mayr auf Bühnen in aller Welt

Facundo Agudin wird die Premiere von "Demetrio" dirigieren. - Foto: oh Facundo Agudin wird die Premiere von "Demetrio" dirigieren. - Foto: oh

Ingolstadt (DK) Kooperationen zwischen Theatern sind inzwischen überall zur Gepflogenheit geworden – was kein Wunder ist, kann man doch auf diese Weise eine Menge Geld sparen. 

Eine so umfassende, Länder und Kontinente, Theater und Festivals übergreifende Zusammenarbeit, wie sie sich jetzt bei der Inszenierung einer Oper von Simon Mayr (1763–1845) anbahnt, ist dagegen selten und ungewöhnlich. Eine Produktion der letzten von Mayr komponierten Oper "Demetrio" (uraufgeführt 1823 in Turin) soll an wahrscheinlich fünf verschiedenen Orten in der Schweiz, in Polen, Tschechien, Deutschland und Argentinien auf die Bühne gebracht werden.

Eingefädelt haben die internationale Produktion Reinhold Quandt und Michael Lochar vom Ricordi-Verlag, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, sämtliche der rund 800 Werke des Mendorfer Komponisten nach und nach zu publizieren. Nach Auskunft der beiden Ricordi-Mitarbeiter wird die Inszenierung dabei von Theater zu Theater einige Verwandlungen durchmachen. Das Grundkonzept wird sich allerdings erhalten – nicht zuletzt deshalb, weil immer der gleiche Regisseur das Bühnengeschehen bestimmen soll: der Pole Michal Znaniecki. Außerdem wird regelmäßig der Argentinier Facundo Agudin am Dirigentenpult stehen.

So wird es bei der Premiere im Juni 2011 beim Schweizer Festival in Moutier (Kanton Bern) zunächst nur ein sehr sparsames Bühnenbild geben, das allerdings die Grundlage bilden soll für die späteren sehr viel opulenteren Dekors. Vom kleinen Festivaltheater in Moutier, wo Oehms-Klassik auch eine CD produzieren wird, zieht die Produktion möglicherweise weiter nach Ingolstadt. Dort könnte "Demetrio" im September 2011 als Operngastspiel den regulären Theaterspielplan bereichern. Die Verhandlungen mit dem Theater Ingolstadt sind hier allerdings noch nicht abgeschlossen. Weiter geht es dann nach Buenes Aires ins Teatro Argentino de la Plata, das zu den größten Opernhäusern Lateinamerikas zählt. Dort soll die Mayr-Oper im April und Mai 2012 aufgeführt werden, außerdem gibt es dort die Überlegung, eine DVD herauszubringen. Das Bühnenbild wird für die riesenhafte Bühne völlig neu erstellt, allerdings nach der selben Konzeption, die schon in Moutier verwendet wurde. Die Kostüme werden von dort übernommen. Die gesamte Ausstattung soll dann nach Poznan (früher Posen) in Polen verschickt werden, wo die Oper im Mai, Oktober, November und Dezember läuft. Am Ende wird "Demetrio" schließlich in Ostrava (Tschechien, früher Ostrau) auf dem Spielplan stehen, im Mayr-Jubiläumsjahr 2013. Der Komponist wurde 250 Jahre vorher in Mendorf geboren.

Beim Ricordi-Verlag geht es nun darum, möglichst schnell die Partitur zu erstellen. Herausgeberin der wissenschaftlichen Edition ist die Ingolstädter Musikwissenschaftlerin Iris Winkler. Bis Mitte Juni sollen Teile bereits dem Dirigenten Agudin vorliegen. Der enorme Zeitdruck macht Reinhold Quandt zu schaffen. Denn überraschende Anfragen nach neuen Partituren erschweren eine vernünftige Planung für die Edition der Mayr-Werke immer wieder.

Der in der Schweiz lebende Dirigent Facundo Agudin war übrigens schon nach der Lektüre nur einiger Partiturseiten von Simon Mayr begeistert. Er glaubt fest daran, dass der bayerische Komponist sich am Opernmarkt behaupten wird. Besonders lobt er die ausgefeilte Orchestrierungskunst des Meisters. Den Dirigenten Agudin wird man übrigens bereits am 10. November dieses Jahres in Ingolstadt hören können. Dann gastiert er beim Konzertverein Ingolstadt mit seinem Orchestre Symphonique du Jura, das in Moutier auch die Mayr-Oper aufführen wird. Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Schumann und Beethoven.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Eine heitere Totenmesse

Eichstätt (DK) "Etikettenschwindel" ist ein Wort, das einem in den Sinn kommen kann, wenn man über die regional veranstaltete Musikreihe anlässlich des Gedenkens des Lokalmatadors Simon Mayr nachdenkt (etwa über das Konzert "La Scala" ganz ohne Sänger der Mailänder Scala).

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Beim Abschlusskonzert der "1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele" im Hohen Dom zu Eichstätt steckte der Teufel der Irreführung immerhin allein in einem vom gefeierten Tonsetzer selbst zu verantwortenden Detail.
 
Es erklang die "Grande Messa di Requiem g-Moll", gesungen von der Sopranistin Margriet Buchberger, der Altistin Stefanie Irányi, dem Tenor Martin Platz, dem Bassisten Thomas E. Bauer und dem Eichstätter Domchor, instrumental flankiert vom Ensemble L’Arpa Festante. Die musikalische Leitung mit einem souveränen Dirigat hatte der Eichstätter Domkapellmeister Christian Heiß.
 

Problematische Akustik

Soweit es sich angesichts der äußerst problematischen Akustik des Eichstätter Doms sagen lässt, trug der Domchor das abendfüllende Werk mit großer Brillanz vor. Eine Zumutung an das Publikum war es angesichts der ungeeigneten Klangverhältnisse allerdings, dass Solisten, Instrumentalensemble und Chor gänzlich hinter dem Altar positioniert waren. Damit ergab sich bereits in den ersten Reihen ein wabriger Tonbrei.

Dennoch war es ein schönes und bei aller Länge des Stücks auch kurzweiliges Konzerterlebnis. Woran lag das? – Nicht so sehr am barock instrumentierten Klangkörper; weil verpatzte Einsätze der Bläser und eine manchmal überstrapazierte Intonation der Streicher einfach nicht schön sind.

Zu einem guten Teil lag der Erfolg des Konzerts an der Leistung des Chores. Hier stimmte einfach alles: jeder Einsatz, jeder dynamische Spannungsbogen, die Ausgewogenheit der Stimmen. Christian Heiß kennt natürlich die Akustik seines Doms allzu gut. Und er ist ein hervorragender Gesangstrainer, der mit seinen exakten und fast lakonischen Bewegungen Erstaunliches aus seinem Chor holt. Zum Teil lag es auch an den Solisten, insbesondere Margriet Buchberger, die mit ihrer außergewöhnlich bewusst entwickelten Gesangstechnik faszinierte, sowie Martin Platz, der mit seiner enorm klangschönen und weit tragenden Stimme den Widrigkeiten der Akustik trotzte. Etwas sehr prätentiös dagegen der Bassist Thomas E. Bauer. Leider kaum zum Einsatz kam die Altistin Stefanie Irányi – was allein an der kompositorischen Unausgewogenheit des Werks lag.

Ohne Dramatik

Im letzten Formabschnitt, dem Offertorium, sind zudem plötzlich alle Nummern deutlich kürzer. Fast könnte man meinen, Mayr sei nichts mehr eingefallen. Aber ach – die Einfälle fehlten doch schon von Anfang an! Hier erklang der übliche Mayrsche, frühromantische Jargon ohne überraschende Wendungen, ohne bemerkenswerte Melodien, ohne wirkliche Entwicklung, ohne Dramatik. Es war am Sonntag immerhin die deutsche Erstaufführung des Werks. Es könnte gut die einstweilen einzige bleiben.

Ein etwas überraschendes, durchgehendes Charakteristikum hatte das Werk allerdings – und hierin lag denn auch sein verwirrendes, nachgerade irreführendes Moment: Es klang einfach nicht wie eine Totenmesse, sondern, wie sonstige spätklassische Unterhaltungsmusik üblicherweise: heiter bis ausgelassen.

Von Sebastian Ullrich

Wie ein gut geöltes Uhrwerk

Neuburg Neuburg (DK) Der Ort der Aufführung hätte nicht besser passen können. Das Kirchenkonzert im Rahmen der Internationalen Simon-Mayr-Festspiele mit der Wallfisch Band fand in der Wallfahrtskirche Heilig Kreuz in Bergen bei Neuburg statt. Die wundervolle helle Rokoko-Kirche die über und über mit goldenen Schnörkeln, floralen Ornamenten und lichten Heiligen-Bildern versehen ist, wurde 1755 erbaut – wenige Jahre also, bevor die an diesem Abend gespielte Musik komponiert wurde.

Eine optimistisch-lichte Umgebung also zur luftig-leichten Musik von Mozart, Haydn, Mayr und Myslivecek. Zudem aufgeführt an einem sonnigen Frühlingsabend – wunderbarer kann ein Festspielabend kaum beginnen. Zumal, wenn dann die Werke noch kongenial aufgeführt werden.
 

Die Wallfisch Band gehört zweifellos zu den renommiertesten Ensembles für Alte Musik. Wenn die etwa 16 Musiker Mayr spielen, holen sie das Beste aus diesen Stücken heraus. Wie gut sie sind, bewiesen die Musiker, die unter der Leitung der australischen Geigerin Elizabeth Wallfisch musizieren, allerdings bei einem Repertoire-Stück von Mozart: das Divertimento D-Dur KV 136. Perfekter, gelassener kann man dieses Werk kaum wiedergeben. Wie bei einem gut geölten Uhrwerk schnurrten die Streicherbewegungen, die Tremoli, die plötzlichen Attacken an einem vorüber. Elizabeth Wallfisch zählt nicht zu den Originalklang-Musikern, deren musikalisches Engagement die Grenze zum Exaltierten oder Manierierten überschreitet oder die jegliches wärmendes Vibrato ablehnen. Sie interpretiert maßvoll und mit innerer Ausgeglichenheit.

Das kam auch den an diesem Abend aufgeführten Werken von Simon Mayr zugute, die allesamt noch stark im Schatten des Frühwerks von Mozart und Haydn standen. Bei den Ouvertüren zu "Sisara" und "La passione" vermutet man zahlreiche von Mozart entliehene Floskeln. Die Wallfisch Band spielte das munter, perfekt und mit sympathischer Empfindsamkeit. Nicht minder unterhaltsam gerieten die Arien von Josef Haydn und dem tschechischen Komponisten Josef Myslivecek (1737–1781), die keinesfalls besser komponiert waren als die Werke von Simon Mayr (sondern eher schwächer). Der Tenor Andreas Weller sang das mit eher kleiner, sehr präziser, fast instrumental geführter Stimme und viel musikalischer Fantasie.

Eine Wendung zu tieferer, ernsterer Musik vollzog sich am Ende des Konzerts, als zwei weitere Mayr-Kompositionen auf dem Programm standen. Die Sinfonia aus "Tobia matrimonium" zeigte vor allem, wie virtuos Mayr instrumentieren konnte, wie interessant er Bläserchor vom Streichorchester absetzen kann, wie raffiniert er die Klänge später verschmelzen lässt. Und die Motette "O Virgo Immaculata" ist ein Parforceritt durch alle Register der Emotionen, von trübster Depression bis zum höchsten Himmelhochjauchzen des "Halleluja" am Ende der Motette. Ein Stück, das unter die Haut ging, wie kein anderes Werk an diesem Abend.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Rosarotes Simon-Mayr-Spektakel

Neuburg (DK) Mehr als 200 Jahre sind zwischen der Uraufführung und der aktuellen Inszenierung der Oper "Amore non soffre opposizioni" vergangen. Im Zeitraum dazwischen war Simon Mayrs Werk für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Anlässlich der Internationalen Simon-Mayr-Festspiele wurde die Oper neu aufbereitet und schließlich am Freitag im Stadttheater Neuburg auf die Bühne gebracht.

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Dem Staub der Bibliothek in Bergamo, wo die Partitur lange ruhte, konnte das Werk erfolgreich entrissen werden. Frisch und bunt kam die Inszenierung daher und verband sich erstaunlich gut mit der klassizistisch-heiteren Musik Mayrs. Das erfrischende Konzept wurde von Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding und des Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater in München erarbeitet (Regie: Lena Kupatz). Eine vielseitige Konstruktion aus grauen Quadern, versehen mit allerlei Schubladen und Türen, erfüllte seinen Zweck als Bühnenbild bestens (Ausstattung: Agathe MacQueen). Für die nötige Farbe sorgten die immer präsenten neonfarbenen Papierbögen.

Sie wiesen als starkes wiederkehrendes Element auf den Mittelpunkt der Handlung hin, ebenfalls ein paar Blätter Papier, auf denen die Eheschließung zwischen Ernesto und Gelsomina vertraglich festgesetzt werden soll. Argante, der Vater Ernestos, ließ sich diesen Vertrag einfallen, um seinen Sohn endgültig von einer früheren Liebschaft abzubringen. Gelsomina ist von der bevorstehenden Hochzeit hingerissen, ihr Vater Policarpo dagegen möchte dem Trubel rund um die Hochzeit möglichst bald entfliehen. Doch der Vertrag zwischen den beiden Vätern erweist sich bald als nichtig, weil Ernestos frühere Geliebte Elmira inkognito wieder auftaucht und sich ihren Geliebten schließlich zurückerobert.

Die komödiantischen Qualitäten der Oper konnten in der Inszenierung bestens herausgearbeitet werden. In rosa waren die Kostüme der aufgeregten Braut Gelsomina (Laura Faig) und ihres gutmütig-trotteligen Vaters (mit viel komödiantischem Talent: Philipp Gaiser) gehalten, in strengem dunkelblau dagegen die Kostüme des unsympathischen und überkorrekten Argantes (Giulio Alvise Caselli) und seines Sohnes Ernesto (Richard Resch).

Die stark überzeichneten Rollen boten den Sängern allerlei Steilvorlagen für komische Einlagen. So war Argantes Diener Martorello (Josef Zwink) während des ganzen Stücks stets um sein Baiser besorgt, dessen Verzehr ihm bis zum Ende nicht vergönnt sein sollte. Argante versuchte sich als fescher Liebhaber, die naive Gelsomina flocht sich immer wieder nörgelnd durch die Handlung, und der gestresste Policarpo ließ sich zur Beruhigung die Ohrläppchen massieren. Diesem Spaß schlossen sich auch die Musiker an und ließen mal ein Beethoven-Zitat, Anspielungen auf Mozarts und Rossinis Opern oder ein jazziges Zwischenspiel einfließen. Allgemein gelang es Franz Hauk, die Leichtigkeit, die das Stück durchzog, auch in der Orchesterbegleitung herauszuarbeiten.

Von der allgemeinen Heiterkeit ausgeschlossen waren allerdings Elmira (Monika Lichtenegger) und Ernesto, die sich gegenseitig das Scheitern ihrer Liebe vorwarfen. Monika Lichtenegger machte aus der Elmira eine starke, resolute Frau, die in ihrem Zorn sehr beeindruckend wirkte. Auch Richard Resch als Ernesto wirkte in seinem Widerwillen und seiner Verzweiflung überzeugend.

Interessante Ideen in Bühnenbild und Inszenierung, amüsante Verwechslungsspiele in der Handlung und sowohl gesanglich als auch schauspielerisch solide bis sehr gute Leistungen ließen Mayrs Oper zu einer heiteren und erfrischenden Unterhaltung werden.

Von Katrin Poese



Simon Mayr im Gottesdienst

Mendorf (DK) Jeder große Komponist muss irgendwann sein Festival bekommen. Zeit war es deshalb in Mendorf bei Altmannstein, endlich für geordnete Verhältnisse zu sorgen und mit einem spektakulären Konzert im Rahmen der 1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele das bedeutende Dorfkind zu feiern.

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Auf dem Programm stand Mayrs Missa in C-Dur für Soli, Orchester und Orgel, die sogenannte Orgelsolomesse, musiziert vom historisch stilsicheren Ensemble Gruppo Fiati Musica Aperta Bergamo mit instrumentaler Verstärkung und solistisch besetztem Chor unter der Leitung von Pieralberto Cattaneo.

Internationales Publikum

Und sogleich – wie so oft in internationalen Kontexten – wurden Synergieeffekte genutzt, indem der Auftakt in einen Gottesdienst gepackt wurde: So begegneten sich zu diesem feierlichen Anlass die Dorfgemeinde und das internationale Konzertpublikum, feierten und hörten gemeinsam eine Messe.

Profitiert hat davon der Pfarrer. Der machte seinen Einzug zu einem sehr schönen, epigonal-klassischen und völlig unsakralen Larghetto für Bläsersextett. Das wirkte entrückt, nämlich wie ein stumm geschalteter Film mit falscher Tonspur, während die versammelte Kirchengemeinde liturgiegefestigt aufstand. So fand sich denn auch das internationale Konzertpublikum stehend zum Beginn eines Festspielkonzerts, zu dem wie auf einer falschen Bildspur ein Gottesdienst begann.

Der Pfarrer, der seine Kommunionanwärterkinder für die ersten Reihen des Festspielekonzerts mitgebracht hatte, bekam das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht – so viele Schäfchen, und sogar zum Teil von so weit her! Nach seiner, ganz der katholischen Demutstugend verschriebenen Begrüßungsansprache – "wir feiern heute einen eurer Mitbürger, auf den ihr stolz sein könnt, Simon Mayr, aber mehr kann ich auch nicht über ihn sagen" – hatte er schon die Herzen der Besucher für sich gewonnen. Und ganz der handwerklich gefestigte Zeremonienmeister führte er Publikum und Gemeinde mit klaren und freundlichen Anweisungen und Gesten durch das Ritual – nach dem Vorsingen des Halleluja beispielsweise ein einladendes "und bitte", oder nach einem stimmgewaltig intonierten, vom Publikumsanteil vielleicht noch ein Stück inbrünstiger gesungenen Gemeindechoral ein bittendes "singmer‘s nochmal".

Unruhige Kinder

Nur die Kommunionskinder fingen bereits beim Gloria der Messe an, unruhig auf ihren harthölzernen Bänken herumzurutschen. Kinder sind nun einmal so erfrischend unverstellt im Herzen und ehrlich in ihrem Ausdruck – und haben eben ein von historischem Wissen unversehrtes Gefühl für Längen.

Wäre die Orgelmesse von Mozart, würde sie zu seinen weniger bedeutenden Werken zählen und würde möglicherweise nie aufgeführt werden, jedenfalls nicht im Rahmen von internationalen Festspielen. Freilich – schön musiziert war die Messe durchaus. Und gelungen war diese Auftaktveranstaltung allemal, mit einem denkwürdigen Pfarrer, der vielleicht sogar ein paar neue Schäfchen im Herzen dazugewonnen hat.

Von Sebastian Ullrich


Simon Mayr schafft Verbindung

Olga Peretyatko, Sopran, eröffnet mit einer Operngala das Musikfestival. Olga Peretyatko, Sopran, eröffnet mit einer Operngala das Musikfestival.

Ingolstadt (DK) Eine eigene Simon-Mayr-Kultur-GmbH hat man gegründet, um die ersten Internationalen Simon-Mayr-Festspiele hochprofessionell zu organisieren. Und die legte bei der gestrigen Vorstellung des Musikfestes, das von 6. bis 22. Mai den Mendorfer Komponisten im Bewusstsein der Menschen der Region 10 stärker verankern will, denn auch ein umfangreiches Konzertprogramm � und, als originelles Accessoire, einen "Mayr-Schlüssel" vor.

Das Laugengebäck in Form eines Notenschlüssels, von einer Praktikantin entworfen und bei der Bäckerei Hackner in Auftrag gegeben, wird bei der Werbung für das Festival künftig eine besondere Rolle spielen. "In zwei, drei Wochen verraten wir, was wir damit vorhaben", grinst Jürgen Bachmann, Geschäftsführer der GmbH. Kein Geheimnis mehr ist dagegen nun Konzept und Inhalt des Festivals. Neun Konzerte wird es geben, eine Opernaufführung, die Mayr-Farce "Che Originali", die als Kinderoper durch Schulen und Kindergärten tourt, zwei weitere Kinderprojekte zum Instrument Orgel und zum Komponisten und ein hochkarätiges wissenschaftliches Symposium unter dem Titel "Giovanni Simone Mayr auf der Bühne".

Die Besonderheit dieses Programms: Viele Konzerte sind sakraler Natur und in Gottesdienste eingebunden � und führen den Musikfreund quer durch die Region. Stimmungsvolle Aufführungsorte, wie das Kleinod der bei Schrobenhausen liegenden Wallfahrtskirche Maria Beinberg, die Basilika Scheyern oder die Taufkirche Mayrs St. Leodegar in Mendorf sollen mit Hilfe von Musik wiederentdeckt werden und zugleich das Bewusstsein von den Schätzen in "IngolStadtLandPlus" stärken. "Das schafft Zusammenhalt! Wir sind eine Region!", so der Schrobenhausener Landrat Roland Weigert, Vorstand der Initiative Regionalmanagement Region Ingolstadt (IRMA), dessen Gesellschaft das Festival wie weitere acht namhafte Partner kräftig mit sponsert. Im "sechsstelligen Bereich", so Bachmann, sind die Kosten für die knapp drei Wochen angesiedelt.

Doch die Kirchen der Region als Aufführungsorte gewählt zu haben, ist nicht nur identitätsstiftend und kulturstärkend gedacht, sondern ist auch dem Werk Mayrs selbst geschuldet. Der schrieb neben 70 Opern immerhin "Hunderte von Sakralwerken", erklärte der zweite Geschäftsführer der Kultur-GmbH, Franz Hauk. Es sei, so der ausgewiesene Mayr-Spezialist, der heutige Zugang, historische Musik in ihrer historischen Praxis aufzuführen. "Eine musikalische Messe sollte in den Zusammenhang gestellt werden, in dem sie im 18. Jahrhunderts stand, und dieser Zusammenhang ist die Liturgie, also der Gottesdienst", so Hauk.

Aber natürlich stehen auch weltliche Konzerte auf dem Programm � etwa gleich das allererste. Eine Operngala mit dem Georgischen Kammerorchester und der Koloratursopranistin Olga Peretyatko im Festsaal des Theaters Ingolstadt schafft mit Werken von Mayr, Donizetti und Rossini vielfältige Bezüge zu Leben und Werk des gebürtigen Mendorfers, der mit seinem Schaffen an der Schnittstelle zwischen italienischer Oper und Wiener Klassik stand. "Er wurde schließlich Wahlitaliener, Bergamasker", so Hauk � eine Tatsache, die die Gala mit Werken seines Schülers Donizetti und dem zweiten großen Opernkomponisten Italiens dieser Zeit, Rossini, aufgreift. Ebenfalls Opernarien von Mayr und Zeitgenossen präsentieren junge Opernstudenten der Mailänder Scala, und auch eine ganze Oper ist zu hören: "Amore non soffre opposizioni", ein Drama giocosa, ist die "letzte heitere Oper" Mayrs, "der Beginn seines Spätwerks also", erklärt Hauk. Und somit eine kleine Seltenheit.

Weitere Informationen über das Festival, das künftig im Zweijahresturnus stattfinden soll, gibt es unter www.simon-mayr-festspiele.de. Dort ist auch eine Tickethotline zu finden; der Vorverkauf beginnt kommenden Donnerstag.

Von Karin Derstroff

Stimmgewaltige Sopranistin

Lösten Begeisterungsstürme aus: Die Sopranistin Olga Peretyatko und der kurzfristig am Dirigentenpult eingesprungene Benjamin Shwartz. - Foto: Rössle Lösten Begeisterungsstürme aus: Die Sopranistin Olga Peretyatko und der kurzfristig am Dirigentenpult eingesprungene Benjamin Shwartz. - Foto: Rössle

Ausgerechnet diese Situation trat beim Eröffnungskonzert der 1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele im Ingolstädter Festsaal ein. Am Montag musste sich der Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ariel Zuckermann krank melden. Übernehmen sollte die Operngala der bereits ziemlich renommierte Amerikaner Benjamin Shwartz (31), der vor einigen Tagen das Familienkonzert des Georgischen Kammerorchesters gestaltete und bereits 2008 bei den Sommerkonzerten gastierte. Aber der Nachwuchsdirigent kannte nicht nur die Werke Mayrs nicht: Keine einzige Ouvertüre und keine Arie auf dem Programm hatte er je zuvor dirigiert.

Shwartz ließ sich am Abend vor der ersten Probe die Noten geben, stand am nächsten Tag um 3 Uhr morgens auf und bereitete sich bis zum Probenbeginn um 9 Uhr intensiv vor. Danach beherrschte er das Programm.

Beim Konzertabend war ein kleines Wunder zu erleben. Benjamin Shwartz dirigierte hinreißend: mit ansteckendem Elan, kreativ, effektvoll. Eine Riesenbegabung war zu erleben, vielleicht einer der Pultstars von morgen.

Am wirkungsvollsten gelang Shwartz sicherlich die Wilhelm-Tell-Ouvertüre von Rossini, ein fulminantes Effektstück. Shwartz ließ hier am Anfang dem Solocello genau das richtige Maß an Freiheit, um dann behutsam, voller lyrischer Schönheit die Naturschilderungen und Seelenstimmungen zu entwickeln und schließlich die brachiale Gewalt und den Triumph des Finales hereinbrechen zu lassen, nicht ohne am Ende das Tempo noch zu beschleunigen.

Im Mittelpunkt der Operngala stand allerdings nicht Benjamin Shwartz, sondern die junge, ebenso schöne wie schön singende Sopranistin Olga Peretyatko. Für die Heldinnen der bedeutenden Mayr-Tragödien ist die Russin eine Idealbesetzung. Allerdings war von den düsteren, grandiosen Arien an diesem Abend kaum etwas zu hören. Ausgerechnet die bedeutendsten Opern des Mendorfer Komponisten – etwa "Medea" und "Fedra" – kamen im Programm nicht vor. Stattdessen erklangen kompositorisch eher mittelmäßige Ausschnitte, die sich gegen die Konkurrenz der enorm effektvoll komponierenden Schüler und Konkurrenten des bayerischen Komponisten Donizetti und Rossini kaum behaupten konnten. So ist die Cavatina "Ombre amate" aus der Oper "I misteri eleusini" eine kurze, ziemlich reizlose Arie, die Ouvertüre von "Cora" eine etwas wahllose Aneinanderreihung mehr oder weniger schöner Themen. Allenfalls die tieftraurige Cavatina "Sommo clemente Dio" aus "I misteri eleusini" und die packende Ouvertüre zu "Mennone e Zemira" ließ erahnen, zu welcher Dramatik und zu welchem emotionalen Tiefgang Simon Mayr fähig ist.

So konnte Olga Peretyatko vor allem mit Arien der Mayr-Zeitgenossen Donizetti und Rossini glänzen. Besonders in der berühmten Arie "Regnava la silenzio" aus "Lucia di Lammermoor" zeigte die Russin, dass sie über eine in allen Lagen erstaunlich leichtgängige, warm vibrierende, angenehm dunkel getönte Stimme verfügt, die allerdings auch in den hohen Lagen absolut souverän anschlägt.

Aber ihr Sopran ist nicht nur volltönend, sondern auch erstaunlich koloratursicher wie sie in der Arie "Non si da follia maggiore" aus "Il turco in Italia" demonstrierte. Olga Peretyatko ist zweifellos eine große Entdeckung, eine Sängerin, die auf einem ähnlichen Niveau singt wie Anna Netrebko, Natalie Dessay oder Angela Gheorghiu und ein ungewöhnlicher Glücksfall für die Eröffnung der Mayr-Festspiele.

Von Jesko Schulze-Reimpell



Leichtgewichtige Klänge

Simon Mayrs Oratorium "Gioas" erklang zur Eröffnung der Simon-Mayr-Tage in der Ingolstädter Asamkirche. - Foto: Rössle Simon Mayrs Oratorium "Gioas" erklang zur Eröffnung der Simon-Mayr-Tage in der Ingolstädter Asamkirche. - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Mit dem Eröffnungskonzert der Simon-Mayr-Tage 2010 bescherte Dirigent Franz Hauk den Ingolstädtern in der voll besetzten Asamkirche wieder einmal ein besonderes Musikerlebnis: "Gioas - Dramma sacro per Musica", ein Oratorium für Soli, Chor und Orchester von Giovanni Simone Mayr.

 

Die Geschichte aus dem Alten Testament um das Morden der machthungrigen Atalia und die Trauer Sebias um ihren vermeintlich getöteten Sohn Joas birgt einiges an musikalisch-dramatischem Stoff, den Hauk mit seinen hervorragend aufeinander abgestimmten Solisten, Sängern und Musikern eindrucksvoll zu Gehör brachte.
Eine heitere Sinfonie in D-Dur leitet das Oratorium ein und vermittelt erst einmal gar nicht den Eindruck eines sich abzeichnenden Dramas. Geradezu fröhlich auch die anschließende Hymne, die der Chor stimmgewaltig und glanzvoll wie ein unumstößliches Denkmal in die Akustik der Asamkirche setzte.
Der Simon-Mayr-Chor, vereint mit Mitgliedern des Bayerischen Staatsopernchores, erwies sich als prägnant agierender Klangkörper und ließ in seiner gesanglichen Interpretation und Präsenz keine Wünsche offen.
Sopranistin Andrea Laura Brown als Sebia war unbestritten glanzvoller Mittelpunkt des Abends. Ihr müheloser Sopran zeigte sich in allen Lagen homogen und sehr natürlich. Feinsinnig und äußerst differenziert lotete Brown ihre Rolle aus, überzeugte als innig liebende, hoffende und leidende Mutter und gestaltete neben Tenor Cornel Frey, der den Adrasto sang, ihren Part am lebendigsten.
Frey gab einen stimmlich sehr wandlungsfähigen Adrasto. Sang er anfangs entsprechend seiner Partie mit harter und unnachgiebiger Stimme ("Und unbarmherzig wird sie sein . . ."), so steigerte er sich im Laufe der Aufführung derart, dass seine Arien und Rezitative durch dramatische Gestaltungskraft seines flexiblen Tenors mit zu den packendsten Momenten der Aufführung zählten.
Bass Andreas Burkhart verlieh dem Hohepriester Jojanda seine ausgeglichene und durchwegs brillant geführte Stimme, bestach in Rezitativen und Arien durch formvollendeten Schönklang, wurde aber stellenweise vom Orchester zugedeckt. Tenor Robert Sellier als Sohn Joas überzeugte mit einer weichen und beweglichen Stimme und war immer wieder, ob mit Adrasto oder Sebia ein einfühlsam gestaltender Duettpartner.
Das musizierende Ensemble, Musiker des Georgischen Kammerorchesters und für dieses Projekt dazu gewonnene auswärtige Instrumentalisten, begleitete Solisten und Chor äußerst sensibel und transparent.
Mayrs Werk wird indes im kompositorischen Sinne dem überaus dramatischen Inhalt des Oratoriums eigentlich nicht gerecht. Vielfach unbeschwert und beschwingt klingt die Musik, verspielte Melodien prägen die meisten Arien. Ab und zu rumort es düster im Orchester und am Ende wird es durchaus fulminant, wenn sich Solistenquartett und Chor zusammen mit Stimmgewalt ins Finale werfen, doch menschliches Leid und mitreißende Spannung wurden schon vielfach überzeugender komponiert - insbesondere von Mozart, mit dem man Mayr so gerne vergleicht. Was aber an Dramatik in der Musik steckt, wurde von Hauk gekonnt erarbeitet und umgesetzt.
Von Sandra Hummel

Großes Talent für Melodien

München (DK) Tänzerische Motive in den Streichern, dann eine tragende Fagottmelodie. Ein warmer Sopran mischt sich unter die harmonischen Klänge. Luftig und leicht wehen die Melodien durch den Raum und wollen so gar nicht zu den schallverkleideten Wänden, den technischen Geräten und der nüchternen Probenatmosphäre des Orchesterstudios im Funkhaus des BR passen.
 
Vielversprechend klingt es schon, doch Dirigent George Petrou ist noch nicht zufrieden: Einige Probenarbeit liegt noch vor dem Münchner Rundfunkorchester, bis Simon Mayrs "Lodoiska" in Ingolstadt aufgeführt werden kann.
 
Angenehme Probenarbeit
Der Arbeit widmen sich die Musiker sichtlich mit Hingabe. George Petrou, dem als Dirigent die Aufgabe zufällt, die Stimmen der Sänger möglichst ideal mit den Orchesterklängen zu vereinen, zeigt sich begeistert. "Das Orchester ist wunderbar. Die Musiker haben wirklich keine Scheu davor, ausführlich zu proben. Das ist sehr angenehm."
Angenehm scheint auch Petrous Probenstil zu sein. Er lobt viel, Änderungswünsche erklärt er Orchester und Solisten in seiner ruhigen Art mal auf englisch, mal auf deutsch, mal singt er die Phrase einfach vor. Man sieht ihm an, dass er in seiner Aufgabe, Simon Mayrs Oper "La Lodoiska" zur Aufführung zu bringen, aufgeht. Mit ausschweifenden Armbewegungen schwelgt er in weiten Melodiebögen, setzt hier einen Flötenschnörkel und dort einen Paukenschlag. "Mayr hat ein großes Talent für Melodien, nicht alle großen Komponisten haben das", erklärt Petrou mit leuchtenden Augen.
Der junge griechische Dirigent hat Erfahrung mit Opern aus Mayrs Zeit: Innerhalb seines Repertoires aus barocken, klassischen und romantischen Werken hat er sich vor allem auf historische Aufführungspraxis und Oper spezialisiert. Im Januar hat er eine Neuaufnahme von Händels "Giulio Cesare" herausgebracht. Simon Mayrs "Lodoiska" braucht sich seiner Meinung nach hinter den Opern der großen Meister nicht zu verstecken. "Was mich an dieser Oper am meisten fasziniert, ist, dass man die Vergangenheit und die Zukunft in der Musik hören kann. Man hört eine Menge Barock, aber wenn man diese Musik im Radio hört und den Komponisten nicht kennt, könnte man auch denken, es mit einer Mozart-Oper zu tun zu haben oder den sinfonischen Klang Beethovens oder Haydns wiederzuerkennen. Und dann hört man diese wunderschönen Belcanto-Melodien, die schon stark auf Bellini oder Donizetti hinweisen."
Spannendes Liebesdrama
Lodoiska ist der Name einer polnischen Prinzessin, die gegen ihren Willen an Boleslao, den Schlossherrn von Ostropoll, verheiratet werden soll. Anna Maria Panzarella, die in die Rolle der Lodoiska schlüpft, schont ihre Stimme noch ein wenig. Die von ihrer französischen Heimat mit dem Orden der Künste und Literatur ausgezeichnete Sängerin schlingt sich ihren Schal immer wieder enger um den Hals und greift zur Wasserflasche. Bei den CD-Aufnahmen am Ende der Woche müssen die vollen Stimmleistungen verfügbar sein. Und doch, bei dem ein oder anderen Duett zwischen Lodoiska und Boleslao, der von dem englischen Tenor Jeremy Ovenden gespielt wird, lässt sich die Dramatik der Handlung schon erahnen. Stimmgewaltig weist Boleslao die aufbegehrende Lodoiska in die Schranken, so viel kann man aus den Ansätzen schauspielerischer Untermalung schon erkennen. Lodoiska nämlich liebt nicht Boleslao, sondern Lovinski, der sich Unterstützung beim Vater seiner Geliebten einholt. Natürlich möchte der tyrannische Boleslao nicht so schnell aufgeben, und die operntypischen Intrigen nehmen ihren Lauf.
Obwohl sämtliche Sänger ihre Qualitäten bei den Proben noch nicht voll ausschöpfen, klingt das Ensemble vielversprechend. International besetzt ist es, zwei Damen ersetzen die von Mayr geforderten Kastraten. Petrou ist zufrieden mit seinen Solisten. "Das sind wirklich schöne Stimmen. Wir sind auf einem guten Weg, unsere Aufführung zu vollbringen."
Ein wahres Meisterwerk
Zweifellos wird es der Aufführung neben ihrer erstklassigen Besetzung außerdem keineswegs schaden, dass ihr Dirigent ein begeisterter Verfechter von Simon Mayrs Musik ist. "Es gibt viele wundervolle Dinge in Mayrs Musik, die vom heutigen Publikum wertgeschätzt werden sollten. Wenn Musiker und Dirigenten wirklich an diese Musik glauben, dann bekommt Mayr seinen Platz als Komponist. Viele seiner Opern sind wahre Meisterwerke, und ich finde, sie sollten gespielt werden."
Von Katrin Poese

Meister der Melodien

Ingolstadt (DK) Johann Simon Mayr ist noch weit davon entfernt, mit den großen Meistern Mozart, Beethoven oder Haydn in einem Atemzug genannt zu werden. Zu gering ist die Beachtung, die man ihm schenkt. Der Freitagabend im Festsaal stellte jedoch zweifellos einen Meilenstein auf Mayrs Weg hin zu internationalem Ruf dar. Die Oper "La Lodoiska" überzeugte beim Festkonzert der Simon Mayr Tage durch herrliche Melodien, charaktervolle Rollen und einen unglaublichen Farbenreichtum - glänzend zum Vorschein gebracht durch die ausgezeichnete Besetzung.

Schon in der Sinfonia, dem instrumentalen Eingangssatz, konnte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou die weiten Melodiebögen und vielfältigen Farben in der Musik sehr einfühlsam herausarbeiten. Auch der Männerchor des Prager Philharmonischen Chors erwies sich als erstklassig - er entwickelte in den Chorszenen einen mal warmen, voluminösen, mal militärisch-heroischen Klang.

Das Liebesdrama rund um die polnische Prinzessin Lodoiska, ihren Geliebten Lovinski und den Tyrann Boleslao, der Lodoiska zur Heirat zwingen will, ist operntypisch gespickt mit gemeinen Intrigen und Wendungen, die von den Solisten große emotionale Ausdrucksfähigkeit fordern. Da die Oper konzertant zur Aufführung kam, hätten weder bombastische Chorszenen noch opulente Kostüme über musikalische Defizite hinwegtäuschen können.

Doch dieser Herausforderung stellten sich alle Beteiligten glänzend. Allen voran überraschte Anna Maria Panzarella als Lodoiska mit einer Vielzahl an Nuancen, die die inneren Konflikte ihrer Rolle wunderbar zur Geltung brachten. Ihr flexibler, aber sehr klar konturierter Sopran transportierte feinste emotionale Regungen - so konnte bereits ein einziges "Oh tacete!" die gesamte Verzweiflung ihrer Figur zum Ausdruck bringen.

Elena Belfiore übernahm den (eigentlich für einen Kastraten bestimmten) Part des Lovinski. Auf beeindruckende Weise glaubwürdig gelang ihr die Verkörperung der Männerrolle - ihr Mezzosopran verfügt über eine ungewöhnliche, fast maskuline Tiefe. Mit seinem energischen Tenor vermittelte Jeremy Ovenden den liebenden Boleslao zwar überzeugend, die Grausamkeit und Herrschsucht dieser Figur ging allerdings ein wenig unter. Ein Umstand, den man Ovenden wegen seiner beeindruckenden Arien aber verzeihen konnte.

Mayrs Werk mit seiner farbigen Bildsprache und wunderschönen Arien lieferte den Sängern zugegebenermaßen eine Steilvorlage für derartige Leistungen. So spielt eine Szene in einem "lieblichen Hain", untermalt von zuckersüßen Klarinetten- und Oboenmelodien. Ein anderes Mal befinden sich die Figuren in einem dichten Wald, der sich mit Hornmotiven präsentiert, bis sich militärisch anmutende Themen subtil darunter mischen und das nächste Kampfgetümmel ankündigen.

Dirigent George Petrou bezeichnet Simon Mayr als "großes Talent für Melodien". Er behält Recht. Und "La Lodoiska" konnte in der grandiosen Besetzung den gesamten Glanz ihrer anmutigen Melodien entfalten. Wer möchte da noch behaupten, Mayr verdiene keinen Platz in der Reihe der großen Komponisten?
Von Katrin Poese

"Allererstaunlichste Opernentdeckung seit Jahrzehnten"

"Wucht der Wolfsschlucht": Nadja Michael in der Rolle der Medea und Ramón Vargas als Giasone an der Bayerischen Staatsoper. - Foto: Hösl "Wucht der Wolfsschlucht": Nadja Michael in der Rolle der Medea und Ramón Vargas als Giasone an der Bayerischen Staatsoper. - Foto: Hösl

München (DK) Die erste szenische Aufführung der Oper "Medea in Corinto" von Johann Simon Mayr an der Bayerischen Staatsoper im Rahmen der Opernfestspiele ist wie ein Paukenschlag für die Mayr-Renaissance. Alle wichtigen Zeitungen und viele kleine Blätter haben umfasend über die Premiere berichtet - meist erstaunlich wohlwollend.


So feierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Oper "Medea" als "Münchner Opernsensation" und "allererstaunlichste Opernentdeckung seit Jahrzehnten" .

Natürlich war es ein Glücksfall, dass sich Staatsopernintendant Nikolaus Bachler entschlossen hatte, bei den Opernfestspielen 2010 nicht nur diese Oper von Mayr zu bringen, sondern dafür auch den Regisseur Hans Neuenfels zu gewinnen, den "großen alten Theaterzauberer", wie ihn die "Frankfurter Rundschau" nennt. Nicht zuletzt der Ruf dieses Regisseurs hatte den Erwartungswert der Premiere enorm in die Höhe geschraubt, hätte Simon Mayr aber auch zum Nachteil gereichen können, wäre seine Komposition gleichsam zur nebensächlichen Begleitmusik eines übermächtigen Bühnenspektakels abgesunken. Das aber war nicht der Fall. Neben den Buhrufen für die Gewalthaltigkeit der Regie gab es Beifallsstürme für den musikalischen Part von Solisten und Orchester, die indirekt auch dem Komponisten galten.

In der bundesweiten Kritik finden sich allerdings auch andere Töne: Von "Heiteitei-Musik" schreibt der "Rheinische Merkur" und fragt: Muss ‚Medea in Corinto' wirklich sein" Die "Allgemeine Zeitung" in Gießen vermutet eine "vergebliche Wiederbelebung", da die Musik Mayrs trotz gelegentlicher dramatischer Ausbrüche "über weite Strecken Meterware" sei. Das sozialistische "Neue Deutschland" in Berlin merkt bissig an, Mayrs "vor sich hinrauschende Musik" erinnere nicht nur an Mozart und Beethoven, sondern wecke auch die Sehnsucht nach diesen. Demgegenüber räumt der Berliner "Tagesspiegel" immerhin ein, dass Mayr zwar noch "mit einem Fuß bei Mozart" steht, mit dem anderen aber "Rossini schon einen halben Schritt vorausgeht". Er bescheinigt dem Komponisten eine "mitunter erstaunliche Stilvielfalt und ahnungsvolle Vorwegnahme historisch erst viel später etablierter Monumentaldramatik".

Uneingeschränkt enthusiastisches Lob für Komponist und Inszenierung findet man dagegen im Online-Magazin KlassikInfo: "Gegen die Rachegesänge dieser Medea sind die Zornesausbrüche von Mozarts Königin der Nacht fast ein Säuseln". Neuenfels bringe die Oper "als faszinierendes und spannungsgeladenes Politdrama auf die Bühne", weshalb diese "unbedingt sehens- und hörenswert" sei. Die Hamburger "Welt am Sonntag" lässt Nadja Michael, die viel bejubelte Sängerin der Titelrolle, zu Wort kommen: "Die ‚Medea' ist ein starkes Stück, eine Belcanto-Oper, für die Zeit neu, progressiv und ganz eigen". Ähnlich heißt es in den "Salzburger Nachrichten", Mayrs Musik sei "auf eigenwillige Art visionär, . . . ein Vorklang auf Romantik und Belcanto in der Art eines Bellini oder Donizetti" und zeige "in der unbekümmerten Eleganz vieler Chöre und Ensembles die Brillanz eines Rossini". Und die "Frankfurter Rundschau" überschlägt sich passagenweit fast vor Begeisterung: "Ein furioser Zug geht durch diese Oper von 1813. Etwas wie Beethoven-Überbietung, zugleich Rossini-Aufgang . . . Die Pfauenräder des Gesangs werden bewegt und gleichsam gebändigt von hochdramatischen Intensitäten. . . . Der antikisierenden Größe ist die klanghistorische Wucht der Wolfsschlucht eingewoben". Der Kritiker schwärmt von "raffinierten Instrumentalwürzungen", "aparten Flötenmischungen", "klangvollen Klarinettensoli" und "bizarr aufzischenden Piccolofiguren" und schließt: "Kein Zweifel, Simon Mayrs ‚Medea' gehört ins Repertoire."

Donaukurier

 

Schöne Stimmen und blutiges Gemetzel

München (DK) Ja, diese Musik ist eine Entdeckung! Voll von packender Dramatik, aber auch von schmeichelndem Belcanto, wild und süß zugleich - und dabei intelligent mit Anspielungen (etwa an Mozarts "Don Giovanni") arbeitend.


Johann Simon Mayrs einst berühmteste Oper "Medea in Corinto" feierte am Montagabend nach ihrer Wiederentdeckung im Herbst letzten Jahres in St. Gallen Premiere an der Münchner Staatsoper. Und findet in Ivor Bolton am Pult des Bayerischen Staatsorchesters einen idealen Anwalt: Er dirigiert farbig, lebhaft, mit Mut zum Pathos - und wird zurecht umjubelt.

Anders als der Regisseur dieser Produktion, dem gebuhter Widerspruch schon immer sicher war. Hans Neuenfels, der immer noch hoch explosiv inszenierende Veteran des Regietheaters, ist bei der "Medea"-Thematik in seinem Element. Die mythologische Kindsmörderin darf bei ihm zwar wild und ungezügelt sein - ihre Leidenschaften aber scheinen angesichts der sie umgebenden korinthischen Gesellschaft geradezu eine logische Folge. Wer ständig von gewaltbereiten Menschen umgeben ist, muss aufbegehren und überschreitet dabei irgendwann sogar die Gesetze der Natur. Die Korinther sind für den Regisseur eine kriegsgebeutelte Meute, die sich ständig bedroht sieht. "Aus dieser Bedrohung resultieren Aggressivitäten", sagt Neuenfels und stellt deren Auswüchse in bekannt schonungsloser Manier auf die Bühne.

Vorstellen kann man sich das in etwa so: Gesungen wird in wunderbarsten Koloraturen von Liebe und Glück - und eine Etage darunter werden gleichzeitig sinnlos und brutal Menschen abgeschlachtet, vergewaltigt, geschändet und gequält, Jungfrauen wie Sklaven. Der ägyptische König Egeo massakriert sogar seine eigenen Gefolgsleute. Und Gott Amor verwundet sich an empfindlichster Stelle selbst. Es gibt kein Gefühl, dem Neuenfels traut; seine Distanz zum Geschehen erzeugt stets äußerst bittere Kommentare, Zynismus beherrscht seine Regiehandschrift. Auch, wenn Medeas (Ex)mann Jason von seiner neuen Liebe singt und dabei mit der Krone spielt oder die Geliebte Creusa den Regentenschreibtisch mehr bezirzt als ihren Bräutigam. Nur Medea selbst wird von Neuenfels schonungsvoll betrachtet - und der Kindsmord findet dankenswerterweise hinter der Bühne statt.

Sicher: Das ist alles intelligent gemacht und reißt die Abgründe dieses an sich schon tief schwarzen Stücks zu klaffenden Wunden auf. Mögen muss man diesen Stil dennoch nicht zwingend. Missstände aufdecken können Regisseure der jüngeren Generation (à la Claus Guth, von dem Neuenfels übrigens die Idee des personifizierten Gottes Amor übernimmt) auch mit feinsinnigeren Mitteln. Neuenfels ist immer noch der blutrünstige Schocker, der demnächst übrigens den neuen Bayreuther "Lohengrin" auf die Schlachtbank heben wird.

Anna Viehbrock, auch sie eine Größe ihres Fachs, hat wie immer ein Einheitsbühnenbild für "Medea in Corinto" entworfen, das drei Zeitebenen auf die Bühne stellt: Die Antike, mit der Mayr sich beschäftigt hat - und die Mayr-Zeit (das frühe 19. Jahrhundert), die wir in der Jetztzeit wieder entdecken. In diesem Bühnenhaus lässt es sich wie immer hervorragend spielen. Aber auch diese Bildhandschrift ist nur zu bekannt (etwa vom Bayreuther 3-Zeiten-Haus für "Tristan und Isolde"), wogegen sie im aktuellen Münchner Fall angenehmerweise eher licht und hell wirkt und ohne die Düsternis der bekannten Viehbrockschen Wartehallen-Assoziationen auskommt.

Großartig machen sich an diesem Abend vor allem die Musik und die sängerischen Leistungen. Nadja Michael ist eine Ausnahmekünstlerin, deren dunkel gefärbter Sopran (sie kommt aus dem Mezzo-Fach) üppigstes Volumen ohne ausladendes Vibrato zeigt. Wütend und wild ist sie, aber auch zart und geschmeidig wie in ihrer Auftrittsarie mit konzertierender Geige, die atmosphärisch zum Dichtesten zählt, was diese Produktion zu bieten hat. Zudem steckt im schmalen, durchtrainierten Körper dieser Frau eine extreme, fast tänzerische Ausdruckskraft.

Ramón Vargas drosselt (vielleicht bewusst) für die Partie des Jason seinen tenoralen Schmelz, Elena Tsallagova singt als Creusa schön und rein und Alastair Miles liefert ein stimmlich wie darstellerisch glaubwürdiges Portrait des alten Königs Creon. Eine Entdeckung auch der junge Alek Shrader, der seinen Rossini-Tenor in höchste Koloraturhöhen aufschwingt. Beachtlich auch, was der Chor der Bayerischen Staatsoper an diesem Abend leistet.

Von Barbara Angerer-Winterstetter

 

Die Entdeckung eines „missing link“ der Operngeschichte

Gesche Geier (links) als Plistene, der Ulisses’ Rivale um Thron und Frauengunst ist und Eun-Joo Park als leidende Penelope Foto: Theater Regensburg Von Gerhard Dietel, MZ Gesche Geier (links) als Plistene, der Ulisses’ Rivale um Thron und Frauengunst ist und Eun-Joo Park als leidende Penelope Foto: Theater Regensburg Von Gerhard Dietel, MZ

Im Theater am Bismarckplatz wurde die deutsche Erstaufführung von Simon Mayrs Oper „Il ritorno d'Ulisse" gezeigt.

 

Regensburg. So viel Aufmerksamkeit über Regensburg hinaus hat das Theater am Bismarckplatz schon lange nicht mehr erfahren: Kein Wunder, handelt es sich doch um die deutsche Erstaufführung von Simon Mayrs Oper „Il ritorno d'Ulisse", die zugleich die erste Produktion des Werks nach der venezianischen Uraufführung im Karneval 1809 ist. Eine Wiederentdeckung von Mayrs umfangreichem Opernschaffen zeichnet sich seit kurzem ab, und so sind nicht nur zahlreiche Musikjournalisten, sondern auch der Vorsitzende der „Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft" sowie ein Vertreter des Musikverlags Ricordi, der für die Edition sorgen will, zur Premiere erschienen. Zusammen mit dem Regensburger Publikum werden sie Zeugen des Ergebnisses einer spannenden Rekonstruktionsarbeit: war doch das Notenmaterial
Wo der Aspekt der Rekonstruktion im Vordergrund steht, halten sich Regisseur Philipp Kochheim und Barbara Bloch als Ausstatterin mit aktualisierenden Zutaten weitgehend zurück. In raum-zeitlich unbestimmter Archaik siedeln sie das Geschehen um den fremd gewordenen Heimkehrer Ulisse an, der sein Ithaka als eine roh aus Brettern gezimmerte „Trutzburg im Gestern Verschanzter" wiederfindet. Antikisierende Kostüme mischen sich dort mit fernöstlichen und, im Chor, Gewändern der Alltagswelt von heute. Symbolisch für die gequälten Seelen der Zurückgelassenen wie der Wiederkehrenden geistert eine pantomimische weibliche Schmerzensfigur (Chia-Yin Ling) durch die Szene: sich in konvulsivischen Zuckungen windend und verknäulend.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die in Treue zum verschollenen Ulisse gegen alle Werbeversuche fest bleibende Penelope: Eun-Joo Park gestaltet ihr Leiden mit viel Zwischentönen glaubhaft; auf wunderbar lyrischem Fundament steigert sich ihre Stimme nahezu bis zum Wahnsinnsausbruch. Enrico Lees Ulisse fällt demgegenüber ab und aus dem ganzen Ensemble heraus. Mit viel Stimmdruck und unnötigen Schluchzern bleibt er leider klischeehaft: Emotion als Konfektionsware von der Stange. Großartig Gesche Geier in der Hosenrolle des Plistene, Ulisses' Rivalen um Thron und Frauengunst: koloraturenwendig schwingt sich ihr Sopran quer durch alle Register ihrer weit gespannten Partie.
Tadellos sind die übrigen Rollen besetzt: mit Jung-Hwan Choi als Ulisse-Getreuem Leukippo, Sung-Heon Ha als dessen bass-finsterem Antagonisten Taltibio, Ruben Gerson als Il Gerofante und Melanie Schneider, die sich als Priesterin Asteria und Göttin Minerva bravourös hält, obwohl sie für die Partie erst kurzfristig einsprang. Gewohnt zuverlässig agiert der von Christoph Heil einstudierte Chor, der in der Regensburger Aufführung gegenüber dem Original um Frauenstimmen erweitert ist.
Der sich anbahnende Bürgerkrieg zwischen Ulisse-Anhängern und der Gefolgschaft Plistenes wird nur knapp vermieden. Die verfahrene Situation kann aber nur durch die Dea ex Machina Minerva aufgebrochen werden. In bewusster Kitsch-Nähe inszeniert Philipp Kochheim deren Auftritt: Die Lösung von außen ist für ihn keine. Tastend bewegen sich die Hände von Penelope und Ulisse aufeinander zu und finden sich doch nicht so recht. Ob da wieder etwas zusammenwächst? Ob es überhaupt noch zusammengehört?