Pressespiegel

Ein musikalisch-buntes Verwechslungsspiel

Altmannstein

erstellt am 03.09.2017 um 19:02 Uhr
aktualisiert am 03.09.2017 um 22:38 Uhr

Altmannstein (DK) Geld oder Liebe? Es ist der typische Konflikt zwischen Vater und Tochter in der Commedia dell'arte, der in Johann Simon Mayrs Oper "Belle ciarle e tristi fatti" zu einem kunterbunten Verwechslungsspiel führt. Frisch und frech inszeniert mit grandioser Besetzung hat die komische Oper am Samstagabend die Besucher in Altmannstein bei ihrer deutschen Erstaufführung restlos begeistert.

 

Das Georgische Kammerorchester dirigierte Andreas Pascal Heinzmann, der seit 15 Jahren Chefdirigent des Symphonischen Orchesters München-Andechs ist.

Altmannstein

"Die Protagonisten werden ihr Bestes geben, um Sie den Ortswechsel vergessen zu lassen", verspricht Joachim Genosko, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, die den Abend veranstaltet. Schließlich klingt doch ein wenig Enttäuschung durch, dass die Farsa, die komische Oper, nicht wie geplant im Schlosshof in Sandersdorf stattfindet. Obgleich natürlich alle froh sind, nicht im schönen Ambiente im Regen zu frieren, sondern in der trockenen Turnhalle zu sitzen.

Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt eröffnet den Abend unter Leitung des Dirigenten Andreas Pascal Heinzmann beschwingt, Sven Fürst setzt mit seinem wohlklingenden Bassbariton auf Italienisch ein, die Besucher lehnen sich zurück. Wer die kurze Stückzusammenfassung im Programmheft gelesen hat, weiß: Es handelt sich um Don Ciccio, einen Kaufmann, der seine Tochter Dorina verheiraten will, ohne eine Mitgift zu bezahlen. Wer kein Italienisch spricht, lässt sich von Mayrs melodiösen Kompositionen, seinen einprägsamen Motiven in sein Italien des frühen 19. Jahrhunderts entführen. Doch da hallt ein lautes "Stopp!" durch die Halle. Ganz aus ihren Rollen gerissen beginnen die Figuren der Oper zu diskutieren, wie sie dem Publikum die Handlung verständlich machen sollen. Was herauskommt sind gesprochene Zwischenspiele auf Deutsch sowie eine Leinwand mit erklärenden, zum Teil höchst amüsanten Sätzen.

"Wir haben überlegt, wie wir die Oper für die Besucher verständlich machen können", erklärt Regisseurin Katharina Buzin. Deswegen schrieben sie und ihr Team die deutschen Zwischentexte und kurzen Erklärungen passend zu den italienischen Arien Johann Simon Mayrs, der übrigens gebürtiger Mendorfer ist. Ein Kniff, der die Farsa zu etwas ganz Besonderem macht, denn neben der zauberhaften Musik brilliert sie auch mit einer urkomischen Handlung, die ohne die kunstvoll eingeflochtenen Hilfestellungen niemals zu verfolgen gewesen wäre.

"Die Zofe spielt eine Dame, die eine Zofe spielt", leuchtet an der Wand auf, während Graf Meo (Philipp Gaiser), den sich Don Ciccio als reichen Schwiegersohn auserkoren hat, versehentlich die Zofe verführt. Was auf verschiedene listige Rollenwechsel der intrigierenden Seiten zurückzuführen ist. Mit ausdrucksstarker Mimik wie Gestik und einem lauten Bariton, gefühlvoll vom Orchester begleitet, wirbt Graf Meo um die Aufmerksamkeit der vermeintlich künftigen Braut. Karolina Plicková antwortet spitz, die Geigen in hohem Staccato. Doch der Graf lässt nicht locker, Geigen, Celli und Flöten steigern sich zusammen mit seiner Stimme in einen fulminanten Heiratsantrag hinein, der manchem Besucher auch lange nach der Farsa noch im Ohr bleibt.

Die Kostüme sind so kunterbunt wie das Stück selbst. Dorina, gesungen und gespielt von Christina Bernhardt, trägt als Tochter des Kaufmanns Don Ciccio auffällige Netzstrümpfe und Hotpants, ihr Vater besticht ganz in Rot, mit schwarz-goldenem Mantel. Die Inszenierung ist modern, doch die Aufmachung der Figuren wirkt, trotz der Versatzstücke aus dem 21. Jahrhundert, in keine Zeit gehörig. Sie ist vielmehr ein Spiel in einer fantasievollen Kunstwelt, die trotz ihrer überzeichneten Farben die Unsere sein könnte. Schließlich sind die Themen, mit denen sich Johann Simon Mayr befasst so klassisch wie zeitlos: Geld und Liebe.

Ein venezianischer Gondoliere taucht auf, mit Hut und Ruder. Natürlich ist auch er in dieser Verwechslungskomödie nicht der, der er zu sein scheint. Eigentlich ist er der Diener Peppino, gesungen vom Tenor Lemuel Cuento. Doch sein Lied ist schwer, eines der wenigen, in denen Mayr Moll-Klänge sein stets so fröhlich-unbeschwertes Dur überlagern lässt. Durch den Mittelgang mitten durchs Publikum paddelt er, um den Grafen abzuholen und legt schließlich an der Bühne an, wo er sein Fantasieboot mit Seil befestigt.

Das Bühnenbild besteht aus weißen Würfeln, die die Sänger selbst so drapieren, wie sie sie gerade brauchen - mal als Wand, hinter der sich der Graf vor dem vermeintlichen Schwiegervater versteckt, mal als Bank oder Schreibtisch. Die Idee dafür sei ihnen in Anlehnung an die Commedia dell'arte, zu der auch Mayrs "Belle ciarle e tristi fatti" zählt, gekommen, erzählt Regisseurin Katharina Buzin. Diese Art der italienischen Typenkomödie mit ihren unterhaltsamen Verwechslungen kam nämlich stets ohne großes Bühnenbild aus.

Und noch einmal stimmt das Orchester Moll-Töne an: In einer bewegenden Canzonetta, die Graf Meo an seine Liebste richtet. Trotzdem zieht er am Ende den Kürzeren: Die vielen Verwicklungen lösen sich unter großer Heiterkeit doch noch in Wohlgefallen auf und die Liebe siegt. Tenor Andreas Stauber gewinnt als ihr Liebhaber Medoro die Hand Dorinas. Die Tafel titelt: "Belle ciarle - tristi fatti: Süße Worte - schlimme Absichten . . . Seid auf der Hut! Und fallt nicht drauf rein!"

Und Joachim Genosko behält Recht: Die Wirkung aus dem fröhlichen Spiel, den fantastischen Stimmen und der packenden Musik lässt die Umgebung ganz in Vergessenheit geraten. Es sind Melodien, die den Zuhörer an einem lauen Sommerabend verzaubern können. Und zugleich können sie ihn bei Regen und Kälte in einen eben solchen entführen.

Von Isabel Ammer

 

"Mayr ist nicht schlechter als Schubert"

Ingolstadt (DK) Simon Mayr im Originalklang? An diesem Wochenende wird sich der Spezialist für historische Aufführungspraxis, Franz Raml, den Mendorfer Komponisten vornehmen und geistliche Musik zusammen mit dem Hassler-Consort aufführen. Im Interview erläutert der Cembalist und Dirigent, warum er Simon Mayr (1763–1845) für wichtig hält.

Foto: privat

Was bedeutet historische Aufführungspraxis bei Mayr?

Franz Raml: Die Grundidee ist folgende: Die Stücke einer bestimmten Epoche sollen auch mit den Instrumenten aus dieser Epoche aufgeführt werden. Es ist eigentlich selbstverständlich, dass man etwa Johann Sebastian Bach mit Barockinstrumenten aufführt. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist die angemessene Stilistik. Die ist irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts verloren gegangen, als Dirigenten wie Toscanini oder Karajan den Werken einen ganz anderen Klang übergestülpt haben. Dadurch ist ein ganzer Kosmos der Musik verloren gegangen. Eigentlich gehört es zur Interpretation, dass man ein Musikstück zeitlich einordnet und entsprechend seiner Stilistik aufführt.

Was bedeutet das nun speziell bei Mayr.

Raml: Simon Mayr ist ein später Wiener klassischer Komponist. Für mich ist da nichts enthalten, was man als romantisch oder frühromantisch bezeichnen könnte. Das fängt bei der Orchesterbesetzung an. Ich gestalte Mayr so, wie ich auch Haydn und Beethoven gestalten würde. Und das ist ja beileibe kein musikalisches Neuland. Diese Musik führe ich bereits seit vielen Jahren auf.

Wie groß ist denn das Orchester bei Ihnen?

Raml: Genau 30 Leute.

Was reizt Sie überhaupt an diesem Komponisten?

Raml: Ich bin immer schon sehr an Komponisten interessiert, die durch die Großen der Musikgeschichte, durch Haydn, Mozart, Brahms usw., in Vergessenheit geraten sind, ja zurückgedrängt worden sind. Da habe ich sehr viele Komponisten aus dem süddeutschen und österreichischen Raum erstmals wieder aufgeführt. Ich habe da viel in Bibliotheken gewühlt und mir inzwischen einen ganz guten Überblick verschafft, welche Meister es verdienen wieder aufgeführt zu werden. Da ist für mich Mayr ganz vorne dran. Das ist für mich kein Komponist der zweiten Reihe, sondern er gehört ganz nach vorne. Die Kirchenmusik, die wir aufführen, erinnert an Haydn und auch an Schubert. Für mich ist Mayr nicht schlechter als Schubert. Nun gut, er hat nicht diese 600 Lieder geschrieben. Aber sonst? Er steht definitiv keinem Komponisten seiner Zeit irgendwie nach.

Welche Stücke haben Sie speziell für dieses Konzert rausgesucht?

Raml: Es ist ein Konzert in c-Moll. Fast alle Stücke dieses Abends stehen in dieser Tonart. Gespielt werden geistliche Stücke aus der frühen Schaffensperiode und aus späteren Phasen. Mein Ziel war es aber auch, speziell noch nicht bekannte Stücke aufzuführen. Da ist etwa ein Magnificat in C-Dur. Außerdem zwei Stücke, die zu seiner Beerdigung gespielt wurden: ein Miserere, bei dem Mayr ganz und gar auf die Streicher verzichtet. Und ein speziell für diesen Anlass komponiertes Stück von Carlo Evasio Soliva, wahrscheinlich einem Schüler von Mayr. Bei diesem Werk bemerkt man allerdings, dass es bereits romantisch ist.

Worauf darf man sich bei diesem Konzert besonders freuen?

Raml: Jedes Werk hat einen besonderen Charakter, sie alle sind Schmuckstücke, ein Genuss von hinten bis vorne.

Das Interview führte Jesko Schulze-Reimpell.

Schicksalhaftes in c-Moll
Ingolstadt (DK) Eine reine Intonation – das war das Erstaunlichste am Samstagabend in der Ingolstädter Franziskanerbasilika. Dort führte der Kirchenmusiker Franz Raml mit dem Hassler-Consort und dem Projektchor Incanto Corale verschiedene Werke Johann Simon Mayrs in dessen 170. Todesjahr auf. Die reine Intonation war deshalb so erstaunlich, weil sich das

Foto: Engel

Hassler-Consort auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hat und nur auf historischen Instrumenten musiziert. Die Streichinstrumente haben Darmseiten und die Celli keinen Stachel – die Cellisten müssen ihr Instrument aus eigener Muskelkraft zwischen den Schenkeln halten. Die Blechblasinstrumente haben keine Ventile und die Holzblasinstrumente viel weniger Klappen als heute, außerdem sind sie aus anderen Holzmaterialien. Das alles führt dazu, dass Musizieren auf historischen Instrumenten eine wahnsinnig heikle und anspruchsvolle Aufgabe ist – die das Hassler-Consort vorzüglich meisterte. Die Musiker spielten die Werke mit sichtbarer Freude und Elan, die Holzbläser hatten einen wunderbar weichen und runden Ton, und von den Naturhörnern hörte man keinen einzigen Kiekser. Nur bei „Misere c-Moll“, bei dem die Streicher pausierten und nur die Bläser in einer Harmoniebesetzung den Chor begleiteten, waren die Naturposaune und -trompete nicht ganz eins mit den Hörnern – was aber daran lag, dass sie zu weit auseinander saßen.

Der Chor, der schon öfter mit dem Hassler-Consort auftrat, machte seine Sache gut in Sachen Homogenität und Klang. Allerdings hätte er präsenter sein können.

Als Solisten besetzte Franz Raml für den Sopran Susanne Bernhard, als Mezzosopran Ursula Eittinger, Tobias Haaks als Tenor und Christian Feichtmair als Baritonstimme. Gerade Letztere stach mit einer breiten Palette von liedsanft bis arienkraftvoll unter den vier wunderbar agierenden Sängern besonders heraus.

Franz Raml hatte sich für den Abend die Tonart c-Moll herausgesucht. Fast alle Werke des Abends waren in dieser Tonart und hatten irgendwie mit Tod und Begräbnis zu tun. Denn am 2. Dezember ist Johann Simon Mayrs 170. Todestag.

Am Anfang stand „Stabat Mater“ – ein mittelalterliches Gedicht, in dem Jesu Mutter den Bekreuzigten besingt und das schon viele Komponisten vertont haben. Es folgte „Pange lingua“ – ein Duett für Sopran, Bariton und Orchester. Mayr nahm sich dafür ein Duett aus der Oper „La Lodoiska“ zur Vorlage. Das Magnificat in – ausnahmsweise – C-Dur wählte Franz Raml aus, weil es noch nicht so oft aufgeführt wurde. Für Mayrs Beerdigung komponierte einer seiner Schüler, Carlo Evasio Soliva (1791–1853), das „Compianto sulla tomba die Giovanni Simone Mayr“.

Als krönenden Abschluss interpretierte das Ensemble zwei Teile aus Mayrs imposanter und virtuoser „Einsiedeln Messe“ – das Kyrie und das Gloria.

Von Christine Engel

 

Rupp neuer Ehrenpräsident

Blickpunkt, veröffentlicht am Donnerstag, 16. Juli 2015

 

(kk) Hohe Auszeichnung: Rainer Rupp (links) ist der neue Ehrenpräsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft. Präsident Professor Joachim Genosko überreichte an Rupp die Goldene Ehrennadel und eine Ehrenurkunde. Genosko würdigte die Verdienste von Rainer Rupp, der sich als langjähriger Präsident um die Simon-Mayr-Gesellschaft verdient gemacht hat und diese entscheidend mitgeprägt hat. Die Auszeichnung fand am Ende einer Mitgliederversammlung im Kamerariat statt. (Foto: Kajt Kastl)

 

Huldigung und Revolutionsmusik

Ingolstadt (DK) Genau das wollte er auf jeden Fall verhindern: dass man seine dritte Sinfonie zu Ehren von Kaiser Napoleon aufführt. Dass man sie überhaupt in einen Zusammenhang setzt mit diesem so unrepublikanischen Herrscher.
 

 

Musizierten für Napoleon: Georgisches Kammerorchester, Philharmonischer Chor München und die Solisten Andrew Lepri Meyer, Magdalena Dijkstra und Agnes Preis. - Foto: Schaffer
 


Der freiheitsliebende Ludwig van Beethoven wird sich wegen des Konzerts des Georgischen Kammerorchesters im Rahmen der Ausstellung „Napoleon und Bayern“ wahrscheinlich im Grabe herumdrehen. Nicht umsonst hat er die Widmung an Napoleon zurückgezogen, als er erfuhr, dass der Franzose sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte. Anders sieht das schon bei Simon Mayr (1763–1845) aus, dem anderen Komponisten, der im Mittelpunkt des Abends im Ingolstädter Festsaal steht. Seine Festkantate „Traiano all’Eufrate“ ist Musik gewordene Huldigung des Herrschers anlässlich dessen Namenstags am 15. August.

Aber das ist keineswegs der einzige Unterschied zwischen den beiden Werken (und auch der dritten Komposition an diesem Abend, der Ouvertüre zu „La Lodoiska“), die im Abstand von nur wenigen Jahren komponiert wurden: die Werke von Mayr 1799 und 1807, Beethovens „Eroica“ 1802/03. Die Stücke trennt Welten, so ungeheuer innovativ, so unglaublich einflussreich sie auch sein mögen. Mayrs Kantate bereitet bereits eine neue Epoche vor, die Romantik, Beethovens 3. Sinfonie vollendet ein Zeitalter, das der Klassik.

Wie geht Mayr mit dem Thema Napoleon um? Auf den ersten Blick konventionell. Er spiegelt Napoleons Heldentum in einer Geschichte aus der Antike – ein damals übliches Vorgehen. Trajan, der siegreiche Feldherr in der Schlacht am Euphrat, geht freundlich auf seine Feinde zu und verspricht ihnen Frieden. Ungewöhnlicher ist die musikalische Behandlung des Stoffs. Mayr vermeidet die Stilistik der Wiener Klassik, die ausufernde Motiv-Verarbeitung, die polyphonen Verästelungen, die scharfen Kontraste der Themen. Vielmehr setzt er auf einfache Effekte: die militanten Trommelwirbel am Anfang, das kriegerische Trompetensignal, das Schlachtgetümmel in den Streichern, das Gegenübertreten von Siegern und Besiegten im Doppelchor. Vor allem aber gewinnt er das Publikum mit einer italienisch anmutenden (immer noch an Haydn erinnernden) unterhaltsam-leichten Melodik und Rossinihaften Steigerungen.

Sebastian Tewinkel leitet das Georgische Kammerorchester und den eindrucksvoll massiv auftretenden Philharmonischen Chor München souverän. Einen vorzüglichen Eindruck hinterließen die drei Gesangssolisten: Agnes Preis mit ihrem hohen, alles überstrahlenden Sopran, Magdalena Dijkstra durch die Natürlichkeit ihrer technisch hervorragend geführten Stimme und Andrew Lepri Meyer durch das warme Timbre seines Tenors.

Nach dem leichtgewichtigen, kurzen und kurzweiligen Einstieg hätte der Kontrast zum Beethoven im zweiten Teil des Abends kaum größer sein können. Für das Kammerorchester bedeutete das nächste Stück den Übergang von nahezu völlig unbekannten Werken zu einem der bekanntesten Repertoire-Stücke mit schier unübersichtlich vielen Interpretationen. Tewinkel geht mit der Situation überraschend selbstsicher und eindrucksvoll um. So wie er die gewinnende, volkstümliche Melodik, den optimistischen Überschwang der Mayr-Kantate mit leichter Hand zelebriert, so wühlt er sich nun um so ernsthafter, leidenschaftlicher in die zerklüftete Motivarbeit, in die heroischen Orchestereruptionen der Ecksätze, die zermürbende Harmonik des Trauermarschs, das manische Streicher-Stakkato des Scherzos.

Tewinkel wählt einen überzeugenden Mittelweg zwischen der oft unterkühlten, analytischen und etwas hektischen Tonsprache der Originalklang-Ensembles und dem schwerfälligen Breitwandsound der traditionelleren Sinfonieorchester. Sein Beethoven bleibt schlank, ohne zu überhitzen, lässt sich Zeit für die großen Kontraste und Steigerungen und bleibt im Zeitmaß unerbittlich voranschreitend. Eine spannende Auslegung, eine feurige Revolutionsmusik, deren brutale Gewalt vor allem von den Bläsern ausgeht. Ein widerspenstiger musikalischer Stoff, sperrig, voller Fugen-Furor, vom GKO manchmal laut und kratzig wiedergegeben und dann wieder von traumschönen, weichen Klarinetten- und Oboenklängen unterbrochen. Was für ein wunderbarer symphonischer Wahnsinn! Keine Napoleon-Huldigung wie bei Mayr, sondern ein Schlachtengemälde des heroischen Revolutionskampfes. Begeisterter Beifall aus dem leider nur spärlich besetzten Festsaal.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Finale in Arosa

Ingolstadt (DK) Es hätte der Durchbruch für den Mendorfer Komponisten Simon Mayr sein können: ein eigenes Festival für den Vorromantiker im schweizerischen Arosa. In dem kleinen Ferienort wollte man im zweijährigen Wechsel jeweils eine kleine komische Oper, eine Farsa, von Mayr auf die Bühne bringen.

 



Ein Erfolg war „Der Essighändler“ 2012 in Arosa - Foto: Homberger

Dabei sollte auch mit Ingolstadt kooperiert werden. So würde die komische Oper jeweils auch als Gastspiel in der Region Ingolstadt gezeigt werden. Im Austausch würde jedes Jahr zur Jahreswende das Georgische Kammerorchester in Arosa ein Gastkonzert geben.

Einmal nur kam es zu diesem Kulturaustausch mit Orchesterkonzert und Operngastspiel. Bis heute. Denn inzwischen muss die Kooperation als gescheitert betrachtet werden. Angela Buxhofer, die Vorsitzende des Kulturkreises Arosa, kündigte kürzlich ihren Ingolstädter Partnern, der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft und dem Georgischen Kammerorchester, die Zusammenarbeit aus finanziellen Gründen.

Nachdem die Schweizer Nationalbank den Franken nicht mehr stützt, fürchten viele Unternehmen offenbar eine Wirtschaftskrise heraufziehen und kürzen ihre Sponsoren-Gelder für Kulturinitiativen. Außerdem will sich der Kulturkreis in Arosa nach dem überraschenden Tod von Christian Buxhofer im vergangenen Jahr nun neu ausrichten und mit einer anderen Art von Musik ein größeres Publikum ansprechen, wie man hört.

In Ingolstadt bedauert der Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, Joachim Genosko, das Ende der Kooperation. Künstlerische Gründe für das vorzeitige Ende der Zusammenarbeit gibt es offenbar nicht. Die Mayr-Farsas kamen hervorragend beim Publikum an, und das sehr gut besuchte Konzert des Georgischen Kammerorchesters in Arosa wurde von der örtlichen Zeitungskritik gefeiert.

Aber Genosko hat sich bereits auf die Suche nach Ersatzprojekten gemacht. Im September dieses Jahres wird er das Georgische Kammerorchester bei einem Gastspiel in Györ begleiten.

Dort will er mit dem Sinfonieorchester Györ über eine längerfristige Zusammenarbeit reden. Angedacht ist die Produktion einer Ballettversion von Mayrs Requiem, die dann möglichst auch in Ingolstadt gezeigt werden soll. Die Idee für dieses Projekt kam übrigens aus der Autostadt Györ. Verwirklicht werden könnte das Projekt 2016 oder 2017.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Rupps Verdienste


Ingolstadt (DK, 15.10.2014) (jsr) Mit Rainer Rupp (75, Foto) als Präsident wurde die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft letztlich erst das, was ihr Titel eigentlich besagt: eine wirklich international agierende Interessenvertretung für das Werk des bayerischen Komponisten. In den acht Jahren seiner Amtszeit ist es Rupp gelungen, dass Mayr nicht nur in der Region aufgeführt wird, sondern auch an wichtigen Theatern Europas. So hat er die erste Aufführung einer großen Oper von Simon Mayr seit über 180 Jahren eingefädelt: 2008 ging „Fedra“ in der Staatsoper Braunschweig über die Bühne. Die Produktion eröffnete in dem Jahr auch die Audi-Sommerkonzerte.
In den folgenden Jahren kamen weitere Opern von Simon Mayr an verschiedenen Theatern heraus:
„Medea“ in St. Gallen und an der Bayerischen Staatsoper in München, andere Opern in Regensburg,
Hamburg, in Moutier (Schweiz) und in Posen (Polen). Das Münchner Rundfunkorchester führte zudem
zwei Opern des Vorromantikers konzertant auf und denkt an die Aufführung weiterer Werke. Viele
dieser Produktionen erschienen auf CD und wurden von Rundfunkanstalten ausgestrahlt.
Rainer Rupps Verdienst war es zudem, die Partnerschaft mit dem renommierten Ricordi-Verlag zu
intensivieren. Der Musikverlag arbeitet gerade an einer Gesamtausgabe der Werke Mayrs.

"Klassik ist mir ein Herzensanliegen"

Ingolstadt (DK, 15.10. 2014) Viele Ämter hat Joachim Genosko bereits übernommen. So war er etwa bis vor wenigen Tagen Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule Ingolstadt, und er ist nach wie vor Fraktionsvorsitzender der CSU im Ingolstädter Stadtrat.

Joachim Genosko hat das Amt des Präsidenten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft von Rainer Rupp übernommen - Foto: Rössle

Aber vor dieser neuen Position hat er „sehr großen Respekt“ – wohl wie nie zuvor vor einem neuen Posten. „Denn ich weiß, dass man hier scheitern kann“, sagt er. Als neues Ehrenamt hat Genosko die Präsidentschaft der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft in Ingolstadt angenommen. Fast neun Jahre lang hat Rainer Rupp den Verein geleitet, und er wird auch weiterhin im Hintergrund Kontakte knüpfen. Genosko war zuletzt Schatzmeister.

Für Genosko ist die neue Position fast schon eine Art Berufung. Bereits vor Jahren hat er Rupp in einem vertraulichen Gespräch zu verstehen gegeben, dass er für diese Position zur Verfügung stände, sobald er in Pension ginge. Am 1. Oktober war es soweit, und fast auf den Tag genau konnte der Wirtschaftsprofessor Präsident der Mayr-Gesellschaft werden. Die Pflege der klassischen Musik ist ihm ein Herzensanliegen. Wenn er von seinem sehr guten Musikunterricht am Gymnasium erzählt, davon, wie Musikstücke gründlich analysiert wurden, dann kommt er ins Schwärmen. Und er erzählt, dass er kaum etwas so sehr bedauere wie die Tatsache, dass er nie Gelegenheit hatte, ein Musikinstrument zu erlernen.

In seinem musikalischen Urteil ist Genosko allerdings bescheiden. „Ich werde mir niemals eine Meinung über die Qualität einer Musikaufführung anmaßen. Da verlasse ich mich auf andere, die mehr Ahnung haben“, gibt er zu verstehen. Seine Aufgabe sieht der CSU-Mann eher im Organisatorischen, im Netzwerken.

Für künstlerische Fragen hingegen wünscht er sich die Hilfe eines Spezialisten, der dann möglichst auch in den erweiterten Vorstand der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft gewählt werden sollte. Überraschend ist, dass er hier auch an den bisherigen Geschäftsführer des Vereins denkt, an Franz Hauk. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass die Gesellschaft in den vergangenen Jahren unter der Dauerfehde zwischen dem ehemaligen Präsidenten Rainer Rupp und dem Musiker und Musikmanager Franz Hauk zu leiden hatte.

Entzündet haben sich die Konflikte regelmäßig an Urheberrechtsfragen. Vor Jahren hat die Gesellschaft einen Vertrag mit dem weltweit operierenden Musikverlag Ricordi geschlossen. Geregelt wurde, dass die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft bei der Herausgabe einer Mayr-Gesamtausgabe eng mit dem Verlag kooperiert und dabei vollständig darauf verzichtet, auf eigene Faust Werke des bayerischen Komponisten herauszubringen. Im Gegenzug gewährt Ricordi den Ingolstädtern bei der Aufführung von Mayr-Werken Sonderkonditionen. Der damalige Geschäftsführer der Mayr-Gesellschaft, Franz Hauk, missachtete die Grundsätze jedoch regelmäßig und erstellte fortwährend Notenmaterial für die Aufführung zahlreicher Stücke Simon Mayrs.

Genosko sieht es nun als eine seiner Aufgaben an, Licht in den juristischen Dschungel um das Urheberrecht zu bringen. Die Zusammenarbeit mit Ricordi ist ihm nach wie vor sehr wichtig. Aber: „Wenn Hauk behauptet, er habe bestimmte Urheberrechte, dann muss man das juristisch auseinanderklamüsern“, sagt er. Um Klarheit herzustellen, sei er auch bereit, nach Berlin zu reisen, um mit der neuen Geschäftsführerin von Ricordi zu reden.

Genosko weiß jedoch auch, dass eine internationale Verbreitung der Opern von Mayr nur zusammen mit Ricordi gelingen kann. Denn über die entsprechenden Kontakte verfüge nun einmal nur der international renommierte Musikverlag.

In seiner zunächst dreijährigen Amtszeit will Genosko noch weitere Akzente setzen. So möchte er die Simon-Mayr-Tage erneuern und ausweiten. Es soll in Zukunft ein fester jährlicher Termin für das Festival gefunden werden. Außerdem sollen neben Mayr auch dessen Zeitgenossen aufgeführt werden. Rupps Engagement für eine weltweite Verbreitung der Musik Mayrs soll fortgesetzt werden. Und Genosko möchte Audi dafür gewinnen, der Musik Mayrs bei den Sommerkonzerten ein stärkeres Gewicht einzuräumen. Mit dem Georgischen Kammerorchester (GKO) kann sich Genosko einen Kooperationsvertrag vorstellen. „Das GKO könnte eine Art Festivalorchester für die Simon-Mayr-Tage werden.“

So sehr Genosko ein Volkswirtschaftler ist – ein Primat der Ökonomie gilt für ihn nicht in kulturellen Belangen. Kultur müsse sich nicht unbedingt rechnen, sagt er. Sie verbessere vielmehr das Lebensgefühl der Bürger und die Außenwirkung einer Stadt. „Ingolstadt ist als Autostadt bekannt“, sagt Genosko. „Ingolstadt beginnt zudem, als Sportstadt sich einen Namen zu machen. Es wäre gut, wenn wir auch einen guten Ruf als Kulturstadt bekämen. Dafür kämpfe ich.“

Von Jesko Schulze-Reimpell

 

Blickpunkt Ingolstadt, 12.10. 2014

 

Akzente gesetzt

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  • Veröffentlicht am Sonntag, 12. Oktober 2014 11:50

Geburtstagsempfang für Rainer Rupp, ehemaliger Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft

(sr) Am 26. August feierte er seinen 75. Geburtstag, jetzt wurde das runde Jubiläum offiziell nachgefeiert: Rainer Maria Rupp, ehemaliger Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft e. V. und ehemaliger Direktor des Ingolstädter Scheiner-Gymnasiums, empfing am Dienstagabend zahlreiche Gäste im Ingolstädter Kamerariat. Eingeladen hatte Gabriel Engert, Vizepräsident der Simon-Mayr-Gesellschaft und Kulturreferent der Stadt Ingolstadt.
Engert erinnerte an einzelne Lebensstationen des Jubilars. Als langjähriger Landesvorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes habe Rupp die bayerische Bildungspolitik nachhaltig geprägt. „Denn entscheidend ist immer, welche Persönlichkeit an welcher Stelle wirkt“, so Engert. Die achtjährige Präsidentschaft Rainer Rupps für die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft, die am 27. September 2014 zu Ende ging, nannte der Kulturreferent eine „Erfolgsgeschichte“. In seiner Rede würdigte Engert insbesondere die vielen hochkarätigen Aufführungen von Simon-Mayr-Werken, die Rupp initiiert habe. Damit habe Rainer Rupp im Kulturleben Ingolstadts „Akzente gesetzt“.
Rainer Rupp arbeitete als Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft daran, dass der 1763 geborene Komponist aus Mendorf nicht in Vergessenheit geriet – und zwar international. So wurde 2014 im Rahmen einer Kooperation mit Arosa beim „Kultursommer“ Mayrs komische Oper „L‘Avaro“ in der Schweiz aufgeführt. Anfang August gastierte das Ensemble dann zusammen mit dem Georgischen Kammerorchester im Turm Baur in Ingolstadt und auf Schloss Sandersdorf. Die Musik Johann Simon Mayrs ins Ausland zu tragen, war Rupp ein besonderes Anliegen. Rückblickend meinte der Jubilar über seine Präsidentschaft: „Es war arbeitsreich und ärgerlich, auch das, aber auch schön.“ Unter den zahlreichen Gästen waren Alt-OB Alfred Lehmann, Zweiter Bürgermeister Albert Wittmann, der Pfaffenhofener Landrat Martin Wolf, Dr. Harald Textor vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds sowie weitere bekannte Lokalpolitiker und Weggefährten Rupps. Für die musikalische Umrahmung des Empfangs sorgten vier Streicher des Georgischen Kammerorches-ters Ingolstadt.

Stürmen und Brodeln
Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

 

 Sänger im Hintergrund: Bei Donizettis „Missa“ spielen die Instrumente die Hauptrolle - Foto: Schaffer


Eine große, sehr große sogar. Denn die Messe wurde einerseits zum ersten Mal aufgeführt und glich zum anderen einer Mischung aus Opernouvertüre, großer Sinfonie und exzellentem Instrumentalkonzert in einem. Dieses grandiose Musikwerk zeigte, dass Sänger nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen; sie wurden bei dieser Messe fast zu Nebendarstellern – obwohl sie ihre Rollen erstklassig füllten. Ohne Franz Hauk wäre man freilich nie in den Genuss solcher Musik gekommen: Er rekonstruierte die Messe nach langen Recherchen in vielen europäischen Bibliotheken, editierte sie und brachte sie schließlich zur Aufführung.

Dass diese Missa mehr ist als die Vertonung des typisch lateinischen Messetextes ist, zeigte sich gleich im zweiten Teil des Kyrie. Da stürmte es, da brodelte es, da zuckten die Blitze, und man konnte fast glauben, Opernkomponist Donizetti, der ja viel früher lebte als Richard Wagner, packe da die Hand des fliegenden Holländers. Dann folgte sogleich der Höhepunkt: das 40-minütige „Gloria“. Mit hervorragenden Solisten – und das waren nicht die Sänger. Sopranistin Siri Karoline Thornhill, Tenor Mark Adler und Bariton Martin Berner machten ihre Sache bestens, doch Donizetti hat in diese Messe so außerordentlich wunderbare und anspruchsvolle Instrumentalistenstellen komponiert, dass der Gesang eigentlich nur schmuckes Beiwerk ist. Sopranistin Marie-Sophie Pollak und Mezzosopranistin Marie-Sande Papenmeyer hatten zudem nur sehr kurze Einsätze im „Ave Maria“ und „Agnus Dei“.

Aber zurück zum Gloria und der leider nicht im Programm erwähnten ersten Klarinettistin. Schon Donizettis Lehrer Simon Mayr muss ein großer Verehrer des Holzblasinstrumentes gewesen sein – was seine Kompositionen für Bassetthorn beweisen. Auch Mayr schrieb virtuose Stellen in Messen für Klarinette – und hat seine Liebe für das Instrument offenbar an seinen Schüler Donizetti übertragen. Was Donizetti für Klarinette in die vermutlich um 1820 komponierte Missa schrieb, übertrifft vieles. Mehr Soli als in jeder Sinfonie, fast so im Mittelpunkt wie in einem Klarinettenkonzert. Ob atemberaubend schnelle Akkordbrechungen, chromatische Läufe oder kantilene Stellen – die Klarinettistin meisterte sie mit Bravour. Nicht minder schwindelerregende Akkordbrechungen zauberte der Hornist auf seinem, das muss besonders hervorgehoben werden, Naturhorn. Da sind solche Stellen doppelt so schwierig. Auch Konzertmeisterin Theona Gubba-Chkheidze brillierte in einem Teil des Glorias mit einem Violinsolo.

Nach so vielen Sahnestücken im ersten Teil ging es im kürzeren zweiten dann mit „Credo“, „Offertorium“, „Sanctus“ und letztendlich „Agnus Dei“ zu Ende. Auch hier dominierte mehr musikalischer Hochgenuss als strenge geistliche Einkehr. Schade, dass es eine Messe war, denn so traute sich keiner zwischen den Teilen für die grandiosen Musiker, Sänger und Franz Hauk zu klatschen. Am Freitagabend hätten es die Akteure mehr als verdient.

Von Christine Engel

Stürmen und Brodeln

Bild: Stürmen und Brodeln. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt: Stürmen und Brodeln
Sänger im Hintergrund: Bei Donizettis „Missa“ spielen die Instrumente die Hauptrolle - Foto: Schaffer

Eine große, sehr große sogar. Denn die Messe wurde eineserseits zum ersten Mal aufgeführt und glich zum anderen einer Mischung aus Opernouvertüre, großer Sinfonie und exzellentem Instrumentalkonzert in einem. Dieses grandiose Musikwerk zeigte, dass Sänger nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen; sie wurden bei dieser Messe fast zu Nebendarstellern – obwohl sie ihre Rollen erstklassig füllten. Ohne Franz Hauk wäre man freilich nie in den Genuss solcher Musik gekommen: Er rekonstruierte die Messe nach langen Recherchen in vielen europäischen Bibliotheken, editierte sie und brachte sie schließlich zur Aufführung.

Dass diese Missa mehr ist als die Vertonung des typisch lateinischen Messetextes ist, zeigte sich gleich im zweiten Teil des Kyrie. Da stürmte es, da brodelte es, da zuckten die Blitze, und man konnte fast glauben, Opernkomponist Donizetti, der ja viel früher lebte als Richard Wagner, packe da die Hand des fliegenden Holländers. Dann folgte sogleich der Höhepunkt: das 40-minütige „Gloria“. Mit hervorragenden Solisten – und das waren nicht die Sänger. Sopranistin Siri Karoline Thornhill, Tenor Mark Adler und Bariton Martin Berner machten ihre Sache bestens, doch Donizetti hat in diese Messe so außerordentlich wunderbare und anspruchsvolle Instrumentalistenstellen komponiert, dass der Gesang eigentlich nur schmuckes Beiwerk ist. Sopranistin Marie-Sophie Pollak und Mezzosopranistin Marie-Sande Papenmeyer hatten zudem nur sehr kurze Einsätze im „Ave Maria“ und „Agnus Dei“.

Aber zurück zum Gloria und der leider nicht im Programm erwähnten ersten Klarinettistin. Schon Donizettis Lehrer Simon Mayr muss ein großer Verehrer des Holzblasinstrumentes gewesen sein – was seine Kompositionen für Bassetthorn beweisen. Auch Mayr schrieb virtuose Stellen in Messen für Klarinette – und hat seine Liebe für das Instrument offenbar an seinen Schüler Donizetti übertragen. Was Donizetti für Klarinette in die vermutlich um 1820 komponierte Missa schrieb, übertrifft vieles. Mehr Soli als in jeder Sinfonie, fast so im Mittelpunkt wie in einem Klarinettenkonzert. Ob atemberaubend schnelle Akkordbrechungen, chromatische Läufe oder kantilene Stellen – die Klarinettistin meisterte sie mit Bravour. Nicht minder schwindelerregende Akkordbrechungen zauberte der Hornist auf seinem, das muss besonders hervorgehoben werden, Naturhorn. Da sind solche Stellen doppelt so schwierig. Auch Konzertmeisterin Theona Gubba-Chkheidze brillierte in einem Teil des Glorias mit einem Violinsolo.

Nach so vielen Sahnestücken im ersten Teil ging es im kürzeren zweiten dann mit „Credo“, „Offertorium“, „Sanctus“ und letztendlich „Agnus Dei“ zu Ende. Auch hier dominierte mehr musikalischer Hochgenuss als strenge geistliche Einkehr. Schade, dass es eine Messe war, denn so traute sich keiner zwischen den Teilen für die grandiosen Musiker, Sänger und Franz Hauk zu klatschen. Am Freitagabend hätten es die Akteure mehr als verdient.

Von Christine Engel

Ingolstadt: Die Uraufführung einer Donizetti-Messe überrascht in Ingolstadt - Lesen Sie mehr auf:
http://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Ingolstadt-Stuermen-und-Brodeln;art598,2966254#plx295152323
Stürmen und Brodeln

Bild: Stürmen und Brodeln. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt: Stürmen und Brodeln
Sänger im Hintergrund: Bei Donizettis „Missa“ spielen die Instrumente die Hauptrolle - Foto: Schaffer

Eine große, sehr große sogar. Denn die Messe wurde eineserseits zum ersten Mal aufgeführt und glich zum anderen einer Mischung aus Opernouvertüre, großer Sinfonie und exzellentem Instrumentalkonzert in einem. Dieses grandiose Musikwerk zeigte, dass Sänger nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen; sie wurden bei dieser Messe fast zu Nebendarstellern – obwohl sie ihre Rollen erstklassig füllten. Ohne Franz Hauk wäre man freilich nie in den Genuss solcher Musik gekommen: Er rekonstruierte die Messe nach langen Recherchen in vielen europäischen Bibliotheken, editierte sie und brachte sie schließlich zur Aufführung.

Dass diese Missa mehr ist als die Vertonung des typisch lateinischen Messetextes ist, zeigte sich gleich im zweiten Teil des Kyrie. Da stürmte es, da brodelte es, da zuckten die Blitze, und man konnte fast glauben, Opernkomponist Donizetti, der ja viel früher lebte als Richard Wagner, packe da die Hand des fliegenden Holländers. Dann folgte sogleich der Höhepunkt: das 40-minütige „Gloria“. Mit hervorragenden Solisten – und das waren nicht die Sänger. Sopranistin Siri Karoline Thornhill, Tenor Mark Adler und Bariton Martin Berner machten ihre Sache bestens, doch Donizetti hat in diese Messe so außerordentlich wunderbare und anspruchsvolle Instrumentalistenstellen komponiert, dass der Gesang eigentlich nur schmuckes Beiwerk ist. Sopranistin Marie-Sophie Pollak und Mezzosopranistin Marie-Sande Papenmeyer hatten zudem nur sehr kurze Einsätze im „Ave Maria“ und „Agnus Dei“.

Aber zurück zum Gloria und der leider nicht im Programm erwähnten ersten Klarinettistin. Schon Donizettis Lehrer Simon Mayr muss ein großer Verehrer des Holzblasinstrumentes gewesen sein – was seine Kompositionen für Bassetthorn beweisen. Auch Mayr schrieb virtuose Stellen in Messen für Klarinette – und hat seine Liebe für das Instrument offenbar an seinen Schüler Donizetti übertragen. Was Donizetti für Klarinette in die vermutlich um 1820 komponierte Missa schrieb, übertrifft vieles. Mehr Soli als in jeder Sinfonie, fast so im Mittelpunkt wie in einem Klarinettenkonzert. Ob atemberaubend schnelle Akkordbrechungen, chromatische Läufe oder kantilene Stellen – die Klarinettistin meisterte sie mit Bravour. Nicht minder schwindelerregende Akkordbrechungen zauberte der Hornist auf seinem, das muss besonders hervorgehoben werden, Naturhorn. Da sind solche Stellen doppelt so schwierig. Auch Konzertmeisterin Theona Gubba-Chkheidze brillierte in einem Teil des Glorias mit einem Violinsolo.

Nach so vielen Sahnestücken im ersten Teil ging es im kürzeren zweiten dann mit „Credo“, „Offertorium“, „Sanctus“ und letztendlich „Agnus Dei“ zu Ende. Auch hier dominierte mehr musikalischer Hochgenuss als strenge geistliche Einkehr. Schade, dass es eine Messe war, denn so traute sich keiner zwischen den Teilen für die grandiosen Musiker, Sänger und Franz Hauk zu klatschen. Am Freitagabend hätten es die Akteure mehr als verdient.

Von Christine Engel

Ingolstadt: Die Uraufführung einer Donizetti-Messe überrascht in Ingolstadt - Lesen Sie mehr auf:
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Stürmen und Brodeln

Bild: Stürmen und Brodeln. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt (DK) Was für eine Überraschung in der Asamkirche Maria de Victoria: Franz Hauk, die internationale Simon-Mayr-Gesellschaft und der Simon-Mayr-Chor mit Ensemble und Solisten führten die „Missa di Gloria e Credo“ d-Moll von Gaetano Donizetti auf. Was soll denn eine Orchestermesse in einer Kirche für eine Überraschung sein, mag sich da mancher denken.

Ingolstadt: Stürmen und Brodeln
Sänger im Hintergrund: Bei Donizettis „Missa“ spielen die Instrumente die Hauptrolle - Foto: Schaffer

Eine große, sehr große sogar. Denn die Messe wurde eineserseits zum ersten Mal aufgeführt und glich zum anderen einer Mischung aus Opernouvertüre, großer Sinfonie und exzellentem Instrumentalkonzert in einem. Dieses grandiose Musikwerk zeigte, dass Sänger nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen; sie wurden bei dieser Messe fast zu Nebendarstellern – obwohl sie ihre Rollen erstklassig füllten. Ohne Franz Hauk wäre man freilich nie in den Genuss solcher Musik gekommen: Er rekonstruierte die Messe nach langen Recherchen in vielen europäischen Bibliotheken, editierte sie und brachte sie schließlich zur Aufführung.

Dass diese Missa mehr ist als die Vertonung des typisch lateinischen Messetextes ist, zeigte sich gleich im zweiten Teil des Kyrie. Da stürmte es, da brodelte es, da zuckten die Blitze, und man konnte fast glauben, Opernkomponist Donizetti, der ja viel früher lebte als Richard Wagner, packe da die Hand des fliegenden Holländers. Dann folgte sogleich der Höhepunkt: das 40-minütige „Gloria“. Mit hervorragenden Solisten – und das waren nicht die Sänger. Sopranistin Siri Karoline Thornhill, Tenor Mark Adler und Bariton Martin Berner machten ihre Sache bestens, doch Donizetti hat in diese Messe so außerordentlich wunderbare und anspruchsvolle Instrumentalistenstellen komponiert, dass der Gesang eigentlich nur schmuckes Beiwerk ist. Sopranistin Marie-Sophie Pollak und Mezzosopranistin Marie-Sande Papenmeyer hatten zudem nur sehr kurze Einsätze im „Ave Maria“ und „Agnus Dei“.

Aber zurück zum Gloria und der leider nicht im Programm erwähnten ersten Klarinettistin. Schon Donizettis Lehrer Simon Mayr muss ein großer Verehrer des Holzblasinstrumentes gewesen sein – was seine Kompositionen für Bassetthorn beweisen. Auch Mayr schrieb virtuose Stellen in Messen für Klarinette – und hat seine Liebe für das Instrument offenbar an seinen Schüler Donizetti übertragen. Was Donizetti für Klarinette in die vermutlich um 1820 komponierte Missa schrieb, übertrifft vieles. Mehr Soli als in jeder Sinfonie, fast so im Mittelpunkt wie in einem Klarinettenkonzert. Ob atemberaubend schnelle Akkordbrechungen, chromatische Läufe oder kantilene Stellen – die Klarinettistin meisterte sie mit Bravour. Nicht minder schwindelerregende Akkordbrechungen zauberte der Hornist auf seinem, das muss besonders hervorgehoben werden, Naturhorn. Da sind solche Stellen doppelt so schwierig. Auch Konzertmeisterin Theona Gubba-Chkheidze brillierte in einem Teil des Glorias mit einem Violinsolo.

Nach so vielen Sahnestücken im ersten Teil ging es im kürzeren zweiten dann mit „Credo“, „Offertorium“, „Sanctus“ und letztendlich „Agnus Dei“ zu Ende. Auch hier dominierte mehr musikalischer Hochgenuss als strenge geistliche Einkehr. Schade, dass es eine Messe war, denn so traute sich keiner zwischen den Teilen für die grandiosen Musiker, Sänger und Franz Hauk zu klatschen. Am Freitagabend hätten es die Akteure mehr als verdient.

Von Christine Engel

Ingolstadt: Die Uraufführung einer Donizetti-Messe überrascht in Ingolstadt - Lesen Sie mehr auf:
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Schauspiel mit Augenzwinkern

Sandersdorf (DK) Tosender Applaus zum Abschluss: Die Aufführung der komischen Mayr-Oper „Der Geizhals“ im Sandersdorfer Schlosshof ist ein voller Erfolg geworden. Entgegen allen Wettervorhersagen sicherte eine laue Sommernacht das Freilichtvergnügen.

Noch lange verweilten die Darsteller auf der Bühne, nachdem der letzte Ton verklungen war. Das Publikum, das den Hof des Sandersdorfer Schlosses füllte, quittierte die Inszenierung der komischen Mayr-Oper mit minutenlangem Applaus. „Der Geizhals“ hatte weit über 300 Gäste angelockt – und begeisterte diese mit einer schwungvollen Inszenierung und der enormen Spielfreude der Solisten aus der Schweizer Gemeinde Arosa.
Geschuldet war die ausgelassene Atmosphäre nicht nur der bedeutungsvollen Lokalität. Der Mendorfer Komponist Johann Simon Mayr hatte sich zeit seines Lebens selbst oft und gerne im Illuminatenschloss aufgehalten, wie Rainer Rupp, der Vorsitzende der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft mit Sitz in Ingolstadt, in seiner Begrüßung hervorhob. „Hier lebte sein Mäzen Thomas de Bassus“, erklärte er den Zuschauern.
Das die Aufführung an dem „historischen Mayr-Platz“ stattfinden konnte, war an diesem Tag aber keine Selbstverständlichkeit. „Sämtliche Wettervorhersagen waren sich sicher, dass um 19 Uhr ein Unwetter über Sandersdorf hängen wird“, meinte Rupp und entschuldigte sich für das Chaos, das die ersten Besucher empfangen hatte. Denn erst eine Stunde vor Einlass fiel der Entschluss, Bestuhlung und Bühnenaufbau aus der Schulturnhalle zurück in den Schlosshof zu verlegen. „Der Wettergott hat unsere Bitten erhört“, sagte der Vorsitzende mit einem Augenzwinkern. „Wahrscheinlich deshalb, weil Mayr lieber hier in Sandersdorf als in Ingolstadt gewesen ist.“ Rupp spielte damit auf die Aufführung am Vortag an, die nicht im Freilichttheater Turm Baur, sondern im Festsaal des Stadttheaters über die Bühne gehen musste.
Die laue Sommernacht bot den perfekten Rahmen für Mayrs Farsa über die Liebe und das liebe Geld. Die Geschichte ist so simpel wie unterhaltsam: Der „Geizhals“, Herr Ambrogio (Christian Büchel), ist genervt von seinen Mitbewohnern, die ihm seiner Meinung nach den letzten Franken aus der Tasche ziehen. Neben seiner verwitweten Schwiegertochter Eugenia (Nathalie Colas), die nichts mehr als den Luxus liebt, sind das seine Nichte Armellina (Larissa Bretscher) und der Student Signor Boboli (Chasper-Curò Mani). Nichts wäre einfacher, als die beiden Damen zu verheiraten – um die Gunst Eugenias buhlen mit dem Soldaten Filiberti (Daniel Bentz) und dem Conte dell’sola (Emanuel Heitz) bereits zwei potenzielle Kandidaten. Jedoch ziert sich Amborgio, die Mitgift zu bezahlen. Nach einigen Verwicklungen, in denen Amborgios Diener (Pinar Tagan in einer stummen Rolle) immer wieder für amüsiertes Schmunzeln beim Publikum sorgt, löst sich schließlich alles in Wohlgefallen auf: Eugenia bekommt ihren „erotischen“ Soldaten, Boboli und Armellina finden zueinander und Ambrogio darf sein Geld behalten.
Die Energie der Darsteller, die den gesamten Schlosshof für ihr Schauspiel ausnutzten, wurde vom Georgischen Kammerorchester Ingolstadt unter der Leitung von Dirigentin Zoi Tsokanou aufs Beste aufgefangen und sogar noch unterstrichen. So verwunderte es nicht, dass auch die Musiker für ihre meisterhafte Darbietung mit Bravorufen aus dem Publikum überhäuft wurden.


Von Kathrin Schmied
 

Die Liebe und das liebe Geld

Ingolstadt (DK) Schade, sehr schade. Petrus machte einen dicken Strich durch die Rechnung und schadete damit der Inszenierung der Simon-Mayr-Farsa „Der Geizhals“ gewaltig. Zum Glück machten die Mitwirkenden aus der Situation das Beste. Ihre musikalische Leistung entschädigte das Publikum.

 

 

Wurden in den Festsaal vertrieben: Emanuel Heitz, Larissa Bretscher, Christian Büchel, Chasper-Curo Mani und Daniel Bentz - Foto: Engel

 

Am Samstagvormittag hatte alles noch so gut ausgesehen. Der Himmel strahlte. Nichts, so meinte man, stand einem wunderbaren Open-Air-Opernabend im Turm Baur entgegen. Die Generalprobe, so erzählte es der Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft Rainer Rupp am Abend, hatte eine fulminante und atmosphärische Aufführung versprochen. Am Nachmittag türmten sich dann die schwarzen Wolkenberge am Himmel, und alles war dahin. Die Aufführung des „Geizhals“ von Johann Simon Mayr unter der Regie von Michael Lochar (eine Initiative des Schweizer Vereins Arosa Kultur und des Georgischen Kammerorchesters) musste in den Festsaal verlegt werden. Dort wurde in hohem Maße improvisiert, und die Oper geriet fast zu einer konzertanten Aufführung. Bühnenbild war, verständlicherweise, keines vorhanden – die Requisiten spärlich. Am Beginn duschten die Sänger noch in einer Plastikbox, und ein Kleiderständer stand verloren auf der viel zu großen Bühne. Später mussten ein gelber Brief, ein kleiner Sekretär und ein Koffer genügen, um szenisch die Geschichte der Farsa – also einer komischen Kurzoper – aus dem Jahr 1799 darzustellen.

Die ist schnell erzählt: Herr Ambrosius (Christian Büchel) möchte seine in seinen Augen schmarotzenden Mitbewohner loswerden: seine verwitwete Schwiegertochter Eugenia (Nathalie Colas), Nichte Armellina (Larissa Bretscher) und den Studenten Signor Boboli (Chasper-Curo Mani). Nichts wäre einfacher, als die beiden Damen zu verheiraten. Geeignete Kandidaten gäbe es auch – gerade für Eugenia: den Soldaten Filiberti (Daniel Bentz) und den Conte dell’Isola (Emanuel Heitz). Allerdings verlangen diese eine Mitgift, die der Geizhals nicht zahlen will. Durch Irrungen, Wirrungen und Intrigen geht es für die meisten am Ende doch gut aus: Die luxusliebende Eugenia heiratet Filiberti und wird von Herrn Ambrosius als Haupterbin eingesetzt, Nichte Armellina heiratet Signor Boboli, der sich als reicher Mann entpuppt, der Conte geht leer aus, und Ambrosius muss keine Mitgift zahlen. Ihm bleibt sein Diener (in einer stummen Rolle: Pinar Tagan).

Die Sänger machten ihre Sache hervorragend. Trotzdem verloren sich die Stimmen in den Weiten des Festsaals – und das, obwohl man versucht hatte, mit Schaumgummiwänden an den Seiten den Klang etwas zusammenzuhalten. Am deutlichsten verstand man Christian Büchels kräftigen Bariton. Sein Stimmkollege Chasper-Curo Mani trat dagegen etwas in den Hintergrund – auch wenn er zwischendurch mit Gitarre und dem Italo-Schlager „Que sera“ brillierte. Die Sopranistinnen ergänzten sich in ihrer Unterschiedlichkeit sehr gut. Larissa Bretscher mit einer glockenhellen, süßen Stimme traf auf Protagonistin Nathalie Colas mit reiferem, erdigem Sopran, und beide zusammen lieferten eine gebündelte Partie – genau wie die beiden Tenöre Daniel Bentz und Emanuel Heitz. Besonders beeindruckte an diesem Abend die Dirigentin Zoi Tsokanou. Das Georgische Kammerorchester war aus logistischen Gründen links von der Bühne platziert. Die Dirigentin hatte also keinen Blickkontakt mit den Sängern – und wenn, dann nur sehr umständlich. Trotzdem gelang es ihr vortrefflich, die Tempi und Interpretationen der Sänger auf das heiter musizierende Georgische Kammerorchester zu übertragen.

Am Ende gab es stehende Ovationen für ein Ensemble, das das Beste aus einer sehr misslichen Situation gemacht hatte. Anschließend flüchtete das Publikum vom Durst getrieben in die umliegenden Bars – denn auch die Bewirtung fehlte. Dem Anker-Wirt, der im Turm Baur hätte ausschenken sollen, war es nicht erlaubt, im Stadttheater Getränke zu servieren.


Von Christine Engel

Napoleons Traumrollen

Ingolstädter Wissenschaftlerin veröffentlicht Buch zu Johann Simon Mayr

Im Rahmen der sogenannten Mayr-Studien ist ein neuer Band, der siebte, erschienen. Dr. Iris Winkler hat darin unter dem Titel „Napoleons Traumrollen Alexander und Trajan im Werk des Komponisten Giovanni Simone Mayr. Musik und Kulturpolitik im napoleonischen Venedig“ dargestellt, wie Musik auch zum Politikum werden kann und dies am Beispiel Napoleon und Simon Mayr erläutert.

Musikprofessor Reinhard Wiesend schreibt über das Buch: „Den in Mendorf geborenen Simon Mayr, oder wie er in seiner Wahlheimat Italien meist genannt worden ist, Giovanni Simone Mayr, muss man in Ingolstadt nicht mehr vorstellen. Denn dort hat in den letzten 20 Jahren die Musikpflege international Aufsehen erregt dadurch, dass sie diesen seinerzeit renommierten Komponisten, Musiktheoretiker und Musikpädagogen auf ihr Schild gehoben und vermehrt und mit Gewinn Musik dieses Vielseitigen aus dem frühen 19. Jahrhundert zur Aufführung gebracht hat.

Daneben hat eher im Verborgenen auch die Forschung sich des Allroundgenies angenommen; sie hat nicht nur Noten und wissenschaftlich anspruchsvolle Ausgaben für die Konzerte bereit gestellt, sondern es kam und kommt immer mehr auch zu einer Überprüfung der musikhistori-schen Einschätzung des Künstlers. Mayrs Rolle wird mit Recht als zentral für jene Zeit gesehen. Dies trifft allein schon zu für die Aufführungszahlen, denn Mayr war zumindest im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts der führende, erfolgreichste Opernkomponist in Italien. Seine Reputation war damals so groß, dass kein geringerer als Napoleon versuchte (allerdings vergeblich), ihn an seinen Hof zu binden.

Jetzt ist ein Meilenstein in die Öffentlichkeit gerückt worden. Die Musikwissenschaftlerin Dr. Iris Winkler hat ein weiteres, übrigens sehr gut lesbares und anschaulich bebildertes Buch über Mayr vorgelegt. Ihr kommt es darauf an, anhand des gewählten Ausschnitts darzulegen, wie Musik zum Politikum werden kann und wie sich dies bei Napoleon, dem Eroberer, in der Musikpflege vor allem der unterworfenen norditalienischen Regionen niederschlägt. Dabei legt sie Wert auf die Feststellung, dass Napoleon der erste moderne Diktator ist, der sich ganz wesentlich und extensiv der Propaganda bedient. Gegenstand ihres Interesses ist also – neben der selbstverständlich soliden Aufarbeitung der Quellen – insbesondere die Vermittlung und Funktionalisierung von Musik, wie sie sich am Beispiel des von ihr gewählten Sonderfalles darstellt.“

„Napoleons Traumrollen Alexander und Trajan im Werk des Komponisten Giovanni Simone Mayr. Musik und Kulturpolitik im napoleonischen Venedig.“(Mayr-Studien, Band 7. Musikverlag Katzbichler München-Salzburg, 2014.)

http://www2.ingolstadt.de/index.phtml?object=tx%7C1842.55.1&NavID=1842.86&Aktuell_ID=15618

Mayrs „Ginevra di Scozia" bei Oehms Classics

Wegweiser zwischen den Welten

Nachklang des Mayr-Jahres 2013 in einer packenden Aufnahme

Kaum eine andere Neuaufnahme der letzten Jahre bereitet mir soviel Freude wie die vorliegende Ginevra di Scozia von Giovanni Simone Mayr (um für diese seine erfolgreichste italienische Oper auch seinen italienischen Namen zu verwenden), die bei Oehms als Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks (3 CD Oehms Classics OC 960) in ihrer konzertanten Aufführung am 14. Juni 2013 im Stadttheater von Ingolstadt festgehalten wurde. Ingolstadt ist der Sitz der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft (unter Vorsitz von Rainer Rupp), die namhaft an der Pflege des nahe Ingolstadt in Mendorf geborenen Komponisten beteiligt ist.

Il giovane Tedesco Mayr in Italien/Opera Rara

Während Mayrs Geburtsjahr 2013 anderswo fast unbemerkt vorbei ging, rafften sich Ingolstadt und der Bayerische Rundfunk zu einer Großtat auf und brachten Ginevra di Scozia in der gültigen Edition bei Ricordi heraus, konzertant und wirkungsvoll. Ich war schon 2001 zur 200-Jahr-Feier der Premiere mit einer szenischen Aufführung in Triest gewesen und hatte dort bereits von dem musikalischen Reichtum des Werkes geschwärmt, aber die dortige Besetzung (bei Opera Rara nachzuhören) war stilistisch und vokal nicht auf diesem Niveau von Ingolstadt gewesen, auch weil die Triester Premierenbesetzung mit einem wirklich gewöhnungsbedürftigen Counter als Lurciano besetzt war, der im Gegensatz zur Alternative (Gabriella Sborgi, eben nicht aufgenommen, was auch schade wegen der tollen Romina Basso als Ariodante war) mir den Abend verdarb

Mayrs “Ginevra” im Konzert in Ingolstadt/Weinretter/BR/Oehms

Nun, bei Oehms (und am BR vorab gesendet und begeisternd) hat man eine homogene Besetzung vor sich, die nur entzücken kann. Myrto Papatanasiu bezaubert als resolute, gar nicht weinerliche und dabei dunkel-schön singende Ginevra. Anna Bonitatibus begeistert mit gut geführter, weicher Mezzostimme der durchaus heroischen Dimensionen in der Kastratenpartie des Ariodante, ganz wunderbar (und Gott sei Dank kam niemand auf die Idee, einen der üblichen Counter hierfür zu verpflichten!). Magdalena Hinterdobler gibt die freche, liebeshungrige Dalinda mit Effekt. Stefanie Irányi ist ein markanter Bruder des Ariodante, Lurciano (Mezzo, danke!). Der renommierte Mario Zeffiri ist der fiese Polinesso in Person und führt seinen geschmeidigen Tenor in dieser Bösewichtpartie zwischen Schöngesang und Häme außerodentlich eindrucksvoll. Marko Cillic ist ein präsenter Knappe Vafrono, Virgil Mischok der Vorsteher des Templerordens. Peter Schöne sprang sehr kurzfristig als König von Schottland mit markantem Bariton ein – chapeau für diese Leistung.

Ganz fabelhaft: Dirigent George Petrou/Foto Vogel/BR/Oehms

Der Männerchor des Heinrich-Schütz-Ensembles Vornbach (Martin Steidler) und das flexible Münchner Rundfunkorchester stehen unter der Leitung des Spezialisten George Petrou, der vom Hammerflügel aus dirigiert und der ein rasantes, individuelles Idiom in die Musik bringt, ihr ein Gesicht gibt und die Tempi federnd-beweglich hält. Namentlich die Rezitative gehen ab wie die Post und tragen zur lebendigen, natürlichen Wirkung bei. Ich muss gestehen, dass ich bereits die Radioaufnahme viele Male gespielt und nun die CDs seit Tagen laufen habe. Dieser Mayr geht wirklich in die Füße. Danke an alle.

Geerd Heinsen

Als säße man in einer Verdi-Oper

Ingolstadt(DK)

Da stellt es heutigen Müttern die Haare auf: Als Sechsjähriger kam der kleine Johann Simon Mayr 1769 in die Elementarschule nach Kloster Weltenburg – das war im 18. Jahrhundert eine Tagesreise von seinem Elternhaus in Mendorf
entfernt.

 

 

Foto: Hans-Christian Wagner

 

Er blieb dort bis 1773, sah seine Heimat wahrscheinlich nur ein bis zweimal im
Jahr und wurde nachhaltig geprägt. Grausam war das aus damaliger Sicht
vermutlich nicht – im Gegenteil, wahrscheinlich wollte das Ehepaar Mayr das
Beste für den kleinen Simon.

Einen ganzen Tag Anreise brauchte die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft
freilich nicht. In einer Stunde war Mayrs Ingolstädter Fanclub, der bis zu drei
Reisen jährlich an verschiedene Mayr-Spielorte unternimmt, von Ingolstadt in
Weltenburg. Dort wurde am Sonntagnachmittag, einen Tag vor Mayrs 168. Todestag,
das Magnificat in D-Dur und, als Höhepunkt, seine Einsiedeln-Messe in der
Klosterkirche der Benediktinerabtei aufgeführt. Sehr passend, denn Mayr
komponierte diese Messe 1826 als Auftragsarbeit für das Benediktinerkloster
Maria Einsiedeln in der Schweiz. Musikalischer Gesamtleiter des Projekts war
der junge Dirigent und Kirchenmusiker Christian Bischof, Mitglied der
Simon-Mayr-Gesellschaft sowie Organist und Chordirektor an der Stadtpfarrkirche
St. Margaret in München. Er beschäftigt sich intensiv mit Johann Simon Mayr und
reiste am Sonntag mit der von ihm gegründeten Capella Simone Mayr, dem
Consortium Musicum und dem Chor der Stadtkirche St. Margaret nach Weltenburg,
nachdem dieses Ensemble schon am Vormittag in München ein Konzert gegeben
hatte.

Trotzdem sah man bei allen Mitwirkenden keine Spur von Müdigkeit oder
nachlassendem Elan. Christian Bischof dirigierte mit Herzblut. Seine Chorsänger
sangen hoch konzentriert, mit Leibeskräften, reiner Intonation und
Artikulation. Das Orchester bestand aus wunderbar miteinander agierenden, aber
durchaus individuellen Instrumentalisten. Als vorzügliche Solisten agierten
Sopranistin Maria Pitsch, Mezzosopranistin Theresa Holzhauser, die die
Altpartie sang, Tenor Christian Bauer und Bariton Tobias Neumann. Sie alle
machten das Stück noch ungewöhnlicher, als es ohnehin schon ist. Denn die
Einsiedeln-Messe ist, so scheint es, nicht nur eine Messe. Jeder Satz (Kyrie,
Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei) gestaltete sich wie ein
einzelnes Konzert. Und diese Konzerte reichten durch verschiedene Gattungen –
von Kammermusik bis Oper. Von romantischem Lied bis Instrumentalkonzert. Da war
zum Beispiel das Credo: Es begann im „Allegro moderato“ mit einem Jagdsignal und
wurde dann im „Et incarnatus est“ zu einem Streichquartett mit einer sehr
führenden, sehr virtuosen ersten Geige. Ein paar Sätze später hatte man das
Gefühl, man säße in einer Verdi-Oper und die Vorläufer vom Triumphmarsch aus
„Aida“ würden aufgeführt. Und am Ende des „Agnus Dei“ erklang auf einmal eines
der Klarinettenkonzerte von Carl Maria von Weber – es hörte sich zumindest so
an.

Ebenfalls spannend: Der Dialog von Flöte und Fagott, gespickt mit
Streicherpizzicati und später, im weiterführenden Duett von Tenor und Sopran,
geprägt von punktierten Achteln, die dem Ganzen einen marschierenden Charakter
gaben. Das sind nur wenige Beispiele. Die kompositorischen Raffinessen zogen
sich durch die kompletten 45 Minuten dieses grandiosen Werks.


Von Christine Engel

 

DonauKurier, 03.12.2013



Eine Mayr-Oper aus Arosa (DK, 23.10. 2013)

      Ingolstadt (DK) An kaum einem Ort ist das Engagement für den Komponisten Johann Simon Mayr (1763–1845) so groß wie im Schweizer Ferienort Arosa. Der dortige Kultursommer hat sich vorgenommen, alle zwei Jahre eine Oper des in Mendorf geborenen Komponisten auf die Bühne zu bringen. 2014 ist es wieder so weit. Diesmal allerdings werden auch die Ingolstädter etwas davon haben. Denn die Farsa, eine komische Kurzoper, die dort zur Aufführung gebracht werden soll, wird als Gastspiel auch in Ingolstadt zu erleben sein.
Auf ein Kooperationsmodell mit diesem Inhalt haben sich gestern der Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, Rainer Rupp, Christian Buxhofer vom Kultursommer Arosa, Alexander Stefan, Geschäftsführer des Georgischen Kammerorchesters, und Jürgen Köhler, stellvertretender Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, geeinigt. Die Aufführung der Kurzoper ist an zwei Tagen geplant, am 2. und 3. August 2014. Als Aufführungsort wünscht man sich den Hof des Neuen Schlosses Ingolstadt und Schloss Sandersdorf. Welche der rund 60 Mayr-Opern nun produziert wird, darüber soll noch mit dem Ricordi-Verlag verhandelt werden, der das Notenmaterial dafür eigens erstellen soll. Die zusätzlichen Kosten für die beiden Opernabende belaufen sich nach Angaben von Rainer Rupp auf etwa 30 000 Euro. Die Finanzierung wird die Simon-Mayr-Gesellschaft übernehmen.
Bei den Ingolstädter Aufführungen wird das Georgische Kammerorchester spielen, die sonstige Besetzung bleiben identisch: Zoi Tsokanou dirigiert und Michael Locher inszeniert. Die Kooperation zwischen Arosa und Ingolstadt soll übrigens auch in den nächsten Jahren fortgesetzt werden.
Für die Georgier bieten sich darüber hinaus noch weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Denn es wurde auch vereinbart, dass das Ingolstädter Orchester in den kommenden Jahren regelmäßig sinfonische Konzerte in den Wintermonaten und im März in Arosa geben soll. Das erste Konzert des Kammerorchesters ist bereits für 2014 geplant.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Heitere Töne am Sommerabend

Sandersdorf (DK) Ein wunderbares Werk für einen schönen Sommerabend auf Schloss Sandersdorf: Simon Mayrs Farsa „Il carretto del venditore d’aceto“ (Der Essighändler) wurde aufgeführt unter der Leitung des Dirigenten und ambitionierten Mayr-Forschers PierAngelo Pelucchi mit einem Ensemble Studierender aus Udine, Mitgliedern des Orchesters Academia Symphonica, einer Sängerin und vier Sängern im voll besetzten Schlosshof. Der leichte Witz, das Temperament, die Spielfreude passten vorzüglich an diesen Ort.
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Sandersdorf: Heitere Töne am Sommerabend
Turbulentes Sommervergnügen: Szene aus der Farsa „Il carretto del venditore d’aceto“ (Der Essighändler) von Simon Mayr - Foto: Sprogies
So wurde der kleine Operneinakter vom Publikum auch begeistert gefeiert.

Am 28. Juni 1800 wurde Simon Mayrs Farsa im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt. Bei dieser ersten Aufführung blieb es keineswegs, die kleine Oper begann ihren Siegeszug europaweit: Sie gelangte unter anderem nach Dresden, Barcelona, Wien, Amsterdam, Lissabon und London. Sie erklang 1821 in München, in dieser Zeit war die Landeshauptstadt bereits ein wesentliches Domizil für Mayrs Opernwerke.

Es geht in der kleinen komischen Oper um Vittore, den Sohn eines Essighändlers, der bei einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geht und sich dort in dessen Tochter Metilde verliebt. Der Kaufmann allerdings ist gerade dabei, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Mitgiftjäger Flamminio zu arrangieren – steht aber gleichzeitig dicht vor dem Konkurs. Am Ende löst der gut situierte Vater Vittores, der Essighändler, alle Wirrnis mit einem mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Essigfass.

Wie sehr die facettenreiche Musik Simon Mayrs und der hintersinnige Text Giuseppe Maria Foppas dem venezianischen Lebensgefühl entsprochen und keineswegs an Aktualität verloren haben, konnte die kleine Operntruppe durch heiter-strahlenden Gesang und ausdrucksstarkes Spiel vermitteln. Nach der Sinfonia kommt schon in der Introduzione Vittores schüchterner, zaghafter Charakter zum Vorschein, trefflich dargeboten vom lyrischen Tenor Livio Scarpellini, der bewies, dass gerade leise Töne tragfähig sein können. Der junge Tenor Michele Gallas studiert Gesang und Chorleitung am Conservatorio in Udine und stellte den ordenbehängten, tumben Aufschneider Flamminio in bedächtiger, blasierter Ruhe als Gegenpart dar.

Ebenso sind die tiefen Männerstimmen, beide Stimmfach Bariton, kontrastierend konzipiert: der stimmlich schlanke und sonore Davide Rocca als verzweifelter Kaufmann Girardo und Daniele Piscopo als die positive Vaterfigur, der Retter in allen Nöten, der glänzende, stimmgewaltige, überwältigende Titelheld, der Essighändler Prospero. Seine liedhafte Cavatina, sein Lalalalala, sein Tanz, sein „aceto forte“ setzten bleibende Akzente. Eine einzige weibliche Figur wirkte im Spiel um Liebe und Rechtschaffenheit mit. Um sie dreht es sich, und sie steigert die Verwicklungen mit ihren ariosen Liebesschwüren, die Donizetti-Bravour verlangten: die Sopranistin Clara Bertella als Metilde.

PierAngelo Pelucchi hatte alles meisterhaft im Griff. Sein fabelhaftes junges Orchester, mit einer brillierenden Konzertmeisterin, einfach besetztem Streicherapparat, entsprechend angepasster Bläserformation – eine Aufführungspraxis, die adäquat der zeitgemäßen Aufführungssituation an kleineren Theatern entsprochen haben dürfte –, agierte vortrefflich im Zusammenspiel mit den Gesangsstimmen.

Belcanto und Spielfreude verlangt die kleine Oper, die trotz perlender italienischer Machart mit cembalobegleiteten Parlando-Rezitativen dem bürgerlichen Singspiel nahesteht. Sie kommt ohne Szenenwechsel aus, verlangt aber von den Sängern neben stimmlicher Virtuosität auch schauspielerische Qualitäten. So überraschte Prospero alle mit einem gekonnten Hammerwurf ins Publikum. Das sollte allen falschen Spekulanten eine Warnung sein.


Von Iris Winkler

Sandersdorf: Ein italienisches Ensemble präsentierte eine Farsa von Simon Mayr auf Schloss Sandersdorf - Lesen Sie mehr auf:
http://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Sandersdorf-Heitere-Toene-am-Sommerabend;art598,2798305#1595898697
Heitere Töne am Sommerabend

Sandersdorf (DK) Ein wunderbares Werk für einen schönen Sommerabend auf Schloss Sandersdorf: Simon Mayrs Farsa „Il carretto del venditore d’aceto“ (Der Essighändler) wurde aufgeführt unter der Leitung des Dirigenten und ambitionierten Mayr-Forschers PierAngelo Pelucchi mit einem Ensemble Studierender aus Udine, Mitgliedern des Orchesters Academia Symphonica, einer Sängerin und vier Sängern im voll besetzten Schlosshof. Der leichte Witz, das Temperament, die Spielfreude passten vorzüglich an diesen Ort.
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Sandersdorf: Heitere Töne am Sommerabend
Turbulentes Sommervergnügen: Szene aus der Farsa „Il carretto del venditore d’aceto“ (Der Essighändler) von Simon Mayr - Foto: Sprogies
So wurde der kleine Operneinakter vom Publikum auch begeistert gefeiert.

Am 28. Juni 1800 wurde Simon Mayrs Farsa im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt. Bei dieser ersten Aufführung blieb es keineswegs, die kleine Oper begann ihren Siegeszug europaweit: Sie gelangte unter anderem nach Dresden, Barcelona, Wien, Amsterdam, Lissabon und London. Sie erklang 1821 in München, in dieser Zeit war die Landeshauptstadt bereits ein wesentliches Domizil für Mayrs Opernwerke.

Es geht in der kleinen komischen Oper um Vittore, den Sohn eines Essighändlers, der bei einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geht und sich dort in dessen Tochter Metilde verliebt. Der Kaufmann allerdings ist gerade dabei, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Mitgiftjäger Flamminio zu arrangieren – steht aber gleichzeitig dicht vor dem Konkurs. Am Ende löst der gut situierte Vater Vittores, der Essighändler, alle Wirrnis mit einem mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Essigfass.

Wie sehr die facettenreiche Musik Simon Mayrs und der hintersinnige Text Giuseppe Maria Foppas dem venezianischen Lebensgefühl entsprochen und keineswegs an Aktualität verloren haben, konnte die kleine Operntruppe durch heiter-strahlenden Gesang und ausdrucksstarkes Spiel vermitteln. Nach der Sinfonia kommt schon in der Introduzione Vittores schüchterner, zaghafter Charakter zum Vorschein, trefflich dargeboten vom lyrischen Tenor Livio Scarpellini, der bewies, dass gerade leise Töne tragfähig sein können. Der junge Tenor Michele Gallas studiert Gesang und Chorleitung am Conservatorio in Udine und stellte den ordenbehängten, tumben Aufschneider Flamminio in bedächtiger, blasierter Ruhe als Gegenpart dar.

Ebenso sind die tiefen Männerstimmen, beide Stimmfach Bariton, kontrastierend konzipiert: der stimmlich schlanke und sonore Davide Rocca als verzweifelter Kaufmann Girardo und Daniele Piscopo als die positive Vaterfigur, der Retter in allen Nöten, der glänzende, stimmgewaltige, überwältigende Titelheld, der Essighändler Prospero. Seine liedhafte Cavatina, sein Lalalalala, sein Tanz, sein „aceto forte“ setzten bleibende Akzente. Eine einzige weibliche Figur wirkte im Spiel um Liebe und Rechtschaffenheit mit. Um sie dreht es sich, und sie steigert die Verwicklungen mit ihren ariosen Liebesschwüren, die Donizetti-Bravour verlangten: die Sopranistin Clara Bertella als Metilde.

PierAngelo Pelucchi hatte alles meisterhaft im Griff. Sein fabelhaftes junges Orchester, mit einer brillierenden Konzertmeisterin, einfach besetztem Streicherapparat, entsprechend angepasster Bläserformation – eine Aufführungspraxis, die adäquat der zeitgemäßen Aufführungssituation an kleineren Theatern entsprochen haben dürfte –, agierte vortrefflich im Zusammenspiel mit den Gesangsstimmen.

Belcanto und Spielfreude verlangt die kleine Oper, die trotz perlender italienischer Machart mit cembalobegleiteten Parlando-Rezitativen dem bürgerlichen Singspiel nahesteht. Sie kommt ohne Szenenwechsel aus, verlangt aber von den Sängern neben stimmlicher Virtuosität auch schauspielerische Qualitäten. So überraschte Prospero alle mit einem gekonnten Hammerwurf ins Publikum. Das sollte allen falschen Spekulanten eine Warnung sein.


Von Iris Winkler

Sandersdorf: Ein italienisches Ensemble präsentierte eine Farsa von Simon Mayr auf Schloss Sandersdorf - Lesen Sie mehr auf:
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Donaukurier, 31.07. 2013

 

Heitere Töne am Sommerabend

Sandersdorf (DK) Ein wunderbares Werk für einen schönen Sommerabend auf Schloss Sandersdorf: Simon Mayrs Farsa „Il carretto del venditore d’aceto“ (Der Essighändler) wurde aufgeführt unter der Leitung des Dirigenten und ambitionierten Mayr-Forschers PierAngelo Pelucchi mit einem Ensemble Studierender aus Udine, Mitgliedern des Orchesters Academia Symphonica, einer Sängerin und vier Sängern im voll besetzten Schlosshof. Der leichte Witz, das Temperament, die Spielfreude passten vorzüglich an diesen Ort.


So wurde der kleine Operneinakter vom Publikum auch begeistert gefeiert.
Am 28. Juni 1800 wurde Simon Mayrs Farsa im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt. Bei dieser ersten Aufführung blieb es keineswegs, die kleine Oper begann ihren Siegeszug europaweit: Sie gelangte unter anderem nach Dresden, Barcelona, Wien, Amsterdam, Lissabon und London. Sie erklang 1821 in München, in dieser Zeit war die Landeshauptstadt bereits ein wesentliches Domizil für Mayrs Opernwerke.

Es geht in der kleinen komischen Oper um Vittore, den Sohn eines Essighändlers, der bei einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geht und sich dort in dessen Tochter Metilde verliebt. Der Kaufmann allerdings ist gerade dabei, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Mitgiftjäger Flamminio zu arrangieren – steht aber gleichzeitig dicht vor dem Konkurs. Am Ende löst der gut situierte Vater Vittores, der Essighändler, alle Wirrnis mit einem mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Essigfass.

Wie sehr die facettenreiche Musik Simon Mayrs und der hintersinnige Text Giuseppe Maria Foppas dem venezianischen Lebensgefühl entsprochen und keineswegs an Aktualität verloren haben, konnte die kleine Operntruppe durch heiter-strahlenden Gesang und ausdrucksstarkes Spiel vermitteln. Nach der Sinfonia kommt schon in der Introduzione Vittores schüchterner, zaghafter Charakter zum Vorschein, trefflich dargeboten vom lyrischen Tenor Livio Scarpellini, der bewies, dass gerade leise Töne tragfähig sein können. Der junge Tenor Michele Gallas studiert Gesang und Chorleitung am Conservatorio in Udine und stellte den ordenbehängten, tumben Aufschneider Flamminio in bedächtiger, blasierter Ruhe als Gegenpart dar.

Ebenso sind die tiefen Männerstimmen, beide Stimmfach Bariton, kontrastierend konzipiert: der stimmlich schlanke und sonore Davide Rocca als verzweifelter Kaufmann Girardo und Daniele Piscopo als die positive Vaterfigur, der Retter in allen Nöten, der glänzende, stimmgewaltige, überwältigende Titelheld, der Essighändler Prospero. Seine liedhafte Cavatina, sein Lalalalala, sein Tanz, sein „aceto forte“ setzten bleibende Akzente. Eine einzige weibliche Figur wirkte im Spiel um Liebe und Rechtschaffenheit mit. Um sie dreht es sich, und sie steigert die Verwicklungen mit ihren ariosen Liebesschwüren, die Donizetti-Bravour verlangten: die Sopranistin Clara Bertella als Metilde.

PierAngelo Pelucchi hatte alles meisterhaft im Griff. Sein fabelhaftes junges Orchester, mit einer brillierenden Konzertmeisterin, einfach besetztem Streicherapparat, entsprechend angepasster Bläserformation – eine Aufführungspraxis, die adäquat der zeitgemäßen Aufführungssituation an kleineren Theatern entsprochen haben dürfte –, agierte vortrefflich im Zusammenspiel mit den Gesangsstimmen.

Belcanto und Spielfreude verlangt die kleine Oper, die trotz perlender italienischer Machart mit cembalobegleiteten Parlando-Rezitativen dem bürgerlichen Singspiel nahesteht. Sie kommt ohne Szenenwechsel aus, verlangt aber von den Sängern neben stimmlicher Virtuosität auch schauspielerische Qualitäten. So überraschte Prospero alle mit einem gekonnten Hammerwurf ins Publikum. Das sollte allen falschen Spekulanten eine Warnung sein.


Von Iris Winkler

 

LEIDENSCHAFT IN HÖCHSTEN TÖNEN

   Auf dem Bild hoch über der Bühne sinnt der Meister offenbar seinen musikalischen Ideen nach. Die schwebten diesem Johann Simon Mayr offenbar aus den Sphären Mozarts, Beethovens und seiner italienischen Zeitgenossen zu. Und ganz Ingolstadt samt Umgebung schwebt derzeit im Mayr-Himmel zu dessen 250. Geburtstag: 1763 im nahen Mendorf geboren. Man feiert mit Simon-Mayr-Bier, einem Symposion, einer Fülle von Konzerten und Opern und trägt seine Feierlaune sogar bis nach Bergamo, wo Mayr hochgeehrt 1845 gestorben ist. Dort gab es einen Tag nach Ingolstadt konzertant noch einmal seine „Ginevra di Scozia“.

   Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Es ist die oft gedichtete, gemalte, komponierte Geschichte der aus Eifersucht verleumundeten Genoveva, der Stoff, aus dem Händel zum Beispiel seinen „Ariodante“ machte. Prominent war Mayrs „Ginevra“ sofort nach ihrer Uraufführung 1801 im damals österreichischen Triest, dann kam die Oper in Wien, in ganz Italien, auch an der Scala oder in Neapel heraus. Und es wird die Simon-Mayr-Gesellschaft gefreut haben, dass auch bei der Aufführung in Ingolstadt Theaterintendanten im Parkett saßen. Wenn jetzt der Mailänder Ricordi-Verlag sukzessive die Mayr-Gesamtausgabe herausbringt, werden sie es ein, die über eine weitere Mayr-Renaissance entscheiden – wie einst Goethe, der das Stück 1811 am Hoftheater Weimar herausbrachte.

   Eher fröhlich beginnt Mayrs Ausflug ins grüne Scozia-Schottland, er schildert in der Ouverture mehr eine singspielhafte Landpartie denn eine tragische Geschichte um Leben und Tod, Rivalität und Eifersucht. George Petrou legt mit dem Münchner Rundfunkorchester und in seiner präzise-konzentrierten Einstudierung in farbenfroher Vielfalt los, über die Mozart noch deutlich hörbar seine Hand hält. Da beginnt der 1. Akt wie jede italienische Oper der Romantik: mit Männerchor, mit „Schicksal“ und „schändlicher Verräter“ – man ist mittendrin in einer Zeit, in der Rossini, Donizetti, Bellini gerade erst geboren waren. Mayrs Musik nimmt schnell mitreißenden Geschwindschritt auf, gefällt mit melodischen Cavatinen, hinreißenden Duetten. Die unschuldige Ginevra singt ihre Koloraturen wie ein melodiensüchtiges Zuckerpüppchen und wird erst im zweiten Akt zur Heldin in barocker Manier. Ihr intriganter Verehrer Polinesso stemmt höchste Tenortöne und erinnert genauso wie ihr Geliebter Ariodante an alte Kastratenherrlichkeit: alles in schönstem Belcanto und gut für viele Bravi aus dem Ingolstädter Publikum. Mayr bedient mit größter Kunstfertigkeit weniger die dramatische Wahrscheinlichkeit als die äußerst virtuose, sich melodisch verströmende Konvention – ein guter Regisseur mit Sinn für Psychologie und Hintergründe könnte einen faszinierenden Opernabend daraus machen. Besonders wenn er so vorzügliche Sänger wie in Ingolstadt zur Verfügung hat: Myrtò Papatanasiu als Ginevra, Magdalena Hinterdobler als Dalinda, Anna Bonitatibus als Ariodante, Mario Zeffiri als Polinesso – vokale Pracht auch ohne Kostüme, fast drei Stunden voll von bebender Leidenschaft und Falschheit in höchsten Tönen.

Uwe Mitsching                         

 

18.06.2013 20:09 Uhr
Ein ungeliebter Jubilar?

Bergamo (DK) Manchmal werden Wünsche schneller wahr, als man es sich zu träumen erhofft hat. Aber aus ganz anderen Gründen als erwartet.

Simon Mayrs Oper „Ginevra di Scozia“, die am vergangenen Freitag in Ingolstadt so grandios konzertant erklang, ist ohne Zweifel eine wunderbare Oper – aber viel zu lang. Unverhofft kam es bei der zweiten Aufführung des Stücks durch das Münchner Rundfunkorchester anlässlich der Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Komponisten in Bergamo zu ziemlich energischen Kürzungen. Im zweiten Akt fielen Rezitative, Arien und Chor-Nummern dem Rotstift zum Opfer, sodass das Publikum fast eine halbe Stunde früher das Teatro Donizetti verlassen konnte.

Grund für die Straffungen waren allerdings nicht die übertriebenen Längen der Oper, sondern Terminnöte des Konzertmeisters, der rechtzeitig zurück in München sein wollte.

Wirklich gut getan haben die Kürzungen der „Ginevra“ nicht. Dazu waren sie zu willkürlich allein auf den Schlussteil der Oper konzentriert. Und es gingen auch grandiose Nummern verloren.

Dieses etwas lieblose Vorgehen passt gut ins Bild der Jubiläums-Festlichkeiten in Bergamo, der Wahlheimat Simon Mayrs. Der bayerische Komponist wurde am vergangenen Sonntag durch einen Gottesdienst in Mayrs Wirkstätte, der Kirche Santa Maria Maggiore, gewürdigt, bei dem auch die Bläsermesse noch einmal erklang, die in etwas anderer Besetzung bereits in der Kirche St. Josef in Ingolstadt zur Aufführung kam. Diesmal allerdings hatte Dirigent Pieralberto Cattaneo ein besser harmonierendes Ensemble zur Verfügung.

Etwas stiefmütterlich behandelt wurde das Konzert des Rundfunkorchesters. Eine Würdigung des Komponisten, Ansprachen, eine freundliche Begrüßung der Ingolstädter Mayr-Freunde, eine große Werbeaktion in der norditalienischen Stadt – all das gab es nicht. Dabei konnte das Gastspiel aus München durch das Engagement von Rainer Rupp, dem Präsidenten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft in Ingolstadt, besonders kostengünstig veranstaltet werden.

Die „Ginevra“-Vorstellung im Teatro Donizetti war allerdings nahezu ausverkauft. Und die Oper überzeugte auch die Bergamasker, die nach der Vorstellung begeistert lang anhaltenden Beifall und Bravorufe spendeten.

Erstaunlich engagiert zeigten sich die Mayr-Freunde der Region Ingolstadt, die mit zwei Bussen angereist waren. Beim Festgottesdienst legten Repräsentanten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, der Freundeskreis der Musik von Johann Simon Mayr, Altmannstein-Mendorf, sowie Politiker aus Ingolstadt und der Region Kränze am Grabmal des Komponisten nieder.

Organisiert hatte die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft die dreitägige Tour für rund hundert Mayr-Freunde. Ein erstaunliches Engagement – zumal keine Werke in Bergamo zu hören waren, die nicht zuvor auch in Ingolstadt in der vergangenen Woche aufgeführt worden waren.

In Bergamo wird der eher zurückhaltende Einsatz für die Musik Simon Mayrs hingegen gern mit den geringen finanziellen Mitteln der Kommune begründet. Insgesamt befindet sich das Musikleben Italiens schon seit Jahren in einer tiefen Krise, großzügige Zuschüsse gibt es fast nur noch für Renommier-Institutionen. Etliche Opernhäuser, Museen und Orchester dagegen mussten aufgeben und schließen. Freunde der Musik Mayrs bei der Fondazione Donizetti, wie etwa der Dirigent Pier Angelo Pelucchi, sind zwar davon überzeugt, dass Mayr eines Tages so bekannt sein wird wie sein Schüler Donizetti. Vorläufig allerdings müssten Projekte mit einem Minimum an Kosten auf die Beine gestellt werden, sagte er. Wie etwa Mayrs Farsa „Der Essighändler“, die in italienischer Sprache am 27. Juli auf Schloss Sandersdorf gespielt wird. „Die Musiker arbeiten für minimales Entgelt“, sagt Pelucchi. „Und ich dirigiere völlig kostenlos.“



Ein Mitschnitt der Aufführung von „Ginevra“ wird am Sonntag, 23. Juni, um 19.05 Uhr auf BR-Klassik gesendet.



Von Jesko Schulze-Reimpell

Ganz und gar ein Theatermensch

Bild: Ganz und gar ein Theatermensch. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.

Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.
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Ingolstadt: Ganz und gar ein Theatermensch
Zum 250. Geburtstag des Komponisten präsentierte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou eine konzertante Aufführung von Johann Simon Mayrs Rarität „Ginevra di Scozia“ in Ingolstadt - Foto: Löser
Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.


Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt: Ingolstadt feiert Simon Mayrs 250. Geburtstag mit der Aufführung des aufwühlenden Musikdramas "Ginevra di Scozia" - Lesen Sie mehr auf:
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Ganz und gar ein Theatermensch

Bild: Ganz und gar ein Theatermensch. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.

Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.
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Ingolstadt: Ganz und gar ein Theatermensch
Zum 250. Geburtstag des Komponisten präsentierte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou eine konzertante Aufführung von Johann Simon Mayrs Rarität „Ginevra di Scozia“ in Ingolstadt - Foto: Löser
Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.


Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt: Ingolstadt feiert Simon Mayrs 250. Geburtstag mit der Aufführung des aufwühlenden Musikdramas "Ginevra di Scozia" - Lesen Sie mehr auf:
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Ganz und gar ein Theatermensch

Bild: Ganz und gar ein Theatermensch. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.

Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.
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Zum 250. Geburtstag des Komponisten präsentierte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou eine konzertante Aufführung von Johann Simon Mayrs Rarität „Ginevra di Scozia“ in Ingolstadt - Foto: Löser
Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.


Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt: Ingolstadt feiert Simon Mayrs 250. Geburtstag mit der Aufführung des aufwühlenden Musikdramas "Ginevra di Scozia" - Lesen Sie mehr auf:
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Ganz und gar ein Theatermensch

Bild: Ganz und gar ein Theatermensch. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.

Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.
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Ingolstadt: Ganz und gar ein Theatermensch
Zum 250. Geburtstag des Komponisten präsentierte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou eine konzertante Aufführung von Johann Simon Mayrs Rarität „Ginevra di Scozia“ in Ingolstadt - Foto: Löser
Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.


Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt: Ingolstadt feiert Simon Mayrs 250. Geburtstag mit der Aufführung des aufwühlenden Musikdramas "Ginevra di Scozia" - Lesen Sie mehr auf:
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16.06.2013 20:10 Uhr
Ganz und gar ein Theatermensch

Ingolstadt (DK) Wie wird die Simon-Mayr-Renaissance besonders deutlich? Vielleicht allein schon durch die Tatsache, dass der 250. Geburtstag des in Mendorf geborenen Komponisten mit großem Aufwand in Ingolstadt und in seiner Wahlheimat Bergamo gefeiert wird. Dass der Ingolstädter Festsaal bei der Fest-Aufführung seiner Oper „Ginevra di Scozia“ nahezu ausverkauft war. Und dass nach der Premiere die (in dieser ungekürzten Form viel zu lange) Oper vom Publikum mit Bravorufen bejubelt wurde, genauso wie während der Aufführung zahlreiche Arien, Chorsätze und Ensemblenummern. Kein Zweifel: Die Produktion von „Ginevra“ durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou erwies sich als packendes Erlebnis.

Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.


Von Jesko Schulze-Reimpell

 

Jubiläumskonzert in Ingolstadt:

„Ginevra di Scozia“ von Simon Mayr (Aufführung: 14. 6. 2013)

 

Nicht nur Richard Wagner und Giuseppe Verdi werden in diesem Jahr gefeiert, auch Johann Simon Mayr (geb. 1763 in Mendorf in Bayern, gest. 1845 in Bergamo), dessen Geburtstag sich am 14. Juni zum 250. Mal jährte. Aus diesem Grund führten an diesem Tag die Internationale Simon Mayr-Gesellschaft und die Stadt Ingolstadt, wo er am Jesuitenseminar seine Ausbildung erhielt, in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk seine Oper „Ginevra di Scozia“ im Theater Ingolstadt konzertant auf.

 

Das Dramma eroico per musica in zwei Akten, dessen Libretto Gaetano Rossi verfasste, wurde im April 1801 in Triest uraufgeführt und bereits am 22. Oktober des gleichen Jahres in Wien gezeigt, wo es 1810 zu einer Wiederaufführung kam. Die letzte verbriefte Aufführung war 1831 in Palermo, danach geriet es genauso in Vergessenheit wie die meisten Werke von Simon Mayr, der in Italien unter dem Namen Giovanni Simone Mayr – nicht zuletzt als Lehrer von Gaetano Donizetti – berühmt wurde.

 

Erst in den letzten Jahren trat eine Renaissance seiner Opern ein, was vor allem ein Verdienst der rührigen Simon Mayr-Gesellschaft ist. So wurde in den vergangenen zwei Jahren von der Bayerischen Theaterakademie von seinen etwa siebzig Opern „Amore non soffre opposizioni“ und „Adelasia ed Aleramo“ aufgeführt und zuletzt „Medea in Corinto“ an der Bayerischen Staatsoper in München in einer allerdings heftig umstrittenen Neuenfels-Inszenierung gezeigt. Die Hamburger Kammeroper brachte heuer seine Komödie „Lauter Verrückte“ („Che originale“) zur Aufführung.

 

Grundlage der Handlung von „Ginevra di Scozia“ ist eine schottische Sage aus Orlando furioso von Ludovico Ariosto, das bereits einer stattlichen Reihe von Barockopern als Vorlage gedient hatte. Die Oper spielt in der Hauptstadt des Königreichs Schottland, das sich im Krieg gegen Irland befindet. Der italienische Ritter Ariodante soll die Schotten zum Sieg führen und dafür Ginevra, die Tochter des Königs, die Ariodante liebt, zur Frau bekommen. Eine Intrige von Polinesso, dem Oberkommandierenden des Heeres, die er mit dem Edelfräulein Dalinda einfädelt, lässt Ariodante glauben, dass Ginevra ihn betrügt. Er stürzt sich aus Verzweiflung in einen Fluss – und Ginevra soll auf dem Scheiterhaufen sterben. – Als Dalinda die Intrige reuevoll aufdeckt und Ariodante zwar verletzt, aber lebend wieder auftaucht, wendet sich das Schicksal. Als schwarzer Ritter verkleidet, besiegt Ariodante im Duell den Verräter Polinesso und wird vom Volk bejubelt. Klassisches Happyend: Ariodante und Ginevra sind vereint.

 

Für die hohe musikalische Qualität der konzertanten Aufführung sorgte neben dem internationalen Sängerensemble das hervorragend disponierte Münchner Rundfunkorchester, das von vielen Kennern der Musikszene seit der Leitung durch den leider früh verstorbenen Dirigenten Marcello Viotti (von 1998 bis 2004) in die vorderste Reihe der Klangkörper der bayerischen Hauptstadt gestellt wird. Unter der umsichtigen und sehr sängerfreundlichen Leitung des jungen griechischen Dirigenten George Petrou, der auch am Hammerklavier spielte, gelang es dem Orchester, die musikalisch exzellente Partitur des Komponisten von den dramatischen bis zu den zartesten Piano-Tönen in allen Nuancen wiederzugeben.

 

In der Titelrolle brillierte die griechische Sopranistin Myrtò Papatanasiu, die als Königstochter Glück und Leid ihrer Rolle stimmlich hervorragend auszudrücken verstand. Ihr ebenbürtig die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus, die als Ariodante mit großem Einsatz ihre Hosenrolle bewältigte und ihre Gefühle äußerst dramatisch ausdrückte. Bemerkenswert, dass beide Sängerinnen in der Pause ihre Kleidung wechselten. So zeigte sich Ginevra im ersten Teil in einem bunten Kleid, Ariodante in einem weißen Anzug und danach beide in dunklen Gewändern. Eine weitere Hosenrolle, Ariodantes Bruder Lurcanio, wurde von der Mezzosopranistin Stefanie Irányi gesungen.

 

Als König von Schottland sprang der Bariton Peter Schöne kurzfristig für den erkrankten Kay Stiefermann ein. Mit sonorer Stimme war er bereit, die Gesetze des Landes konsequent zu befolgen, die den Tod seiner Tochter vorschrieben. Die zwielichtige Figur des Oberkommandierenden Polinesso gestaltete der griechische Tenor Mario Zeffiri mit seiner kräftigen und dennoch lyrischen Stimme äußerst eindrucksvoll. Durch seine imposante Erscheinung wäre er auch für eine szenische Aufführung eine Idealbesetzung dieser Rolle. Das Edelfräulein Dalinda, das bei der Intrige gegen die Königstochter mitspielt, wurde von der Sopranistin Magdalena Hinterdobler mit breitgefächerter Stimme gesungen. In zwei kleineren Rollen ergänzten das ausgewogene Ensemble der kroatische Tenor Marko Cilic als Ariodantes Knappe Vafrino und der aus Berlin stammende Bariton Virgil Mischok als Vorsteher des Templerordens.

 

Häufig zum Einsatz kam der Männerchor des Heinrich-Schütz-Ensembles Vorbach, der mit außergewöhnlicher Stimmkraft aufwartete (Einstudierung von Martin Steidler, dem Gründer des Ensembles, das u.a. beim Chorwettbewerb in Spittal an der Drau ausgezeichnet wurde).

 

Das begeisterte Publikum im voll besetzten Festsaal des Theaters Ingolstadt sparte nicht mit Szenenbeifall – die Vorstellung dauerte fast vier Stunden – und applaudierte am Schluss allen Mitwirkenden minutenlang. Es ist den Verantwortlichen der Simon-Mayr-Gesellschaft, deren Präsident Rainer Rupp vor der Vorstellung eine längere Begrüßungsrede hielt, in der er unter anderen Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle in Vertretung des Schirmherrn Horst Seehofer willkommen hieß, für diese Ehrung des fast schon in Vergessenheit geratenen Komponisten Simon Mayr zu danken.

 

Udo Pacolt, Wien

 

 

 

 


INGOLSTADT: GINEVRA DI SCOZIA – zum 250. Geburtstag von Simon Mayr

INGOLSTADT: GINEVRA DI SCOZIA – Zum 250. Geburtstag von Simon Mayr am 14.06. 2013 (Werner Häußner)

 Auch wenn die letzten Reflexe einer überwundenen Musikgeschichtsschreibung immer noch in einigen Köpfen spuken: Es ist nicht so, dass Genies wie Verdi und Wagner vom Himmel fallen. Längst hat die seriöse wissenschaftliche Aufarbeitung den Geniekult des 19. und 20. Jahrhunderts überwunden, manchen „Kleinmeister“ rehabilitiert, vor allem deutlich gemacht, dass die unbezweifelbar großen, bestimmenden Fixsterne einer Epoche aus dem Vollen der Tradition und ihrer musikalischen Umgebung geschöpft haben.

So ist auch das Interesse an dem bayerisch-italienischen Komponisten, Pädagogen und Gelehrten Johann Simon Mayr in den letzten 20 Jahren nicht nur gewachsen, weil man in Ingolstadt und Bergamo einen peripheren Tonsetzer zum musikalischen Lokalgott hochstilisiert. Sondern weil sich – je mehr Quellen zur Verfügung stehen, desto klarer – abzeichnet, wie entscheidend Mayr die Musikwelt im Italien der Jahre 1800 bis 1825 geprägt hat, wie intensiv nicht nur sein Schüler Gaetano Donizetti auf seinen bahnbrechenden Entwicklungen aufgebaut hat. Und Verdi hat, wie wir von ihm selbst wissen, „seinen“ Mayr gut gekannt.

Das ist nun noch kein Grund, die Musik des Wahl-Italieners über den Rahmen wissenschaftlicher Studien oder Editionen hinaus in die lebendige musikalische Szene von heute einzubringen. So reizvoll ein klingendes Opernmuseum sein kann – auch das muss es hin und wieder geben –, sind derlei Wiederbelebungsversuche meist nur punktuell interessant. Der Zeitgenosse nimmt’s zur Kenntnis und wendet sich weiter.

Bei Giovanni Simone Mayr liegt der Fall anders. Das haben die Aufführungen der letzten Jahre erwiesen. Seiner „Medea in Corinto“ ging schon immer der Ruf voraus, ein zeitlos bewegendes Musikdrama zu sein. Aber es hat sich gezeigt, dass auch andere Werke Mayrs im Jetzt und Heute bestehen können. Zuletzt wurde das Anfang des Jahres mit einer Münchner Produktion von „Adelasia ed Aleramo“ bewiesen – eine Oper, deren Titel selbst Mayr-Kennern und Liebhabern nicht ohne weiteres geläufig war.

Zum 250. Geburtstag des Komponisten aus Mendorf haben die Stadt Ingolstadt – wo Mayr studiert hat –, die rührige Simon-Mayr-Gesellschaft und der Bayerische Rundfunk ein Projekt realisiert, das einen weiteren Schritt in der Mayr-Renaissance geht: In Ingolstadt wurde „Ginevra di Scozia“ konzertant aufgeführt – und das am Abend des Geburtstags. Gäste aus Bergamo, wo die Aufführung am 16. Juni wiederholt wird, und Musikfreunde aus aller Welt saßen im Publikum; die Präsenz zahlreicher Politiker aus der Region ließ den Stolz spüren, mit dem man in Mayrs Heimat seiner Person und seinem Wirken begegnet. Ein wissenschaftliches Symposion begleitete die Aufführung. Und eine örtliche Brauerei ließ es sich nicht nehmen, ein Zwickl-Bier als Simon Mayr gewidmete Jubiläums-Abfüllung zu kreieren, dessen Vorräte in der Pause bald ausverkauft waren.

Mayr als Erfüller einer Tradition, Mayr als Wegbereiter, aber auch Mayr als eigenständig originelle Persönlichkeit: Die Aufführung von „Ginevra di Scozia“ ließ den Jubilar in allen Facetten hörbar werden. Schon die Ouvertüre gab den Fingerzeig, woher Rossini seine aparte Bläserbehandlung gelernt hat, verwies im frisch erfundenen Allegro auf das Erbe Mozarts, ließ aber auch unverkennbar Mayrs Handschrift erkennen. Die Cavatina, mit der sich Ginevra vorstellt, ist Mozart, in romantischen Belcanto transferiert; diejenige ihres Gegenspielers Polinesso wird nicht nur von einem der berühmten Bläsersoli Mayrs – hier für Englischhorn – eingeleitet, sondern ist ein Beispiel für die glückliche Hand Mayrs bei der musikalischen Charakterisierung seiner Textvorlagen. Das Crescendo zum Entrée Ariodantes könnte glatt von Rossini sein – wenn der nicht erst zehn Jahre später die Bühne betreten hätte. Und die Nachtstimmung, die Mayr mit Hilfe einer betörenden Klarinette schildert, klingt so, als habe sie Weber zwanzig Jahre später in seine romantische Sphäre übertragen.

Vielleicht noch mehr als die vielen Verweise auf die Musik der Generation nach 1815 beeindrucken die beiden großen Finali, die Mayr für seine „Ginevra“ geschaffen hat. Eine Untersuchung dieser weiträumig angelegten szenisch-musikalischen Komplexe würde sicherlich den Wert, den man ihnen beim ersten Hören spontan zugesteht, vertiefend bestätigen. Mit dem sorgfältig atmosphärisch eingesetzten Männerchor und der Vielfalt der musikalischen Formen vom einfachen Secco-Rezitativ bis zum aus dem Moment entwickelten Arioso, vom Quintett bis zum – allerdings sehr traditionell gehaltenen – Schlussrondo hat Mayr alle Mittel seiner Zeit genutzt, um die Dramatik des Geschehens formal innovativ in Musik auszudrücken.

Das Münchner Rundfunkorchester macht diese erneuernde Kraft unter der Leitung von George Petrou hörbar. Petrou, der einige Erfahrung mit Mayrs Musik hat, bevorzugt gemäßigte Tempi, einen fein ausbalancierten Mischklang, ruhevolle Phrasierungen, aber auch dynamisch kraftvolle Akzente, rhythmische Prägnanz und, wo nötig, dramatische Zuspitzung. Für Solisten des Orchesters und für Konzertmeister Markus Wolf bieten sich dankbare Aufgaben: Mayr hat Flöte, Klarinette, Englischhorn, Horn, Violine und Cello bedacht. Manchmal lässt Petrou die Sänger allerdings über die Klippe der Präzision springen, etwa, wenn er dem Tenor Mario Zeffiri (Polinesso) zu wenig Zeit lässt, seine Verzierungen auszusingen. Und der großen Szene des Ariodante im zweiten Akt, die frappierend Rossinis „Tancredi“ (1813) vorwegnimmt, fehlt das locker-gelassen ausschwingende Metrum.

Mitnichten also ist „Ginevra di Scozia“ eine reine Sänger-Oper; dafür ist Mayrs Orchester viel zu sprechend, viel zu differenziert behandelt. Dennoch: Die Stimme spielt eine dominierende Rolle, der die Ingolstädter Aufführung durch eine prominente Besetzung Tribut zollt. Mit Anna Bonitatibus war die Rolle des Ariodante mit einer erfahrenen Belcanto-Gestalterin besetzt. Diesem Ritter, der einer üblen Täuschung zum Opfer fällt, gab sie eine fast gluckisch anmutende Würde, ein edles Feuer der Gefühle. Bonitatibus betont die introvertierten Seiten der Figur, die inneren Kämpfe und mühevoll der Außenwelt verborgenen Seelenqualen. Sie setzt vielfältig schattierte Piani, eine kostbar dunkle Mezzavoce, aber auch eine gespannt leuchtende Höhe ein, um den unglücklichen Geliebten Ginevras zu charakterisieren.

Anders dagegen Polinesso, Ariodantes Konkurrent und Gegenspieler: Er bringt in der schneidenden Tenorhöhe und dem Feuerwerk seiner Verzierungen zum Ausdruck, dass er ein gleißnerischer Anti-Held ist, der täuscht, enttäuscht und betrügt; ein maskierter Spieler, dem Mayr in einer Cavatina freilich auch ein menschliches Antlitz gibt und ihn damit aus dem Klischee des Bösen löst. Mario Zeffiri zeichnete sich mit einem manchmal etwas fest sitzenden Tenor als höhensicherer Gestalter aus, der seine Erfahrung mit solchen Partien in einer sorgfältigen Textausdeutung und in sicher beherrschten technischen Kniffen einbringt.

Die Titelpartie sang Myrtó Papatanasiu: Anfangs mit reichlich enger Höhe und gekappten Legato-Bögen, konnte sie sich im Lauf des Abends steigern und erfüllte vor allem die traurige, schmerzvolle Seite Ginevras mit weich geformten Piani und anmutigen, wenn auch etwas gedeckt gebildeten lyrischen Phrasen. Mit Magdalena Hinterdobler stand als Dalinda eine stimmkräftige Nachwuchs-Sängerin auf dem Podium, die als „seconda donna“ mit einem beweglichen, dramatisch zugespitzten Mezzo im Rennen um die Gunst des Publikums begeisterten Beifall gewann. Dennoch war zu bemerken, dass die Stütze nicht durchgehend gehalten, manche Töne eher mit Kraft als mit sicherer Basis heraustrompetet wurden: eine Sache der Erfahrung und Disziplin, denn das Material der Sängerin „stimmt“.

Stimmliches Überagieren war bei Stefanie Irányi als Lurcanio zu registrieren. Im redlichen Bemühen, der Partie des treuen Bruders von Ariodante emotionales Profil zu geben, gefährdet die junge Sängerin öfter ihren Stimmsitz zugunsten einer fast schon veristischen Art, mit Hilfe von Deklamation gesteigert expressiv zu wirken. Ein zuverlässiger Einspringer für den erkrankten Kay Stiefermann war der Bariton Peter Schöne als König mit einem deutlich vom Lied geprägten gestalterischen Ansatz.

Marko Cilic in der mit einer ausdrucksvollen Arie und einigen gefühlsstarken Rezitativen ausgestatteten Nebenrolle des Vafrino brachte die technischen Voraussetzungen für das Belcanto-Singen nicht mit. Sein Tenor ist nicht korrekt gestützt, die Töne werden flach oder sind unter Druck geformt, entspanntes Gestalten ist ihm nicht möglich. Auch der Männerchor des Heinrich-Schütz-Ensembles Vornbach war, wiewohl von Martin Steidler präzis einstudiert, mit seinem „weißen“ Klang nicht das Ideal eines italienischen Opernchors.

Das Fazit: Wieder einmal hat sich die Begegnung mit einer weitgehend vergessenen Oper Simon Mayrs gelohnt (die letzte Aufführung von „Ginevra di Scozia“ war meines Wissens 2001 in Trieste, wo das Werk 1801 uraufgeführt wurde). Es ist zu hoffen, dass nach dem gesteigerten Interesse aus Anlass des Jubiläums das Engagement für Mayr nicht abflaut: Der Komponist hätte es verdient, und die Gegenwart des Musiktheater wäre auf jeden Fall bereichert.

 Hinweis: Der Bayerische Rundfunk überträgt den Mitschnitt der Aufführung am 23. Juni um 19.05 Uhr in seinem Programm BR Klassik und stellt die Aufnahme als Podcast für eine Woche ins Netz (Info: www.br.de). Eine CD soll bei Oehms Classics erscheinen.

 

Source URL: http://www.der-neue-merker.eu/ingolstadt-ginevra-di-scozia-zum-250-geburtstag-von-simon-mayr


Neumarkter Nachrichten, 11.06. 2013

 

ANTIKE MORDGESCHICHTEN NEU GEDRUCKT

   Man traf sich in dem mit aufklärerischen Symbolen dekorierten „Illuminatenzimmer“ von Schloss Sandersdorf. Das liegt in einem schmalen Tal an der B 299 östlich Ingolstadt, gehört heute dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds und früher dem Geschlecht derer von Bassus. Wenn man dazu noch weiß, dass Mendorf gleich daneben liegt, ist das Thema klar: Johann Simon Mayr.

                             *

   Max Reger, Christoph Willibald Gluck – auch Mayr gehört nach ehemaligen Bezirksgrenzen zur Trias der großen Oberpfälzer Komponisten. Mehr als die beiden anderen waren er und sein Werk aber lange vergessen: obwohl die Opern des Donizetti-Lehrers zumal in Italien äußerst erfolgreich waren. Schon im Vorfeld seines 250. Geburtstags hat sich daran einiges geändert: Aufführungen in Braunschweig, an der Bayerischen Staatsoper, in Regensburg, St. Gallen oder Ingolstadt zeigen das steigende Interesse an der klassisch-romantischen Opernkunst des schon in seiner Jugend nach Italien geflüchteten Mayr. In Mendorf ist er zur Schule gegangen, bei den de Bassus genoss er die aufklärerische Illuminatenbildung und hat er musiziert, mit Thomas de Bassus ist er in die weite Welt gezogen: und die hieß für einen Komponisten damals Italien. Jetzt ist es der berühmte Mailänder Verlag Ricordi, der sukzessive Mayrs Opern in aufführungstauglichen Partiturausgaben und wissenschaftlichen Ergänzungsbänden herausbringt. Managing Director Reinhold Quandt von der Münchner Ricordi-Niederlassung überreichte jetzt auf Schloss Sandersdorf der Öffentlichkeit und der Baronin Margarete de Bassus das erste Exemplar von „Medea in Corinto“.

   Schloss Sandersdorf steht auf alten Limesmauern, ist gebaut aus heimischem Stein und Holz aus dem Köschinger Forst, das Rednerpult war an diesem Tag ein Stück Fichtenstamm von 1474. Und Harald Textor vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds erinnerte an dieser historischen Stätte an die Gründe für die Flucht von de Bassus und Mayr im Jahre 1787: Kurfürst Karl Theodor wollte „das Illuminatennest Sandersdorf ausräuchern“. Historische Hintergründe referierte auch Rainer Rupp von der „Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft“ Ingolstadt: zur antiken Geschichte von Medea und Jason, die Mayr in seiner berühmtesten Oper verarbeitet hat. Genauso wie man sich von der Aufführung der Bayerischen Staatsoper eine Signalwirkung versprochen hat, tut man es jetzt mit der Partitur, die möglichst praktikabel auch die drei Autografen mit einbezieht: Sie soll jetzt ihren Weg auf die Dirigentenpulte der Opernhäuser finden und aus dem Editionsprojekt ein einigermaßen lohnendes Verlegergeschäft machen. Paolo Rossini aus Mailand war angereist, um seine wissenschaftliche Herausgebertätigkeit jetzt gekrönt zu sehen, ein holländischer Kollege sitzt derweilen schon an der Partitur von „Lodoiska“, einem Lieblingsstück Napoleons. Drei Opern werden es in den nächsten drei Jahren sein, schon in diesem Herbst wird zum Todestag Mayrs die „Einsiedelnmesse“ in einer kritischen Ausgabe vorliegen. Es soll am Ende der ganze Mayr sein, den Ricordi herausgibt. Aber genauso wie bei der historisch-kritischen Richard-Strauss-Gesamtausgabe der Universität München rechnet man dafür mit rund 25 Jahren.

                                   Uwe Mitsching

(Jubiläumskonzert zum 250. Geburtstag Mayrs am 14. Juni im Theater Ingolstadt: „Ginevra di Scozia“ in einer konzertanten Aufführung mit dem Münchner Rundfunkorchester; Karten zu Euro 30 und 25 unter Tel. 0841/96 66 800)

Donaukurier, 08.03. 2013

 

Gesangsstunde mit der Reitgerte

 

Hamburg (DK) Es muss nicht immer Rossinis „Barbier von Sevilla“ sein oder eines der übrigen robusten Repertoire-Zugpferde, auf die sich die Staatstheater landauf, landab eingeschossen haben.

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Hamburg: Gesangsstunde mit der ReitgerteSimon Mayrs Farsa ins frühe 20. Jahrhundert verlegt: Szene aus „Lauter Verrückte“ in der Hamburger Kammeroper - Foto: Flügel

 

Vielleicht ist es kein Zufall, dass es die kleinen, privat finanzierten Häuser sind, die sich mit allem unternehmerischen Risiko an Raritäten der Opernliteratur wagen. Jetzt hat der Regisseur Philipp Kochheim eine rasante Spielart dieses Generationenkonflikts auf die Bühne der Hamburger Kammeroper gebracht. „Lauter Verrückte!“ heißt das Buffo-Kabinettstückchen von Johann Simon Mayr (1763–1845), im Original „Che Originali!“.

Ein Dutzend Aufführungsorte in Europa und Amerika verzeichnet das Programmheft seit der Uraufführung 1798, „Che Originali!“ war ein Renner. Doch dann folgte ein jahrhundertelanger Dornröschenschlaf.

In Hamburg war also eine veritable Ausgrabung zu erleben. Als musikalischer Archäologe zeichnet vor allem der Bariton Marius Adam verantwortlich: Über Jahre hinweg hat er in Archiven und Bibliotheken nach Bruchstücken gesucht, hat mit Verlagen und Sammlern korrespondiert, hat geprüft und Echtes von Unechtem getrennt. Diese Vorlage hat der Dirigent Fabian Dobler dann gestrafft und bearbeitet.

Die beiden sind denn auch Herz und Seele der Aufführung, Dobler als musikalischer Leiter und Adam als der unverstandene Autodidakt Don Febeo. Der hat sich in die Idee verguckt, im vorgerückten Alter noch eine Karriere als Opernsänger zu beginnen. Und auch seine Töchter sollen Sängerinnen werden. Aristea, die Ältere, singt widerwillig die vorgeschriebenen Koloraturen, wie sie ihr Don Febeo mit der Reitgerte andeutet. Schon das ist urkomisch, weil die Personenführung so präzise auf die Musik hin zugeschnitten ist.

Kochheim als sein eigener Bühnenbildner lässt keinen Zweifel an der Besessenheit seines Helden: Sämtliche Zimmer des Hauses sind mit Komponistenporträts und eingebauten Radios aus der Frühzeit des Mediums geschmückt. Dass aus den Geräten, kaum dreht man an einem der Knöpfe, Unverständliches und allemal Unmusikalisches dröhnt, ist einer von vielen Einfällen Kochheims, die dieser Produktion ihren unbändig sprühenden Witz verleiht. Nie lässt die Spannung nach, nie werden die slapstickartigen Situationen redundant. Kühn auch die Entscheidung, die Handlung in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verlegen. Während Mayrs Musik unbesehen als Mozart oder Rossini durchginge, haben Kochheim und Dobler zwei Gershwin-Nummern interpoliert: „I Got Rhythm“ und ein Zitat aus der „Rhapsody in Blue“ sorgen zusätzlich für Drive.

Der verdankt sich natürlich auch dem Ensemble. Mit viel Spielwitz ließen sich die sechs Sänger auf dieses frech-turbulente Verwirrspiel ein, auch das stimmliche Niveau war bei der Premiere durchwegs erfreulich. Die differenzierteste Figur hatte Marius Adam selbst zu verkörpern. Da schimmerte durch Witz und Tempo immer mal eine melancholische Note durch.

Einhelliger, verdienter Jubel.


Von Verena Fischer-Zernin


Der Neue Merker:

 

MÜNCHEN/ Prinzregententheater: ADELASIA ED ALERAMO von Simon Mayr

München, Prinzregententheater: „ADELASIA ED ALERAMO“ von Simon Mayr – Premiere 22.02.2013 (Werner Häußner)

 Das Völkchen, bei dem Adelasia und Aleramo Zuflucht gefunden haben, liebt die Sauberkeit. In gemeinschaftlicher Arbeit sind die Reste einer durchzechten Nacht schnell in blauen Müllsäcken verschwunden. Dann kann der Alltag beginnen: Adelasia, die Kaisertochter, unterrichtet die Kinder über „Libertá“, Aleramo, der nicht standesgemäße Ehemann – historisch war er wohl „nur“ Mundschenk von Kaiser Otto II. – verteilt im grauen Hausmeisterkittel erst mal italienisches Bier an die Männer. Ein Knall beendet die Idylle: Der Kaiser trifft ein, macht Station auf einem Feldzug, und trifft seine einst verstoßene Tochter wieder. Das Unglück kann beginnen …

Die Bayerische Theaterakademie August Everding hat mit der szenischen Wiederaufführung von „Adelasia ed Aleramo“ im Münchner Prinzregententheater das Jubeljahr zu Ehren Simon Mayrs eröffnet: Der 250. Geburtstag dieses bedeutenden bayerisch-italienischen Komponisten, der lange nur als Randfigur der Musikgeschichte, nämlich als Lehrer Gaetano Donizettis, wahrgenommen wurde, wird in Bayern und in Mayrs wichtigstem italienischen Wirkungsort Bergamo gebührend gefeiert.

Wesentlich vorgearbeitet für das Jubiläum, das ungünstig mitten in den jubilierenden Wagner- und Verdi-Taumel fällt, haben die Simon-Mayr-Gesellschaft Ingolstadt und die Simon-Mayr-Forschungsstelle an der Katholischen Universität Eichstätt, die sich seit Jahren mit Erfolg um eine Revitalisierung von Mayrs Werk bemühen. Auch dank des konsequenten Engagements des Autokonzerns Audi als Sponsor gab es in den letzten Jahren in Ingolstadt wichtige Wiederaufführungen, die heuer von der Oper „Ginevra di Scozia“ gekrönt werden. Auch „Adelasia ed Aleramo“ wird im März als Gastspiel in Ingolstadt gezeigt. Nur die Bayerische Staatsoper führt ausgerechnet im Mayr-Jahr in bezeichnender Instinktlosigkeit ihre Inszenierung von Mayrs berühmtestem Werk, „Medea in Corinto“, nicht im Spielplan.

Für „Adelasia ed Aleramo“ hat die Theaterakademie – die das Werk in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater und der „Hofkapelle München“ auf die Bühne bringt – den Regisseur Tilman Knabe verpflichtet. Knabe liefert der Opernszene gestylte Produkte: Wer ihn verpflichtet, weiß, was er einkauft. Seine Themen sind Politik und Macht, Blut und Brutalität, er garantiert dafür, jede Oper keinesfalls so zu beenden, wie es das Libretto vorsieht.

So wundert es nicht, dass Simon Mayrs erstaunliche musikalische Brückenschläge von Salieri und Haydn zu Rossini und Meyerbeer eine Szene überspannen, die in Palästina oder Syrien der Jetztzeit angesiedelt sein könnte: Eine verkommene, krude Beton-Konstruktion mit kitschig zierlichen Metallgittern dominiert die Bühne von Wilfried Buchholz; die Menschen, die sie bevölkern, tragen billige Alltagsklamotten, etwas zu teure Anzüge und coole Sonnenbrillen, superrealistischen Tarnfleck: Gisa Kuhn hat sich alle Mühe gegeben, die Schurken und Opfer des 21. Jahrhunderts treffend einzukleiden.

In dieser armseligen Welt pflegt Knabe seinen hyperrealistischen Blick auf die eiskalte Brutalität unseres Jahrhunderts. Ottone kommt aus der High Society der Schwellenländer: Auftritt mit Bodyguards und Aktenordner, politisch mit Machtinstinkt, privat ohne emotionale Selbstkontrolle. Seine Frau Teofania: ein Luxusgeschöpf, stets begleitet von Hostessen. Sie weiß, wann sie das unterwürfige Weibchen spielen muss, aber auch, wann ihre Stunde gekommen ist, die eigene strategische Überlegenheit auszunutzen. Die Entourage der Herrschenden besteht aus Kampf-Vieh in Flecktarn, das hingetrieben wird, wo man es braucht, und zwei Intriganten – der eine, Rambaldo, handelt aus den niederen Motiven Ehrgeiz und Machtlust, der andere, Roberto, aus solidarischer Bruderliebe. Adelasia und Aleramo sind zwei Menschen, die wohl einfach nur ihre Ruhe haben wollen, um als Familie ungestört zu leben.

Ein Wunsch, der unter den gegebenen politisch-privaten Verhältnissen unerfüllbar bleibt: Aleramo wird misshandelt und gefoltert; das dritte Studienjahr „Maske“ der Hochschule liefert mit seinem blutig geschundenen Gesicht ein Meisterstück. Adelasia wird zurückgezwungen in die noble Couture ihrer Herkunft, die desto eleganter wird, je weiter die psychischen Pressionen fortschreiten. Im Finale gibt keine Versöhnung. Die besungene Wendung ist bei Knabe die Machtübernahme der Teofania, die schon in einer peinlichen Kopulationsszene ihre Dominanz über den nur im Libretto edlen Roberto demonstriert hat. Ihrem Mann Ottone lässt sie ungerührt die Kehle durchschneiden.

Knabe kann faszinierende Blicke auf das erbarmungslose Gefüge der Macht werfen, wie er es in seiner sensationell gelungenen Mainzer „Elektra“ bis zum Exzess durchgezogen hat. Nur: Bei Richard Strauss‘ ebenso exzessiver Musik bürgt dieser Ansatz bis zum Ende für die Faszination des Grauens. Bei Simon Mayr funktioniert das nicht, weil die Musik sich zu distanziert verhält. Und weil Knabe den Personen ihre Mehrdimensionalität raubt. Wenn die humanen Anwandlungen des Ottone nur als Show für die Kameras inszeniert sind, verliert der innere Konflikt seine Brisanz: Die Spannung zwischen dem gekränkten Patriarchen, seinem brüskierten Allmachtsanspruch, dem Funken der Vaterliebe und den sich regenden Familieninstinkten weicht zugunsten eines platten Pseudo-Psychogramms eines Gewaltneurotikers.

Bei Knabe gibt es keine positiven Kräfte und damit keine innere Spannung in den Figuren: Er macht sie in verbissener Konsequenz zu einschichtigen Psychopathen der Macht. Und das führt im Publikum nicht zu Betroffenheit, sondern zu Gekicher, nicht zu Einsicht in psychische Zustände und Konflikte, sondern zur Rezeption der Geschichte auf der Ebene eines Brutalo-Movies der Klasse B. Filme wie Black Hawk Down oder Zero Dark Thirty holen den Schrecken einfach unmittelbarer ein als Knabes Bühnenblut mit Mayrs Filmmusik.

Wobei diese Musik eine adäquatere Inszenierung verdient hätte, die ihre Impulse nicht auf eine fixe Idee reduziert. Denn Mayr versteht es, die Vorgaben der Wiener Klassik und die spätbarocke vokale Lust seiner Wahlheimat zu versöhnen und über ihre Ansätze hinauszuführen. Mayr findet nicht nur charakteristische musikalische Figuren, er baut nicht nur formsprengende komplexe Strukturen auf. Er behandelt das Orchester auch ungewöhnlich neu: selbständige Bläser, charakteristische Farben, spannende Chromatik.

Andreas Spering legt allerdings weniger die Novität von Mayrs Musik frei, sondern eher ihre Wurzeln, denn die „Hofkapelle München“ spielt sie, als hätte sie gerade zu viel Händel geprobt. Auch der belcantistische Aspekt kommt zu kurz: Legato-Linien sind klanglich nicht sonderlich erfüllt, bauen keine innere Spannung auf. Was Spering hervorlockt, sind die liebevoll ausgeformten Details der Instrumentation, sorgfältige Artikulation und die reizvollen Farben alter Instrumente. Das ist nicht wenig, aber noch nicht genug. Die Studierenden der Hochschule bereichern das Orchester und ergänzen es nicht nur: eine gelungene Kooperation.

Auch bei den Sängern sind die Eindrücke günstig: Knabe fordert sie als Darsteller kompromisslos, und das tut allen gut. Dass ein Sopran wie Jaewon Yun als Adelasia darüber nicht vergisst, ihre wohllautende Stimme schön zu runden und stets abgesichert zu stützen, spricht für die Bühnenreife dieser Sängerin. Günstige Prognosen darf man auch der energischen, sicheren Teofania von Anna-Maria Thoma stellen, die als Dame wie als Tier gleichermaßen überzeugt. Frauke Burg hat als geschundener Aleramo die komplexeste Bühnenaufgabe übernommen: Sie muss sich von einem eigentlich unbeschwerten Menschen zu einem körperlichen und psychischen Wrack an der Grenze des Todes wandeln. Burg meistert diese Herausforderung stimmlich glänzend und darstellerisch glaubwürdig.

Marios Sarantidis trägt beim Finsterling Rambaldo nicht zu dick auf, was der durch und durch negativen Intrigantenfigur bekommt; Bonko Karadjov gibt als Roberto den wackeren Soldaten, der in seine neue Rolle an der Seite der kaiserlichen Domina eher hineinschlittert. Bei dem Ottone von Keith B. Stonum, Gast aus Frankfurt, müssen allerdings erhebliche Vorbehalte geltend gemacht werden: So grandios er als Darsteller agiert, so schwer tut er sich als Sänger: Das Zentrum seines Tenors ist klangvoll gebildet, aber die Höhe technisch nicht bewältigt und daher dünn, zittrig und gefährlich ungestützt. Überzeugend auch kleine Rollen wie der Osmano von Jan Nash und die drei Soldaten, die Ottone genüsslich hinrichten lässt.

 Werner Häußner



DonauKurier, 25.02. 2013

 

Liebe in Zeiten des Krieges

 

München (DK) Die Party ist vorbei, die Katastrophe kann beginnen. Überall liegen noch die halb ausgetrunkenen Flaschen herum, Betrunkene torkeln zwischen den Bierbänken, bunte Luftballons und Papiertischdecken müssen entfernt werden (Bühne: Wilfried Buchholz).

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: Liebe in Zeiten des Krieges
Kontrahenten: Ottone (Keith B. Stonum, rechts) will Aleramo (Frauke Burg), den Liebhaber seiner Tochter, am liebsten hinrichten lassen. Die Mayr-Oper wird im März auch in Ingolstadt gezeigt - Foto: Schaefer

 

Das sieht wunderbar harmlos aus, aber Unheil deutet sich schon an: Schwer bewaffnete Soldaten stehen im Hintergrund. Und tatsächlich: Es dauert nicht lange, da übertönt ohrenbetäubender Donner die heiter plätschernde Musik von Simon Mayr. Granaten schlagen ein, Verletzte schleppen sich auf die Bühne und der schnieke Diktator einer Bananenrepublik schreitet selbstherrlich ins halb zertrümmerte Schulgebäude. Regisseur Tilman Knabe hat für die Bayerische Theaterakademie Simon Mayrs 1806 komponierte Oper „Adelasia ed Aleramo“ in die Gegenwart eines kriegerischen Entwicklungslands verlegt – also an einen sozial rückständigen Ort, an dem antiquierte Vorstellungen von Vaterehre noch gelten. Denn darum geht es in der Oper: Der Herrscher Ottone hat seine Tochter Adelasia verstoßen, weil die sich auf den nicht standesgemäßen Jüngling Aleramo eingelassen hat. Die beiden Liebenden sind geflohen. Aber Vater Ottone begegnet in den Kriegswirren plötzlich wieder seiner Tochter. Alte Wunden brechen auf, der Liebhaber Aleramo wird inhaftiert, verhört, gefoltert. Am Ende sollte sich eigentlich alles genretypisch in Wohlgefallen auflösen – nicht allerdings bei Tilman Knabe. Denn der Krieg geht unerbittlich weiter: „Mors certa hora incerta“ steht an der Wand (Der Tod ist sicher, die Stunde ist unsicher).

Für den Regisseur ist die Atmosphäre untergründiger Bedrohung des Krieges konstitutiv. Er schildert, ganz ähnlich wie Hans Neuenfels in seiner Inszenierung der Mayr-Oper „Medea“ an der Bayerischen Staatsoper, eine Welt der Grausamkeiten, der Gewalt. Bei Knabe werden Menschen gedemütigt, niedergeschlagen, erstickt. Bei Erschießungen fließt das Blut wie im Hollywood-Film aus den Wunden über die Bühne.

Aber wie bei einem Film von Quentin Tarantino liegt über dem Entsetzen zynische Heiterkeit. Ottone, wunderbar lässig gespielt von Keith B. Stonum, tänzelt hämisch grinsend durch die Szenerie, als wenn es nichts im Leben für ihn gäbe, das er ernst nehmen müsste. Das passt zu Simon Mayrs meist heiteren Musik, die dem Entsetzen auch mit Humor zu begegnen scheint. So gelingt eine Gratwanderung zwischen Heiterkeit und Hölle, bei der man nicht weiß, ob man lachen oder sich vor Entsetzen abwenden soll.

Dazu klingt Mayrs Musik so grandios, wie vielleicht noch niemals zuvor. Die Hofkapelle München spielt die Oper im Originalklang auf geradezu märchenhaftem Niveau. Bereits in der Ouvertüre schmettert Dirigent Andreas Spering die Akkorde in den Saal des Prinzregententheaters, als wollte er dem Publikum den Krieg erklären. Dann wieder entwickelt er schmelzende Romantik, beschwingt tänzelnde Melodik und bombastische Crescendi. Das dramatische Geschehen könnte plastischer kaum untermalt werden. Mayr klingt auf einmal fast so emotional wie Mozart. Und man hört, wie unglaublich gut das alles komponiert ist. Was für Finessen Mayr in der Begleitung erfindet. Was für einen Drive er entwickelt, der Rossini bereits vorwegzunehmen scheint. Und was für ein genialer Melodienerfinder der Mendorfer Meister ist. Und es wird noch etwas deutlich: Mayr versucht eine Form der durchkomponierten Oper, wie sie damals noch völlig neu war. Nicht die einzelnen Nummern, die Arien, die Duette, die Seccorezitative wie sie bei Mozart noch üblich waren, interessieren ihn. Sondern der Sprechgesang zwischen den Formen. Hier spielen sich die wichtigsten Momente der Oper ab, und diese aufwühlenden Passagen sind die am besten komponierten.

Es ist nicht unbedingt leicht, mit einem jungen, studentischen Ensemble diese schwere Oper auf die Bühne zu bringen. Denn (ganz anders als bei den Oratorien) sind Mayrs Opern-Partien, die er meist für die großen Sängerstars seiner Zeit schrieb, extrem virtuos, voller Koloraturen, schwieriger Sprünge und Spitzentöne. Die jungen Sänger der Theaterakademie bewältigen diese Schwierigkeiten fast ausnahmslos meisterhaft. Unter den guten Sängern ragt Frauke Burg in der Hosenrolle des Aleramo mit ihrem knabenhaft klaren, ungeheuer kraftvollen Sopran heraus. Fast ebenbürtig singt Jaewon Yun die Adelasia, während Keith B. Stonum mit seinem leichten Rossini-Tenor nicht ganz mithalten kann, dafür aber schauspielerisch überzeugt. Sehr gute Leistungen sind auch von Anna-Maria Thoma (Teofania), Marios Sarantidis (Rambaldo), Bonko Karadjov (Roberto) und Jan Nash (Osmano) zu hören.

In dieser Produktion zeigt sich, wie unglaublich unterhaltsam Simon Mayr sein kann, wenn er gut inszeniert und musiziert wird. Ingolstadt kann sich im März auf ein Theater-Highlight freuen.

Vorstellungen in München: 26. Februar, 3., 6., 27. März, 19.30 Uhr. Vorstellungen im Stadttheater Ingolstadt: 22., 25., 27. März, 19.30 Uhr.


Von Jesko Schulze-Reimpell


"Pionier der Mayr-Forschung"

 

Ingolstadt (DK) Auszeichnungen sind ihm möglicherweise doch nicht so wichtig. Wenn man den Ingolstädter Münsterorganisten, Dirigenten und Kulturmanager Franz Hauk (57) danach fragt, was er mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, der ihm vergangene Woche in München übergeben wurde, machen wolle, dann antwortet er: „Jetzt muss ich die Auszeichnung erst mal wieder finden.“ Denn momentan ist sie zwischen Noten und Notizen, Aufsatzentwürfen und Buchkapiteln auf dem Fußboden seiner Wohnung vergraben. „Die Auszeichnung überrascht und freut mich“, sagt er. „Sie ist eine großartige Bestätigung meiner kulturellen Arbeit für Ingolstadt durch den Bundespräsidenten.“

 
Ingolstadt: "Pionier der Mayr-Forschung"
Verdienste für das Kulturleben Ingolstadts: Franz Hauk (rechts) erhält von Staatsminister Wolfgang Heubisch den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland - Foto: oh

Franz Hauk hat und hatte es nicht immer leicht mit seinen Ideen. Gerne hätte er auch 2013 ein großes Simon-Mayr-Festival in der gesamten Region organisiert, wie 2011, als er, zusammen mit Jürgen Bachmann von Audi, die 1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele auf die Beine stellte. Das Festival sorgte damals für eine breite Medienresonanz, viele neue Ideen wurden angestoßen. Freilich: Die Vorbereitungen für 2013 waren schon weit fortgeschritten, da wurde das Unternehmen im Herbst des vergangenen Jahres von der Initiative Regionalmanagement (IRMA) überraschend abgeblasen. „Schade für eine gute Sache und die viele Mühe“ findet Hauk das heute, ein wenig nachdenklich.

Anerkennung kommt nun von staatlicher Seite. In seiner Laudatio hebt denn der Bayerische Staatsminister Wolfgang Heubisch besonders die Verdienste um den vergessenen regionalen Komponisten hervor. Hauk sei „ein führender Initiator der Wiederentdeckung des Komponisten“, sagt er. „Sie konnten vergessene Werke und Notenmaterial dokumentieren, bearbeiten und schließlich vielfach zur glanzvollen Wiederaufführung bringen.“ Er habe „Pionierarbeit in der deutschen Simon-Mayr-Forschung“ geleistet. Aber Heubisch erwähnt noch andere Initiativen Franz Hauks. So habe er die Orgeltage Ingolstadt genauso begründet wie die Orgelmatinee um Zwölf und die Jugend-Orchesterakademie, die später in die von Audi und dem Bayerischen Rundfunk getragene BR-Orchesterakademie überging und heute in München in anderer Form weiter besteht.

In der Tat hat kaum ein anderer Kulturmanager in den vergangenen 20 Jahren so viel für das Musikleben der Stadt geleistet wie Hauk, auch die lange Jahre erfolgreichen Kulturnächte im Theater oder die Einrichtung der MittwochKlassik beruhen auf seiner Initiative. Daneben verweist Heubisch auf das „internationale Renommee“ des Münsterorganisten. „Der Erfolg basiert in der Regel auf vielen kleinen Schritten“, glaubt der Organist. „Vieles geht nur mit der Unterstützung von Freunden und engagierten Mitarbeitern.“

Über seine Arbeitsbelastung klagt Hauk nicht: „Ein Musiker hat entweder zu wenig oder zu viel zu tun – dann lieber das Zweite“, meint er. Derzeit schreibt der promovierte Musikwissenschaftler nebenbei ein umfangreiches Kapitel in einem Sammelband über die Orgelmusik des 20. Jahrhunderts, auch in einem neuen Brahms-Handbuch ist er als Autor vertreten. Für die Produktion der Simon-May-Oper „Adelasia ed Aleramo“ an der Bayerischen Theaterakademie hat er zusammen mit einem Wiener Kollegen die Partitur nach handschriftlichen Vorlagen am Computer eingerichtet. Und er träumt davon, noch mehr Zeit für die Chorarbeit und fürs ins-trumentale Üben zu finden.

Für die alte Friedhofskapelle am Westfriedhof hat Hauk eine historische Orgel aus einer Dorfkirche bei Petershausen ausfindig gemacht und für die Stadt angekauft, „für einen Euro“ fügt er an. Jetzt wird das wertvolle Instrument aus dem 18. Jahrhundert in einer Fachwerkstatt restauriert. Im Sommer soll es in neuem alten Glanz wieder erklingen.

Ein Lieblingskind ist ihm derzeit die geplante Chororgel im Ingolstädter Liebfrauenmünster. Für die zweite Orgel in der Kirche neben der berühmten Klais-Orgel hat sich Hauk intensiv um die Finanzierung bemüht. „Das Projekt läuft sehr gut, trotzdem: Noch fehlt Geld“, sagt er.


Von Jesko Schulze-Reimpell

DonauKurier, 23.01. 2013

 

Auslaufmodell Simon Mayr?

 

Ingolstadt (DK) Kaum eine Institution hat sich bei der Wiederentdeckung des lange vergessenen bayerischen Komponisten Simon Mayr so verdient gemacht wie die Firma Audi. Gerade im Jubiläumsjahr allerdings scheint beim Ingolstädter Konzern das Interesse an dem Komponisten, der vor 250 Jahren in Mendorf (Landkreis Eichstätt) zur Welt kam, beträchtlich zu schwinden.

 

Dabei hat Audi seit 2008 Wegweisendes geleistet für den vorromantischen Tonsetzer. Damals förderte der Automobilbauer mit einem großen Geldbetrag die erste Aufführung einer Oper von Mayr seit über 150 Jahren. Die Oper „Fedra“ ging im Frühjahr 2008 in Braunschweig über die Bühne und kam etwas später als Gastspiel zu den Audi-Sommerkonzerten nach Ingolstadt. Eine kleine Sensation damals. Denn die Opernproduktion war eine Art Initialzündung für weitere Inszenierungen von Mayr-Opern an weiteren großen Theatern: etwa in St. Gallen, München und Regensburg.

Auf den Geschmack gekommen, engagierte sich Audi in den folgenden Jahren noch stärker für den zu Unrecht vergessenen Komponisten. So konnten 2011 besonders durch die großzügige Förderung von Audi die Internationalen Simon-Mayr-Festspiele gegründet werden. 14 Konzerte wurden im Großraum Ingolstadt veranstaltet. Im Jahr darauf organisierte die Simon-Mayr-Kultur-GmbH noch einmal im Rahmen des Festivals Simon Mayr regional fünf Konzerte.

Der Veranstalter, die Simon-Mayr-Kultur-GmbH, wurde wesentlich finanziert von Audi, sagen Insider. Offiziell getragen wurde die GmbH allerdings von Irma, der Initiative Regionalmanagement Region Ingolstadt, an der wiederum Audi beteiligt ist.

Irma verfügt über beträchtliche finanzielle Mittel. Denn die beteiligten Landkreise und Städte (Ingolstadt, Pfaffenhofen, Neuburg-Schrobenhausen und Eichstätt) geben jedes Jahr für Irma pro Einwohner einen Betrag von 50 Cent. Unternehmen, die sich an Irma beteiligen, steuern pro Firmenmitarbeiter zehn Euro zum Jahres-Budget bei.

Bei Audi hatte besonders der damalige Personalvorstand Werner Widuckel ein starkes Interesse daran, dass die Wiederentdeckung des Komponisten Simon Mayr vorangetrieben wird. Der bedeutendste Komponist der Region sollte die verschiedenen Landkreise und Städte verbinden, am besten durch ein Festival, das an verschiedenen Orten Konzerte veranstaltet. Daher soll Audi angeblich über den Pflichtbetrag hinaus großzügig weitere Zuschüsse gegeben haben, ist aus gewöhnlich gut informierten Kreisen zu hören.

Seit Widuckel Audi 2010 als Personalvorstand verlassen hat, hat allerdings das Interesse an Mayr spürbar nachgelassen, wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise berichten. Als 2012 der damalige Kulturreferent der Firma, Jürgen Bachmann, ebenfalls den Autobauer verließ, war bald von einem besonderen Engagement für Mayr bei Audi kaum noch etwas zu bemerken. Sebastian Wieser, der neue Kulturreferent, hat bisher noch nicht gezeigt, dass er sich für die Wiederentdeckung des bayerischen Komponisten einsetzen werde. Allerdings betont er immer wieder die Bedeutung des bayerischen Komponisten: „Die Tatsache, dass sich Audi in den letzten Jahren stark für das Werk Simon Mayrs engagiert hat, zeigt, wie wichtig uns das regionale Kulturgut und dessen Förderung ist. Die große Unterstützung war durchaus als Anschubfinanzierung zu verstehen, die auch maßgeblich zur Etablierung der Marke Simon Mayr beigetragen hat“, sagt er.

Auch bei Irma sieht man jetzt keine Gründe mehr, sich für Mayr zu engagieren. Überhaupt soll Kultur nicht mehr im Mittelpunkt des Engagements stehen, erklärte der Pfaffenhofener Landrat und Irma-Vorsitzende Martin Wolf gegenüber unserer Zeitung. So wurde auch die Simon-Mayr-Kultur-GmbH abgewickelt.

Von Audi gab es auf Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme zum finanziellen Einsatz für den Mendorfer Komponisten.

Fans Simon Mayrs trifft diese Entwicklung hart. Gerade zum 250. Geburtstag des Komponisten wäre eine weitere Runde der Simon-Mayr-Festspiele wichtig gewesen. So wird der bedeutendste Komponist der Region gerade in diesem Jahr weniger gewürdigt als in den vergangenen Jahren.

Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, kann seine Enttäuschung nicht ganz verbergen. Irma-Mitarbeiter hatten noch vor Kurzem betont, Konzerte mit Werken Simon Mayrs mitzuveranstalten. Nun allerdings sei die finanzielle Unterstützung weitgehend ausgeblieben. „Ohne zusätzliche Geldmittel vermag die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft nicht, zusätzliche Konzerte in der Region zu organisieren“, erläutert Rupp.

Große, erfolgreiche Unternehmen haben seiner Ansicht nach einen Kulturauftrag zu erfüllen. Und der liege nicht nur darin, berühmte Künstler in die Region zu holen, sondern auch kleinere, aber künstlerisch wertvolle regionale Initiativen zu fördern. Wie eben die Wiederentdeckung des bedeutenden Komponisten Simon Mayr.

 


Von Jesko Schulze-Reimpell

DonauKurier, 19.01. 2013

 

Neue Sicht auf Simon Mayr


Bild: Neue Sicht auf Simon Mayr. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Dirigenten können sich manchmal das Leben bei einem Konzert selbst schwer machen – indem sie vermeiden, erstklassige Werke aufzuführen und indem sie auf berühmte Solisten genauso verzichten wie auf eine zentrale, mitreißende Komposition.

Ingolstadt (DK) Dirigenten können sich manchmal das Leben bei einem Konzert selbst schwer machen – indem sie vermeiden, erstklassige Werke aufzuführen und indem sie auf berühmte Solisten genauso verzichten wie auf eine zentrale, mitreißende Komposition.

 

Bild: Schaffer

 

 

 

 

 

So ungefähr ging der Chef des Georgischen Kammerorchesters, Lavard Skou Larsen, beim Eröffnungskonzert der Abonnementsaison vor. Und hatte dabei doch ein gut fassbares, sehr ehrenwertes Ziel vor Augen. Denn der Titel des Abends lautete „Aus der Heimat“. So erklangen diesmal im Ingolstädter Festsaal ausschließlich Werke von Komponisten der Region: von Franz Hummel, von Simon Mayr und dem Hauskomponist und Geiger des Orchesters Igor Loboda.

Natürlich ist es schwer unter diesen Bedingungen, das Publikum zu beeindrucken. Aber Skou Larsen leistete Erstaunliches. Das begann bereits mit der Sinfonia zu Simon Mayrs Oratorium „Sisara“. Kompositionen des Mendorfers werden in der Region ziemlich häufig aufgeführt. Aber derart wendig, lebendig, effektvoll konzipiert mit einem wirklich wilden Schlussteil hört man sie sehr selten. In Skou Larsens Interpretation deutete vieles bereits auf Beethovens Sinfonien hin, genauso wie auf die pfiffige Melodik der italienischen Frühromantik. So veredelt erschien Mayr geradezu in einem neuen Licht. Fünf Orchestervorspiele des Mendorfers, fast alles Frühwerke, die sich in ihrer klassizistischen Machart ähneln, sind dennoch für einen Konzertabend zu viel. Zumal die Orchestervorspiele ohnehin im Werk Mayrs nicht hervorstechen. Da wirkt der Mendorfer bald ermüdend.

Und man ist dankbar für ein bisschen Abwechslung – etwa durch das dem Freundeskreis des Orchesters gewidmete Konzert für Oboe und Fagott von Igor Loboda. Loboda vermag es (eigentlich ganz ähnlich wie Mayr) unterhaltsam zu schreiben. Man erlebt die Tonsprache der Moderne, aber Loboda schockiert das Publikum nicht, er will es gewinnen. Deshalb sind die drei Sätze seines Konzerts durchweg sehr melodisch. Ein wenig klingen sie wie ein jazziger Schostakowitsch. Der Ernst und das Raffinement dieses Klassikers waren jederzeit zu hören, aber Igor Loboda verstand es, interessante, ungewöhnliche Rhythmen einzubauen – besonders im zweiten Satz, einer Art Blues. Feurig und fesselnd geriet besonders der Schlusssatz, ein Tango mit integrierter Fuge und einem lyrischen Mittelteil.

Die beiden Solisten, der Oboist Andrey Godik und der Fagottist Teimuraz Bukhinikashvili, traten fast immer in geschlossener Formation dem Orchester gegenüber. Und die beiden wunderbaren Musiker musizierten, als wären sie miteinander verwachsen, als würde ein einziges großes, überaus flexibel gestaltendes Holzblasinstrument erklingen.

Zum Höhepunkt des Abends allerdings geriet ein anderes Werk, eine genialische Petitesse von Franz Hummel: die dem Orchester gewidmeten „Variationen für Streicher“. Über einem Ostinatobass lässt Hummel in rhythmisch aberwitzigen Wendungen die übrigen Streicher sich frei entfalten. Das klingt manchmal wie Caféhausmusik, dann fast tragisch, poetisch oder explosiv. Ein kurzweiliger musikalischer Spaß, von den Georgiern fetzig musiziert. Musik zur Unterhaltung wie fast alles an diesem Abend, hier allerdings auf höchstem Niveau.


Von Jesko Schulze-Reimpell

DonauKurier, 07.01. 2013

 

"Ein Mensch mit gewinnendem Wesen"


Bild:

Ingolstadt (dk) Rainer Rupp spricht über den wachsenden Erfolg des Komponisten Simon Mayr, der heuer vor 250 Jahren zur Welt kam.

 

Vielleicht der Durchbruch für Mayr: 2010 inszenierte Hans Neuenfels an der Bayerischen Staatsoper die Operntragödie „Medea in Corinto“ mit Ramón Vargas und Elena Tsallagova - Foto: Hösl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr Rupp, in diesem Jahr wird Simon Mayrs 250. Geburtstag gefeiert. Für den Präsidenten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft ein großes Datum. Ist das jetzt der persönliche Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
 
Rainer Rupp:Auf diesen Fixpunkt habe ich hingearbeitet. Jetzt habe ich ein wenig die Sorge, dass danach die Sympathiekurve für Mayr etwas abfällt – sowohl was das öffentliche Interesse betrifft als auch meine eigene Motivation.

 

Heuer werden aber noch zwei weitere wichtige Komponisten-Jubiläen gefeiert: Vor 200 Jahren kamen Giuseppe Verdi und Richard Wagner zur Welt. Befürchten Sie nicht, dass Mayr von diesen beiden Giganten hoffnungslos in den Schatten gestellt wird?

Rupp: Die Gefahr besteht. Wenn man die Spielpläne studiert, dann bemerkt man, dass Verdi und Wagner überall an erster Stelle stehen. Es wagnert und verdit. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich habe erwartet, dass das eine oder andere Opernhaus sich an Mayr erinnert, weil er ja zu Lebzeiten überall gespielt wurde. Am meisten wundert mich eigentlich, dass die Mailänder Scala nichts macht, denn dort war er Hauskomponist und sein Konterfei hängt im Museum. Es gibt übrigens durchaus einen Zusammenhang zwischen Verdi und Mayr. Die Freundschaft zwischen den beiden war trotz des Altersunterschieds von 50 Jahren so groß, dass Verdi sich immer wieder auf Mayr bezogen hat. Manches hat er übernommen und weitergeführt. Und er hat an Mayrs Grab die Totenrede gehalten. Eine interessante Nuance dieser Beziehung ist, dass man in Verdis persönlichem Nachlass die Oper „Fedra“ fand. Das zeigt, wie stark das Interesse Verdis an Mayr war.

 

Immer noch behaupten viele Musikfreunde, das Wichtigste an Mayr wäre, dass er Donizettis Lehrer war.

Rupp: Donizetti selber hat das anders gesehen. Von ihm stammt ja sinngemäß das Wort: „Wenn es mir vergönnt gewesen wäre, ein Werk wie seine „Medea“ zu komponieren, so wäre ich glücklich gewesen, danach zu sterben.“ Er hat ihn ja seinen Vater genannt. Natürlich muss man hier zugestehen, dass Donizetti von Gefühlen der Dankbarkeit geleitet wurde. Mayr hat ihn ja buchstäblich von einem Leben in tiefster Armut befreit. Donizettis Vater kam zu Mayr in die Musikschule und hatte seinen achtjährigen Sohn an der Hand, weil er gehört hatte, dass der Maestro für musikalische Knaben einen Chor eingerichtet hatte. Mayr hatte als Bedingung für die Aufnahme die Anforderungen gestellt, ein Schüler müsse musikalisch sein, gut singen können und bedürftig sein. Das ist übrigens ein aufklärerischer Zug in Mayrs Charakter, dieser soziale Gedanke. Er hat also Donizetti vorsingen lassen. Dabei stellte sich heraus, dass die Stimme nicht gut war. Also hätte er ihn nicht nehmen dürfen. Er hat aber gleichzeitig auch gemerkt, dass er ungeheuer musikalisch war und das absolute Gehör hatte. So hat er ihn aufgenommen und Donizetti war ihm immer dankbar dafür.

 

Was für einen Charakter hatte Mayr eigentlich?

Rupp: Er muss ein gewinnender Mensch gewesen sein, da er in Bergamo sehr, sehr viele Freunde hatte. Es ist überliefert, dass er ein sehr gastliches Haus hatte. Es gibt über ihn allerdings auch Schilderungen, dass er seine Umwelt in Italien auch sehr kritisch sah. Dass er kein Verständnis für den italienischen Drang nach dem Bombastischen hatte. So hat er etwa geäußert, dass die Italiener, wenn sie in die Kirche gehen, am liebsten eine Oper erleben wollen.

 

Dieser Erwartungshaltung ist er mit seiner Kirchenmusik aber entgegengekommen.

Rupp: Ja. Er konnte ja nicht anders. Es gab in Italien außerhalb von Kirche und Opernhaus so gut wie keine Konzerttradition. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass Mayr kaum Symphonien hinterlassen hat.

 

In welchem Sinne ist denn Mayrs Musik deutsch?

Rupp: Mayrs Werke wirken ganz anders als etwa die Stücke von Rossini. Sie sind schwerblütiger, nicht so leicht und elegant.

 

Mayr scheint so eine Art Missing Link zwischen Klassik und Romantik zu sein. Er wird auch als „Vater der italienischen Oper“ bezeichnet.

Rupp: Diesen Titel hat ihm Rossini verliehen. Ein Missing Link ist Mayr zweifellos. Wenn man Mayr hört, dann merkt man schon sehr stark, dass hier die Klassik nachhallt – im Gegensatz zu Rossini. Auch Glucks Einflüsse sind spürbar. Diese Stilistik hat er nach Italien gebracht, und er war ja sehr einflussreich, wurde viel gespielt. Andere Komponisten haben von ihm abgeschrieben, haben ihn imitiert. Gleichzeitig hat er die italienische Melodik aufgesaugt.

 

Was gefällt Ihnen besonders am Komponisten Mayr?

Rupp: Was ich mir gerne immer wieder anhöre, sind seine Arien mit Bläserbegleitung. Äußerst schön finde ich seine Terzette oder Quartette in seinen Opern. Etwa am Ende des ersten Aktes der „Fedra“ das Quartett der Protagonisten, wo man die Unsicherheit der Personen spürt, die sich nicht richtig einschätzen können.

 

In der Region Ingolstadt hält man sich 2013 mit Mayr eher zurück. Während zuletzt große Festivals veranstaltet wurden, ist diesmal nichts Ähnliches geplant. Fühlen Sie sich in der Region genügend unterstützt?

Rupp: Ich sage es mal so: Wenn ich außerhalb Ingolstadts auf meine Präsidentschaft bei der Mayr-Gesellschaft angesprochen werde, dann klingt immer mit: Sie haben es ja gut, mit Audi im Rücken haben Sie ja sicherlich Geld wie Heu. Dann muss ich immer erwidern: Audi ist weit davon entfernt, unser Hauptsponsor zu sein. Hauptsponsor für das Jubiläumskonzert ist die Raiffeisenbank Bayern Mitte mit einem sehr großen Betrag. Und Media-Saturn, das mit seinem Engagement die Wiederholung des Jubiläumskonzerts mit dem Münchner Rundfunkorchester in Bergamo ermöglicht. Dafür bin ich äußerst dankbar. 2011 hat ja eine von der Initiative Regionalmanagement (IRMA) eigens gegründete GmbH ein Mayr-Festival ausgerichtet. Als beschlossen wurde, sich daraus zurückzuziehen, wurde mir zugesichert, dass IRMA zumindest einzelne Konzertprojekte unterstützen würde. Davon habe ich bis jetzt allerdings nicht viel bemerken können. Da herrscht bis auf ein Konzert in Scheyern weitgehend Sendepause.

 

Es gibt zahlreiche Festkonzerte und andere Feierlichkeiten im Mayr-Jubiläumsjahr. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Rupp: Persönlich freut mich, dass das Georgische Kammerorchester Mayr entdeckt hat. Aber am meisten freue ich mich auf das Festkonzert am 14. Juni. Das Rundfunkorchester wird eine innereuropäische Brücke schlagen von Bayern nach Italien. Denn die Oper „Ginevra di Scozia“ wird nacheinander in Ingolstadt und Bergamo aufgeführt werden.



DonauKurier, 25.10. 2012

"Die Künstler lieben Mayrs Musik"

 

Förderer des Mayr-Festkonzerts: die Managerin des Münchner Rundfunkorchesters Veronika Weber, Volksbank-Vorstandsvorsitzender Richard L. Riedmaier und Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft (rechts) - Foto: Weinretter

 

Ingolstadt (DK) Rainer Rupp war sprachlos. In seinem Berufsleben als Schulleiter und Präsident des Bayerischen Philologenverbandes hat der Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft viele Erfahrungen mit Sponsoren gemacht. Aber dass ihm ein Unternehmen wesentlich mehr Geld für ein Projekt anbietet, als er erwartet und erbeten hat, das ist ihm bisher nur ein einziges Mal passiert: bei der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte.



Die tritt im kommenden Jahr als Hauptsponsor für das wichtigste Konzert anlässlich der Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Mendorfer Komponisten Simon Mayr (1763–1745) auf. Gefördert wird die konzertante Aufführung der Oper „Ginevra di Scozia“ im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt am 14. Juni 2013 durch das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou. „Wir fördern sehr viele kulturelle Aktivitäten“, erzählt Richard L. Riedmaier, Vorstandsvorsitzender der Bank. „Aber ein so großes Projekt wie die Mayr-Oper nehmen wir uns nur ganz selten vor, vielleicht alle zehn Jahre.“ Über die finanzielle Größenordnung seines Engagement möchte sich der Bank-Manager allerdings nicht äußern.

Für die Opernaufführung hat der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Schirmherrschaft übernommen. Riedmaier rechnet bei dem Konzert, das auf den Tag genau an Mayrs rundem Geburtstag stattfindet, mit zahlreichen Ehrengästen aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Das Festkonzert solle zum gesellschaftlichen Höhepunkt des Mayr-Jahres werden.

„Ginevra di Scozia“ ist zweifellos ein geeignetes Werk, Mayr zu würdigen. Die „Ginevra“ war Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgreich wie kaum eine andere Oper dieser Zeit. Nach der Uraufführung 1801 zur Eröffnung des Teatro Nuovo (dem heutigen Teatro lirico Giuseppe Verdi) in Triest, wurde das Werk in vielen wichtigen Metropolen Europas nachgespielt. In der Oper geht es um Liebe und Intrigen, die schließlich dazu führen, dass die schottische Prinzessin Ginevra zu Unrecht zum Tode verurteilt wird. Am Ende wird sie jedoch durch einen fremden schwarzen Ritter, hinter dessen Visier sich ihr Geliebter Ariodante verbirgt, gerettet.

Werke von Simon Mayr aufzuführen hat für das Münchner Rundfunkorchester fast schon Tradition. Denn bereits anlässlich des 200. Geburtstags des in Ingolstadt aufgewachsenen Komponisten gab das renommierte Orchester 1963 ein großes Festkonzert. Damals stand eine konzertante Aufführung von Mayrs „Medea“ auf dem Programm. 2010 hat das Münchner Orchester dann in Ingolstadt die Oper „La Lodoiska“ interpretiert. Die kurz darauf publizierte CD-Einspielung fand in der Kritik einhellig höchstes Lob (bei Oehms Classic).

Die „Ginevra“ wird wieder der Opernspezialist George Petrou dirigieren. Der Orchesterleiter will sich dabei um eine historisch informierte Aufführungsweise bemühen und die Oper vom Hammerklavier aus leiten, erläuterte gestern die Managerin des Rundfunkorchesters, Veronika Weber, in Ingolstadt. Insgesamt werden am 14. Juni rund 90 Musiker auf der Bühne des Festsaals stehen, darunter sieben Solisten und ein Männerchor. Von Simon Mayr ist Weber begeistert: „Es ist eine Freude für die Musiker, diese Musik zu spielen“, da sie so melodiös und handwerklich geschickt geschrieben sei, sagte sie. Für die Zukunft kann sich die Orchestermanagerin vorstellen, alle zwei bis drei Jahre ein Mayr-Werk zu produzieren.

 

Der Vorverkauf für die „Ginevra“ beginnt am 1. Dezember in den DK-Geschäftsstellen.

 


Von Jesko Schulze-Reimpell


stattzeitung, 24.10. 2012

"Noch ist Xaver Mayr bekannter als Simon Mayr" antwortete ein sichtlich gut gelaunter Rainer Rupp auf die Frage eines Journalisten nach dem Bekanntheitsgrad von Johann Simon Mayr  in der Region. Doch das könnte sich im nächsten Jahr ändern. Da feiert der in Mendorf (Gemeinde Altmannstein) geborene Komponist und Kapellmeister, der in Italien zu Ruhm gelangte, seinen 250. Geburtstag und die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft, deren Präsident Rupp ist, hat sich einiges vorgenommen. Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten soll ein Festkonzert am 14. Juni 2013, dem Geburtstag des Musikers,  im Festsaal des Stadttheater in Ingolstadt werden. Auf dem Programm steht eine konzertante Auführung der Oper "Ginevra di Scozia" mit dem Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von George Petrou.

An die 100 Sänger und Musiker werden dabei mitwirken und das geht richtig ins Geld. Doch daran fehlt es dem Veranstalter offensichtlich nicht - Dank der Volksbank Rauffeisenbank Bayern Mitte eG, die als Hauptsponsor fungiert. Im Flur des Hotels Rappensberger seien er und der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Raiffeisenbank Richard L. Riedmaier im Jahre 2009 erstmals ins Gespräch gekommen. Und das hatte erfreuliche Folgen. Es sei ihm in seinem Leben bisher nur einmal widerfahren, dass er eine viel größere Summe an Geld, als er erwartet habe, erhalten habe, freute sich ein glücklicher Präsident über seinen Hauptsponsor. Den genauen Betrag wollte Rupp aus verständlichen Gründen nicht nennen, doch nach der Sponsorenzusage Riedmaiers habe er mit der Planung für 2013 beginnen können. Und so war es verständlich, dass das Programm des Festkonzerts auf einer Pressekonferenz in den Räumen der Bank vorgestellt wurde.

Die konzertante Aufführung der Oper wird keine Eintagsfliege bleiben: Dank der Unterstützung der Genossenschaftsbank, die laut Riedmaier nicht zur "Finanzindustrie" zählt und deshalb von den Turbulenzen an den Finanzmärkten nicht betroffen sei, kann auch eine CD von dem Festkonzert produziert werden. Diese soll noch im gleichen Jahr auf den Markt kommen. Damit wird ein weiterer Beitrag dafür geleistet, dass die Mayr-Renaissance der letzten Jahre noch eine Steigerung erfährt. Der Unterstützung des Rundfunkorchesters können sich die Mayr-Freunde sicher sein. Veronika Weber vom Management des Orchesters: "Mayrs Musik ist gut zu spielen und sie liegt gut in den Kehlen." Binnen einer Woche wird der Klangkörper samt sieben Solisten und einem Männerchor dann das Werk vor der Aufführung einstudieren, bevor am 14. Juni unter der  Schirmherrschaft von Ministerpräsident Seehofer im Festsaal die ersten Töne erklingen.



Donaukurier, 17.10. 2012

Der doppelte Simon Mayr

Ingolstadt (DK) Der große Opernkomponist Simon Mayr (1763–1845) würde sich wahrscheinlich im Grab herumdrehen. Gleich zwei Initiativen schmücken ihre Konzertreihen und Festivals mit seinem Namen – und das nicht nur in Konkurrenz, sondern gelegentlich sogar in offener feindseliger Haltung zueinander. Dissonanzen in Mayrs Musik-Reich. Jetzt endlich sollen die unübersichtlichen Zustände bereinigt werden: Eine der beiden Vereine, die Simon-Mayr- Kultur-GmbH, wird es in der bisherigen Form bald nicht mehr geben.

Wenn es darum gegangen wäre, das Publikum mit Hilfe des Komponisten Mayr zu verwirren – es hätte den Beteiligten kaum besser gelingen können. Vor circa zwei Jahren beschloss die Initiative Regional Management Region Ingolstadt (Irma), ein eigenes Simon-Mayr-Festival zu etablieren. Eine problematische Idee. Denn eine Art Festival für Mayr existierte bereits seit etlichen Jahren in der Region: Die Simon-Mayr-Tage fanden jährlich statt. Als Veranstalter fungierte die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft. Bei der von Irma ins Leben gerufenen Konzertreihe ging es jedoch um weit mehr. Ähnlich wie der Opernreformer des 18. Jahrhunderts Christoph Willibald Gluck ein Aushängeschild der Region Nürnberg geworden ist, sollte mit Mayr das Ansehen Ingolstadts und seiner umliegenden Städte aufpoliert werden.

Initiatoren dieses Projekts waren Jürgen Bachmann, bis Mitte dieses Jahres Kulturreferent bei Audi, und der Münsterorganist Franz Hauk. Um das Festival zu organisieren, gründeten sie die Simon-Mayr-Kultur-GmbH, die zu 80 Prozent von Irma getragen wurde und zu 20 Prozent von der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft. Die Stadt Ingolstadt, die Mayr-Gesellschaft und Irma vereinbarten zunächst eine Aufgabenverteilung, die vorsah, dass Gesellschaft und Kultur-GmbH im jährlichen Wechsel Festivals ausrichten würden. Das klappte zunächst gut. Im Mai 2011 gingen die Simon-Mayr-Festspiele in die erste Runde und boten in Ingolstadt und den umliegenden Städten erstaunlich viele und hochkarätige Veranstaltungen.

Jedoch schon bald kam es zu Spannungen zwischen Gesellschaft und GmbH. Entgegen der ursprünglichen Absprache signalisierte Geschäftsführer Jürgen Bachmann von der Kultur-GmbH, dass er 2012 nicht aussetzen wolle, sondern erneut eine Festival-Runde plane, diesmal unter einem anderen Titel: „Simon Mayr Regional“. Das Kulturamt der Stadt Ingolstadt und auch die Mayr-Gesellschaft stimmten den Plänen zu. So kam es im Frühjahr dieses Jahres zu der bizarren Konstellation, dass zwei Festivals nahezu gleichzeitig stattfanden: Die Simon-Mayr-Gesellschaft präsentierte das Gastspiel aus Posen (Polen) der letzten Mayr-Oper „Demetrio“, die Kultur-GmbH verschiedene Konzerte, unter anderem eine Operngala.



Für das Publikum, aber auch für Sponsoren eine verwirrende Situation. Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, stöhnt noch heute über das Durcheinander zwischen den beiden Mayr-Initiativen. „Häufig habe ich Anrufe erhalten zu Konzerten der Kultur-GmbH, mit denen ich nichts zu tun hatte. Einmal wollte man mir sogar Geld überweisen für ein Kinderkonzert, das ich nicht gegeben hatte.“ Und Gabriel Engert, Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, konstatiert inzwischen: „Wir haben am Anfang geglaubt, das funktioniert. Das Nebeneinander der verschiedenen Festivals hat sich aber nicht bewährt.“

Als noch kontraproduktiver als dieses Wirrwarr für das Publikum erwies sich allerdings der unterschwellige Kleinkrieg zwischen den Mayr-Veranstaltern. Die Kultur-GmbH hielt ihre Pläne regelmäßig geheim vor dem Mitgesellschafter, der Simon-Mayr-Gesellschaft.

Eine besonders unglückliche Rolle spielte hier der Münsterorganist Franz Hauk. Engagiert war er bisher in beiden Vereinen: bei der Mayr-Gesellschaft als Geschäftsführer, der regelmäßig die Simon-Mayr-Tage künstlerisch gestaltete. Und als ehrenamtlicher Prokurist in der Kultur-GmbH, wo er zusammen mit Bachmann das Mayr-Festival organisierte. Ein Diener zweier Herren also.

Insider wissen seit Langem, dass die Arbeitsbeziehung zwischen Rupp und Hauk stark getrübt ist. Der Geschäftsführer Hauk vermeidet inzwischen jeden nicht zwingend nötigen Kontakt mit dem Präsidenten der Gesellschaft.

Im September vergangenen Jahres kam es zum Eklat. Als die Wiederwahl des Präsidenten anstand, versuchte Hauk als Strippenzieher im Hintergrund, eine erneute Wahl seines Chefs Rupp zu verhindern. Urplötzlich präsentierte er eine attraktive Gegenkandidatin, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Agnes Krumwiede. Zuvor überredete Hauk etliche seiner Freunde, in den Verein einzutreten, um auf diese Weise die Mehrheitsverhältnisse zu beeinflussen. Der Coup jedoch misslang, Rupp wurde erneut gewählt. Seitdem engagierte sich Hauk fast nur noch bei der Kultur-GmbH. Die ständigen Streitigkeiten, das unterkühlte Verhältnis zwischen den Festspiel-Leitern, der Mangel an Absprachen, wenn es um Sponsoren-Werbung und Beantragung von Fördergeldern beim Freistaat ging, verbesserten den Ruf der beiden Festspiele nicht gerade. Zudem liefen die beiden Festivalrunden der Kultur-GmbH längst nicht so erfolgreich, wie nach außen hin immer wieder vermittelt wurde. Viele Konzerte waren sehr schlecht besucht. Irma-Vorsitzender Martin Wolf und Rainer Rupp berichten von deutlich überzogenen Etats, sodass ein beträchtlicher Verlust nachträglich ausgeglichen werden musste. Franz Hauk war gegenüber unserer Zeitung zu einer Stellungnahme zu diesem Thema genauso wenig bereit wie der ehemalige GmbH-Geschäftsführer Jürgen Bachmann.



Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Irma nun die Simon-Mayr-Festspiele in der bisherigen Form nicht weiter unterstützen will. Maßgeblich ist allerdings vor allem, dass Audi-Kulturreferent Jürgen Bachmann Mitte des Jahres von seiner Position als Geschäftsführer der Kultur-GmbH zurückgetreten ist. Bachmann wechselte von Audi zu seinem neuen Arbeitgeber Wöhrl in Nürnberg.

Martin Wolf, Landrat in Pfaffenhofen und Vorsitzender von Irma seit Frühjahr dieses Jahres, führt jedoch hauptsächlich andere Argumente für seinen Rückzug an. So habe sich die programmatische Ausrichtung von Irma zuletzt grundlegend geändert. „Das Thema Kultur wurde in eine zweite Ebene verwiesen“, erklärte er. Im Mittelpunkt ständen jetzt Bildung und regionale Wirtschaft. Gemäß diesen neuen Richtlinien, sollen Satzung und Name der bisherigen Simon-Mayr-Kultur-GmbH verändert werden. In Zukunft wird sie als reine Veranstaltungs-GmbH agieren, das Thema Kultur hat dann keine hervorgehobene Bedeutung mehr.

Mit einem Mayr-Festival ist im kommenden Jubiläumsjahr (der Komponist wurde vor 250 Jahren geboren) also nicht zu rechnen? Im Gegenteil. Sowohl Rupp als auch Wolf betonen, dass sie sich wünschen, dass Mayrs Musik auch in Zukunft in der Region präsent bleibt. „Keiner will das Festival abschaffen“, sagt Wolf vehement. „Die Irma-GmbH könnte unterstützen oder sogar Konzerte veranstalten“, betont er. Allerdings will er sich finanziell nur noch in kleinem Maßstab einbringen. Wichtig für ihn ist, dass es einen neuen Träger für das künftige Festival gibt und der könne nur die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft sein. Rupp sieht sich in der Tat in der Verantwortung. Die Finanzierung des Festkonzerts zum Jubiläum, die konzertante Aufführung von Mayrs Oper „Ginevra di Scozia“ durch das Münchner Rundfunkorchester, ist bereits in trockenen Tüchern. Jetzt gehe es darum, Sponsoren für weitere Konzerte zu finden.

Einen künstlerischen Leiter für das Mayr-Festival sucht Rupp noch. Denn mit Franz Hauk können sich weder er noch Martin Wolf eine gedeihliche Zusammenarbeit vorstellen. Mit einem potenziellen Kandidaten ist Rupp bereits im Gespräch. Lavard Skou Larsen, dem Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters. Der Brasilianer hat den Mendorfer Komponisten ohnehin programmatisch ins Zentrum seiner nächsten Spielzeit gestellt. Für ihn ist es naheliegend, noch weitere Konzerte zu organisieren. Das Georgische Kammerorchester könnte dann zum regulären Festival-Klangkörper werden – zweifellos ein echter Gewinn für alle Beteiligten.


Von Jesko Schulze-Reimpell


Kompass führt zu J. S.Mayr

MUSIK Georgisches Kammerorchester Ingolstadt ehrt seinen Lokalmatadoren.

INGOLSTADT. Er könnte eine Art „Hauskomponist“ des Orchesters werden:
„Simon Mayr 250 e la bussola“ (Simon Mayr 250 und der Kompass) lautet daher das Motto des neuen Programms des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt für die Saison 2013. „Das
neue Abonnement ist dem Ingolstädter Lokalmatadoren gewidmet und italienisch betitelt, weil Johann Simon Mayr all seine Opern auf Italienisch schrieb“, erläuterte Chefdirigent Lavard Skou Larsen bei der Programmvorstellung. Der Kompass solle ein Sinnbild für die Richtung sein, das jedes Konzert vorgibt.
Neben Johann Simon Mayr stehen Werke anderer Geburtstagskinder wie Giuseppe Verdi oder Richard Wagner (jeweils 200. Geburtstag) auf dem Programm. Zudem bringt das Orchester außergewöhnliche Werke wie ein Konzert für Tuba oder Robert Schumanns Cellokonzert op. 129, allerdings gespielt auf einer Bratsche, auf die Bühne.
„Ich freue mich sehr, dass das Orchester Johann Simon Mayr in sein Programm aufnimmt. Das war schon lange meine Hoffnung“, sagte Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft. Er wolle freilich nicht, dass es nach dem Jubiläumsjahr 2013 wieder still um den
Komponisten wird.
Johann Simon Mayr wurde am 14. Juni 1763 in Altmannstein bei Ingolstadt geboren. Seine musikalische
Lehrzeit verbrachte er hauptsächlich in Venedig. Von 1802 an lebte er in Bergamo, wo er 1845 als Kapellmeister und Komponist starb und an der Seite seines Schülers Gaetano Donizetti beerdigt
ist.
Der brasilianische Geiger Lavard Skou Larsen ist seit einemJahr Chefdirigent des Exilorchesters. Das 1964 im georgischen Tbilisi gegründete Kammerorchester suchte 1990 nach dem politischen Umbruch in der damaligen Sowjetunion eine neue Heimat und fand die Bleibe in Ingolstadt. (dpa)

 

Mittelbayerische Zeitung, 22./23.09. 2012

Donaukurier, 31.07. 2012

 

Ein Bayer in der Schweiz

 

Arosa (DK) Bekommt der Komponist Simon Mayr (1763 bis 1840) ein eigenes Festival in der Schweiz? Ausgerechnet in der wunderschönen Touristenhochburg Arosa ist man vom „Vater der italienischen Oper“ begeistert und denkt zumindest darüber nach, von jetzt ab regelmäßig Werke von Mayr ins Programm zu nehmen.

 

Christian Buxhofer (50), Leiter des Kulturkreises Arosa und Chefredakteur Bündner Tageblatt, jedenfalls gerät sofort ins Schwärmen, wenn er von dem bayerischen Komponisten spricht.

Sein kleines Opernfestival „Arosa Musik Theater“ hat heuer Mayrs Farsa „Der Essighändler“ auf die dortige Waldbühne gebracht und erstaunlichen Zuschauerzuspruch gefunden. „Für uns ein Volltreffer“, sagt der Kulturpolitiker gegenüber unserer Zeitung.

Buxhofers Motive sind offensichtlich. Die kaum mehr als 2200 Einwohner zählende Gemeinde Arosa ist wirtschaftlich abhängig vom Tourismus. In den Wintermonaten kommen in das Skifahrer-Paradies bis zu 25 000 Gäste. Im Sommer hingegen sind die Hotels weitaus schwerer zu füllen, denn das Freizeitangebot in dem traumhaft schön gelegenen Ort ist unzureichend. So ist die Bevölkerungszahl von Arosa seit Jahren rückläufig.

Christian Buxhofers Kulturkreis sucht hier nach Abhilfe. Ein wichtiger Baustein zum Erfolg sind für ihn die zahlreichen Sommermusikkurse, die inzwischen angeboten werden. Außerdem engagiert sich Buxhofer mit selbst produzierten Opern. In den vergangenen Jahren kamen Werke wie Humperdincks „Hänsel und Gretel“, Donizettis „Don Pasquale“ und eine szenische Version der zwei weltlichen Bach-Kantaten auf die kleine, idyllisch gelegene Waldbühne. Aber mit keiner Oper ist man hier so gut gefahren wie mit Mayrs „Essighändler“.

Gute Musik kann nur zum Erfolg werden, wenn sie vorzügliche Interpreten findet. Aber umgekehrt ist es ein Zeichen von hoher Qualität, wenn es überhaupt möglich ist, ein selten gespieltes Werk so aufzuführen, dass es funktioniert, dass es das Publikum anrührt, es bewegt. Das ist mit Mayr-Opern mehrfach gelungen, etwa in St. Gallen und in der Staatsoper München mit „Medea“. Und nun auch in Arosa mit dem „Essighändler“.

Natürlich ist die einaktige Posse von Mayr kaum mit seinen gewaltigen Operntragödien zu vergleichen. Die Farsa ist ein Kammerspiel, kurz, mit nur einem Bühnenbild, einem sehr kleinen Orchester und nur wenigen Darstellern. Dennoch steckt in der kleinen Opera buffa große Kunst. Denn Simon Mayr gilt als der Meister dieser Gattung. Natürlich gibt es auch Farsas von Gaetano Donizetti oder Gioachino Rossini. Aber kein anderer Komponist ist mit dieser Kunstform so souverän umgegangen wie Mayr.

Bei der Farsa, mit ihren oft konventionellen Handlungen voller Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Liebeleien, kommt es vor allem auf eines an: Das Publikum muss sich amüsieren. Die Farsa zählt also genauso wie etwa die Operette eher zur leichten Muse.

In Arosa hat man das erkannt. Regisseur Michael Lochars Übersetzung aus dem Italienischen ist fast schon eine Bearbeitung. Der „Essighändler“ spielt nun in Zeiten der Finanzkrise, Kaufleute müssen Konkurs anmelden, weil den Banken das Geld ausgeht. Die Anspielungen sorgen für Lacher.

Und ein Bankrott macht am Ende alle glücklich. Es geht in der Geschichte nämlich um Vittore, den Sohn eines Essighändlers, der bei einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geht und sich dort in dessen Tochter Metilde verliebt. Der Kaufmann allerdings ist gerade dabei, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Mitgiftjäger Flaminio zu arrangieren – steht aber gleichzeitig dicht vor dem Konkurs. Am Ende löst der gutsituierte Vater von Vittore, der Essighändler, alle Wirrnis mit einem mit Diamanten gefüllten Trinkglas. In Zeiten der Krise zählen bekanntlich materielle Werte mehr als Optionen und Aktienderivate. So unspektakulär die Handlung ist, so witzig kann man sie auf die Bühne bringen. Regisseur Michael Lochar tut das einzig Richtige: Er möbelt die Mayr-Oper respektlos auf (wie man es übrigens im frühen 19. Jahrhundert auch getan hätte, als man etwa Nestroy-Possen mit aktuellen Anspielungen versah). So schreckt er nicht davor zurück, in die Geschichte Schlager wie „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Ein Freund, ein guter Freund“, einen Strauß-Walzer oder „Matilda, Matilda“ zu integrieren. Oder eine Arie aus Glucks „Orpheus und Eurydike“ zu entleihen („Ach, ich habe sie verloren“), die mit neuem Text über Zahlungsengpässe und Banken-Crashs unglaublich komisch wirkt.

Besetzt haben Michael Lochar und die musikalische Leiterin Zoi Tsokanou die Rollen durchweg mit jungen, spielfreudigen Darstellern, die alle sehr textverständlich singen, deren leichten Stimmen es aber noch an Substanz fehlt. So gelingen im kargen Bühnenbild von Sean McAlister fetzige Szenen. Eine gute Figur macht besonders Christian Büchel als Essighändler mit seinem warmen Bariton. Technisch hervorragend singt auch Katarzyna Rzymska die Metilde, allerdings fehlt es ihrer Stimme etwas an lyrischen Qualitäten. Von den beiden Tenören kann besonders Daniel Bentz (Vittore) überzeugen. Zoi Tsokanou dirigiert fesselnd, druckvoll, wendig, mit Sinn für Tempi und äußerst präzise das Festivalorchester Arosa – sicher auch ein Grund für den Erfolg der Produktion.

Genauso natürlich wie die Musik von Simon Mayr. Die Farsa klingt so glänzend instrumentiert, so temperamentvoll, tempoverliebt, witzig und rasant wie eine frühe Rossini-Oper – allerdings lange bevor der Italiener anfing zu komponieren. Denn der „Essighändler“ wurde 1800 uraufgeführt – man mag es kaum glauben.

Der Abend zeigt vor allem: Mayr konnte geniale, zukunftsweisende Musik schreiben, die sich vorzüglich auf die Bühne bringen lässt.

 


Von Jesko Schulze-Reimpell




Donau Kurier, 31.07. 2012

 

"Simon Mayr ist unser Komponist"

 

Sie leiten seit Jahren den Kulturkreis Arosa. Was ist Ihr Anliegen

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Christian Buxhofer: Ich bin 1983 hier nach Arosa als Lehrer gekommen. Das war in einer Zeit, als der Sommertourismus immer schlechter lief und der Wintertourismus immer besser. Damals haben viele gedacht, wir konzentrieren uns auf den Winter, und im Sommer machen wir einfach nichts. Aber das war kein gutes Konzept. Wir spürten, dass auf diese Weise der Ort einfach stirbt. Daher haben wir den Kulturkreis gegründet. In der Folgezeit probierten wir verschiedene Projekte aus. 1986 haben wir die Musik-Kurswochen Arosa gegründet, die inzwischen von über 1200 Teilnehmern besucht werden, die alle eine Woche in Arosa bleiben. Das hat nicht nur eine wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch eine kulturelle.

Wie kam es dann zu dem Festival?

Buxhofer: Die Kursteilnehmer kommen hierher, finden aber kaum ein kulturelles Angebot vor. So entstand die Idee, ein kleines Festival auf die Beine zu stellen. Das war dann das „Arosa Musik Theater“ mit Operninszenierungen.

Sie haben mit kleineren Produktionen begonnen, dann haben Sie auch große Opern ins Programm genommen, und inzwischen sind Sie bei Simon Mayr angelangt. Wie kam es dazu?

Buxhofer: Wir haben zunächst herumexperimentiert. Inzwischen haben wir gemerkt, dass wir hier in Arosa auf unserer kleinen Waldbühne mit Opern, die noch nicht so bekannt sind, am besten fahren. So müssen wir uns nicht so stark einem Vergleich aussetzen. Wir sind auch nicht in der Lage, ein wirklich groß besetztes Orchester zu präsentieren. Simon Mayr ist eigentlich für uns ein Glücksfall. Erstens ist er noch relativ unbekannt. Zweitens ist seine Musik sehr schön, aber auch leicht verständlich für Nichtmusikkenner.

Wer hat Sie denn darauf gebracht, Mayr-Opern aufzuführen?

Buxhofer: Michael Lochar, der ja beim Musikverlag Ricordi arbeitet, hat uns bei der Auswahl des neuen Stücks auf die Sprünge geholfen. Lochar ist inzwischen unser Hausregisseur. Als wir uns mit dem „Essighändler“ beschäftigten, ist uns schnell klar geworden, dass Mayr ein toller Komponist ist, den es wiederzuentdecken gilt. Am Ende haben wir uns innerhalb von Minuten für ihn entschieden.

Was planen Sie für die Zukunft?

Buxhofer: Mit der Mayr-Oper hatten wir hier ein Echo, das wir noch nie erreicht haben. Die Leute sind wirklich begeistert. Dem Publikum haben wir hier in den vergangenen Jahren Donizetti, Mozart und auch einmal zwei Bachkantaten geboten, aber Mayr war ein Volltreffer, was die Publikumsreaktion betrifft. Jetzt haben wir endlich etwas gefunden, worauf wir aufbauen können. Mayr ist unser Komponist. Seine Werke werden mit Sicherheit in den nächsten Jahren einen Schwerpunkt bilden. Wir werden das Programm natürlich ein bisschen durchmischen, nicht nur Mayr-Opern aufführen, aber seine Musik wird den Schwerpunkt bilden.

 

Die Fragen stellte Jesko Schulze-Reimpell.

"Ein Glücksfall"

 

Ingolstadt (jsr) Die Internationale Simon-Mayr-Gesellschaft, die Stadt Ingolstadt, der Musikverlag Ricordi und die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt wollen künftig enger zusammenarbeiten. Um die Kooperation genauer zu regeln, wurde gestern im Barocksaal des Stadtmuseums Ingolstadt ein Vertrag unterzeichnet.

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Ingolstadt: "Ein Glücksfall"
Zentrale Figur der Kooperation: Reinhold Quandt, Managing Director von Ricordi, publiziert das Werk von Simon Mayr - Foto: Rössle

Für Rainer Rupp, Präsident der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, ist die Zusammenarbeit „ein Glücksfall“. Besonders zufrieden ist er über die Kooperation mit Ricordi. Denn der international agierende Musikverlag hat sich verpflichtet, nach und nach eine Gesamtausgabe der Werke Simon Mayrs (1763–1845) zu publizieren. In dem Vertrag, der einen älteren Kooperationsvertrag ersetzt, ist nun genauer geregelt, in welcher Weise die verschiedenen Institutionen zusammenwirken sollen.

Für den Ingolstädter Kulturreferenten Gabriel Engert ist das Erstellen von Notenmaterial überhaupt die Grundlage für den möglichen späteren Erfolg des Komponisten Mayr. Damit sei der Vertrag der „erste Schritt, um Mayr wieder in die Konzertsäle und überhaupt ins Bewusstsein der Musikwelt zu bringen“, sagte der Kulturreferent. Daran hätte man in den vergangenen Jahren mit großer Anstrengung gearbeitet.

Auch Reinhold Quandt, Managing Director des Ricordi-Verlages, äußerte sich positiv über die Kooperation. Bei der Ingolstädter Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft hätte er eine Keimzelle dessen entdeckt, was man mit Mayr in Zukunft machen könne.

Der Kooperationsvertrag schafft für alle beteiligten Partner eine Win-win-Situation. Ricordi kann von der Forschungsstelle der Eichstätter Universität profitieren und erhält Dokumente aus dem Archiv der Mayr-Gesellschaft. Die Ingolstädter wiederum haben Einfluss auf die Reihenfolge der Veröffentlichung der Notenpublikationen. Ingolstädter Musiker haben zudem den Vorteil, das Notenmaterial von Ricordi kostenlos nutzen zu können. Zudem hat die Mayr-Gesellschaft nun Zugriff auf das riesige Archiv des Musikverlags. Ricordi wird zudem kostenlos Kurse zur Notenedition an der Uni Eichstätt anbieten.

Der Ricordi-Verlag, der auch die Werke von Rossini, Puccini, Verdi und Donizetti publiziert, war übrigens bereits im 18. Jahrhundert Mayrs Verleger.

 

Donaukurier vom 11.07. 2012



Ein Bayer in der Schweiz

 

Arosa (DK) Bekommt der Komponist Simon Mayr (1763 bis 1840) ein eigenes Festival in der Schweiz? Ausgerechnet in der wunderschönen Touristenhochburg Arosa ist man vom „Vater der italienischen Oper“ begeistert und denkt zumindest darüber nach, von jetzt ab regelmäßig Werke von Mayr ins Programm zu nehmen.

 

Christian Buxhofer (50), Leiter des Kulturkreises Arosa und Chefredakteur des „Bündner Tageblatt“, jedenfalls gerät sofort ins Schwärmen, wenn er von dem bayerischen Komponisten spricht.

Sein kleines Opernfestival „Arosa Musik Theater“ hat heuer Mayrs Farsa „Der Essighändler“ auf die dortige Waldbühne gebracht und erstaunlichen Zuschauerzuspruch gefunden. „Für uns ein Volltreffer“, sagt der Kulturpolitiker gegenüber unserer Zeitung.

Buxhofers Motive sind offensichtlich. Die kaum mehr als 2200 Einwohner zählende Gemeinde Arosa ist wirtschaftlich abhängig vom Tourismus. In den Wintermonaten kommen in das Skifahrer-Paradies bis zu 25 000 Gäste. Im Sommer hingegen sind die Hotels weitaus schwerer zu füllen, denn das Freizeitangebot in dem traumhaft schön gelegenen Ort ist unzureichend. So ist die Bevölkerungszahl von Arosa seit Jahren rückläufig.

Christian Buxhofers Kulturkreis sucht hier nach Abhilfe. Ein wichtiger Baustein zum Erfolg sind für ihn die zahlreichen Sommermusikkurse, die inzwischen angeboten werden. Außerdem engagiert sich Buxhofer mit selbst produzierten Opern. In den vergangenen Jahren kamen Werke wie Humperdincks „Hänsel und Gretel“, Donizettis „Don Pasquale“ und eine szenische Version der zwei weltlichen Bach-Kantaten auf die kleine, idyllisch gelegene Waldbühne.

Aber mit keiner Oper ist man hier so gut gefahren wie mit Mayrs „Essighändler“.

Gute Musik kann nur zum Erfolg werden, wenn sie vorzügliche Interpreten findet. Aber umgekehrt ist es ein Zeichen von hoher Qualität, wenn es überhaupt möglich ist, ein selten gespieltes Werk so aufzuführen, dass es funktioniert, dass es das Publikum anrührt, es bewegt. Das ist mit Mayr-Opern mehrfach gelungen, etwa in St. Gallen und in der Staatsoper München mit „Medea“. Und nun auch in Arosa mit dem „Essighändler“.

Natürlich ist die einaktige Posse von Mayr kaum mit seinen gewaltigen Operntragödien zu vergleichen. Die Farsa ist ein Kammerspiel, kurz, mit nur einem Bühnenbild, einem sehr kleinen Orchester und nur wenigen Darstellern. Dennoch steckt in der kleinen Opera buffa große Kunst. Denn Simon Mayr gilt als der Meister dieser Gattung. Natürlich gibt es auch Farsas von Gaetano Donizetti oder Gioachino Rossini. Aber kein anderer Komponist ist mit dieser Kunstform so souverän umgegangen wie Mayr.

Bei der Farsa, mit ihren oft konventionellen Handlungen voller Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Liebeleien, kommt es vor allem auf eines an: Das Publikum muss sich amüsieren. Die Farsa zählt also genauso wie etwa die Operette eher zur leichten Muse.

In Arosa hat man das erkannt. Regisseur Michael Lochars Übersetzung aus dem Italienischen ist fast schon eine Bearbeitung. Der „Essighändler“ spielt nun in Zeiten der Finanzkrise, Kaufleute müssen Konkurs anmelden, weil den Banken das Geld ausgeht. Die Anspielungen sorgen für Lacher.

Und ein Bankrott macht am Ende alle glücklich. Es geht in der Geschichte nämlich um Vittore, den Sohn eines Essighändlers, der bei einem befreundeten Kaufmann in die Lehre geht und sich dort in dessen Tochter Metilde verliebt. Der Kaufmann allerdings ist gerade dabei, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Mitgiftjäger Flaminio zu arrangieren – steht aber gleichzeitig dicht vor dem Konkurs. Am Ende löst der gutsituierte Vater von Vittore, der Essighändler, alle Wirrnis mit einem mit Diamanten gefüllten Trinkglas. In Zeiten der Krise zählen bekanntlich materielle Werte mehr als Optionen und Aktienderivate. So unspektakulär die Handlung ist, so witzig kann man sie auf die Bühne bringen. Regisseur Michael Lochar tut das einzig Richtige: Er möbelt die Mayr-Oper respektlos auf (wie man es übrigens im frühen 19. Jahrhundert auch getan hätte, als man etwa Nestroy-Possen mit aktuellen Anspielungen versah). So schreckt er nicht davor zurück, in die Geschichte Schlager wie „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Ein Freund, ein guter Freund“, einen Strauß-Walzer oder „Matilda, Matilda“ zu integrieren. Oder eine Arie aus Glucks „Orpheus und Eurydike“ zu entleihen („Ach, ich habe sie verloren“), die mit neuem Text über Zahlungsengpässe und Banken-Crashs unglaublich komisch wirkt.



Besetzt haben Michael Lochar und die musikalische Leiterin Zoi Tsokanou die Rollen durchweg mit jungen, spielfreudigen Darstellern, die alle sehr textverständlich singen, deren leichten Stimmen es aber noch an Substanz fehlt. So gelingen im kargen Bühnenbild von Sean McAlister fetzige Szenen. Eine gute Figur macht besonders Christian Büchel als Essighändler mit seinem warmen Bariton. Technisch hervorragend singt auch Katarzyna Rzymska die Metilde, allerdings fehlt es ihrer Stimme etwas an lyrischen Qualitäten. Von den beiden Tenören kann besonders Daniel Bentz (Vittore) überzeugen. Zoi Tsokanou dirigiert fesselnd, druckvoll, wendig, mit Sinn für Tempi und äußerst präzise das Festivalorchester Arosa – sicher auch ein Grund für den Erfolg der Produktion.

Genauso natürlich wie die Musik von Simon Mayr. Die Farsa klingt so glänzend instrumentiert, so temperamentvoll, tempoverliebt, witzig und rasant wie eine frühe Rossini-Oper – allerdings lange bevor der Italiener anfing zu komponieren. Denn der „Essighändler“ wurde 1800 uraufgeführt – man mag es kaum glauben.

Der Abend zeigt vor allem: Mayr konnte geniale, zukunftsweisende Musik schreiben, die sich vorzüglich auf die Bühne bringen lässt.

 


Von Jesko Schulze-Reimpell




Bild: von links: Ga­bri­el En­gert (Re­fe­rent für Kul­tur, Schu­le und Ju­gend bei der Stadt In­gol­stadt), Prof. Dr. Ri­chard Schenk (Prä­si­dent der KU Eich­stätt), Dr. Rein­hold Quandt (Ge­schäfts­füh­rer von Ri­cor­di) und Rai­ner Rupp.

 

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(slf) Lang­er­sehn­te Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Ri­cor­di und der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft

 

Lang war­te­te man auf die­sen Mo­ment. Simon Mayrs ehe­ma­li­ger Ver­lag Ri­cor­di aus Ita­li­en un­ter­zeich­ne­te heute, am 10. Juli 2012 einen Ver­trag mit der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft, der Stadt In­gol­stadt und der Ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt zur Ver­brei­tung alter Werke des Künst­lers. Ziel des Ver­tra­ges ist es, Mayr und seine Musik wie­der in die Köpfe der Men­schen zu rufen.



Der bei Alt­mann­stein ge­bo­re­ne Kom­po­nist gilt als „Vater der ita­lie­ni­schen Oper“ und ist einer der wich­tigs­ten Künst­ler des 18. Jahr­hun­derts.

Der un­ter­zeich­ne­te Ver­trag gilt unter an­de­rem auch der Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen den Städ­ten Ber­ga­mo und In­gol­stadt sowie der Fon­da­tio­ne Do­ni­zet­ti und der In­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft. Alle Be­tei­lig­ten sind nach „lan­gen und in­ten­si­ven Ver­hand­lun­gen sehr er­freut über die Ei­ni­gung und be­dan­ken sich für die fai­ren und ge­dul­di­gen Ver­hand­lun­gen“ so Rai­ner Rupp, Prä­si­dent der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft.

 

Zwischen den Welten

 

Ingolstadt (DK) Regie kann nerven. Natürlich sind Opern für die Theaterbühne gedacht, das Szenische gehört einfach dazu. Aber man kann an diesen Qualitäten auch zweifeln. So war es, als Simon Mayrs letzte Oper „Demetrio“ vor einem Jahr im Schweizer Moutier zum ersten Mal seit bald 200 Jahren wieder auf die Bühne gebracht wurde – auf unbeholfenem Schultheater-Niveau.



Und auch kürzlich in Posen schien (nach allem, was man hört) die Regie eher Schaden angerichtet zu haben.

Nun: In Ingolstadt musste man sich jetzt keine Gedanken über ratlos im Bühnenbild herumstehende Darsteller, hässliche Kostüme, sinnfreies Dekor und konfuse Regiekonzepte machen. „Demetrio“ wurde als Gastspiel aus Posen konzertant im Festsaals des Stadttheaters Ingolstadt aufgeführt – was für eine Erleichterung!

Und schnell erwies sich: Das Stück funktioniert auch in der reinen Hörfassung. Wieder zeigte sich, was für eine inspirierte, melodienselige Musik Simon Mayr schreiben konnte, der vielleicht nur deshalb der ganz große Erfolg versagt blieb, weil sie sich stilistisch in einer Art Niemandsland befindet. Fast bei keinem anderen Mayr-Stück wird so deutlich, dass Mayr ein Mann des Übergangs ist. Seine Oper klingt vorromantisch, erinnert mehr an Rossini, Bellini und Donizetti als an Mozart und Haydn, ist aber formal eine altmodische Opera seria, eine Nummern-Oper, in der Arien, Duette, Terzette und Rezitative wohlgeordnet aufeinanderfolgen. Und zur Begleitung muss oft noch das antiquierte Basso-Continuo-Cembalo herhalten. Die Geschichte, die Mayr erzählt (nach einem Libretto des längst verstorbenen genialen Metas-tasio), spielt in der Antike – das allein schon macht das Werk zu einer Art Dinosaurier im Umfeld der grandiosen „modernen“ Opern von Carl Maria von Weber oder Rossini.

Im „Dramma per musica“ geht es um den bei Adoptiveltern aufgewachsenen König Demetrio, in den sich Königin Cleonice verliebt. Sie kann ihn allerdings nicht heiraten, da er angeblich nicht adelig ist. Am Ende siegt die Liebe. Es stellt sich heraus, dass Demetrio ein Königssohn ist, dessen Vater von Cleonices Vater unrechtmäßig vom Thron gestoßen wurde. So treten wieder politisch legale Verhältnisse ein.

Mayr hat diesen Stoff bravourös umgesetzt, hochkreativ, handwerklich äußerst geschickt. Wieder überzeugt besonders der Einsatz von Soloinstrumenten, die in verschiedenen Arien den Gesang höchst raffiniert und polyfon umspielen. In ihrer kompositorischen Meisterschaft übertrifft das vieles, was sonst in dieser Zeit geschrieben wurde – auch von Rossini, Bellini und dem frühen Verdi. Allerdings vermag es Mayr oft nicht, mit der gleichen Suggestion zu komponieren wie diese berühmteren Vor- und Frühromantiker. Eine Wilhelm-Tell-Ouvertüre (Rossini) oder eine Casta-diva-Arie (Bellini) ist Mayr (vermutlich) nicht gelungen.

Die Verzweiflung unglücklicher Liebe vermochte Mayr dennoch bewegend darzustellen. Hier bedarf es natürlich auch gefühlstiefer, engagierter Sänger, um diese emotionale Achterbahnfahrt darzustellen.

Der Posener Produktion standen dazu zwei wunderbare Sängerinnen zur Verfügung. Besonders die Sopranistin Monika Mych, die die Cleonice verkörperte, konnte mit ihrer jugendlich beweglichen, gleichzeitig voluminösen und mühelos ansprechenden Stimme die Liebesnöte anschaulich machen. Fast noch eindrucksvoller agierte die Mezzosopranistin Amaya Dominguez (Demetrio). Ihre Stimme ist weniger schön, glatt und einschmeichelnd, dafür charaktervoller, anrührender. Auf einem weniger hohen Niveau sangen die Männer an diesem Abend. Der Bass von Jerzy Mechlinski (Fenicio) kam unkultiviert bellend daher, Bartlomiej Szczeszeks Tenor (Mitrane) dagegen klangschön, aber zu dünn. Und Piotr Friebe als der Demetrio-Gegenspieler Olinto hatte immer wieder Schwierigkeiten mit der Höhe.

Präzise und mitreißend spielte das Posener Staatsopern-Orchester unter der Leitung von Facundo Agudin. Allerdings wirkte das Dirigat des Argentiniers oft ein wenig hölzern, als wäre er hauptsächlich mit der philharmonischen Organisationsarbeit beschäftigt. Erst ganz am Ende bei der Zugabe drangen echte Leidenschaft und Feuer über die Bühnenrampe. Begeisterter Beifall des Publikums für das Meisterwerk von Mayr.


Von Jesko Schulze-Reimpell


Viel Beifall für Mayrs Oper Demetrio

veröffentlicht am 11.05. 2012

 

(stz) Mit der Oper „Demetrio“ kam jetzt im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt Simon Mayrs letztes großes Bühnenwerk zur Aufführung, so dass die Simon-Mayr-Tage 2012 den Bogen vom frühen und noch unbekannten Mayr zum europaweit gewürdigten Opernkomponisten des Jahres 1823 schlagen und so seine künstlerische Entwicklung widerspiegeln.

Teilnehmer der Mitgliederrundreise in den Schweizer Jura im Juni 2011 kennen das Werk bereits von einer musikalisch sehr schönen Aufführung beim Festival du Moutier, die ebenfalls unter der Leitung des argentinischen Dirigenten Facundo Agudin stand. Nun aber gab es am 10. März in Posen eine Neuinszenierung mit Kräften der dortigen Staatsoper, die nun als  Gastspiel im Festsaal zu hören war - leider nur konzertant, da das Große Haus nicht zur Verfügung stand. Die Staatsoper Posen gehört zu den renommiertesten Opernhäusern Polens. Für ihre glanzvollen Darbietungen an diesem Abend erhielten alle Akteure viel Beifall. Fotos: Kajt Kastl



Italienische Leichtigkeit

 

Ingolstadt (DK) Ein Jahr ist es her, dass ein bislang mehr oder weniger vergessenes Werk wieder eine Bühne betrat. Im Rahmen der Ingolstädter Orgeltage 2011 gelangte das Oratorium „Jacob a Labano fugiens“ zur Wiederaufführung, damals im Kongregationssaal Neuburg. 200 Jahre schlummerte es bis dorthin in unverdienter Vergessenheit, bis Franz Hauk und der Simon-Mayr-Chor & Ensemble das Oratorium auf die Bühne brachten.

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Das Eröffnungskonzert der Simon-Mayr-Tage 2012 brachte das Werk acht Monate später auch in Ingolstadt zu Gehör. Und auch hier war es Franz Hauk, der mit dem gleichen Chor, dem gleichen Orchester und zum Teil mit den gleichen Solisten das musikalisch opernhafte Frühwerk Johann Simon Mayrs in der Asamkirche Maria de Victoria aufführte.

Im Jahre 1763 wurde Johann Simon Mayr in Mendorf bei Altmannstein geboren. Ersten Kontakt mit Musik hatte Mayr über seinen Vater, der neben seiner Lehrertätigkeit auch Organist war. Der weitere Weg führte das musikalische Ausnahmetalent nach Ingolstadt, wo er zumindest Kontakte zu den Illuminaten um Adam Weishaupt pflegte, was schließlich zur Flucht nach Italien führte. Hier gelangte Mayr über Bergamo schließlich nach Venedig. Dort schrieb Johann Simon Mayr vier Oratorien für das „Ospedali dei Mendicanti“, einem Internat für Mädchen auch niedrigerer Herkunft, die nach Abschluss der Schule aufgrund der erstklassigen musikalischen Ausbildung auf gesellschaftlichen Aufstieg hoffen durften. „Jacob a Labano fugiens“ entstand als erstes der vier Mayr-Oratorien und markiert das erste erwähnenswerte Werk Mayrs. Diese Einschätzung stammt übrigens vom Komponisten selbst. Sie ist eine Annotation Mayrs im von eigener Hand erstellten Werkverzeichnis. Die Quellenlage zu Person und Werk von Johann Simon Mayr ist nicht unbedingt immer gesichert. So war die Wiederaufführung in Neuburg eine bemerkenswerte Leistung.

Würde sich die Interpretation festschreiben und in Ingolstadt bei annähernd gleichem Ensemble in dieser Form wiederholen? Oder findet auch hier eine Entwicklung statt? Eindeutig! Während die damals gelungene Neuburger Wiederaufführung noch einen respektvollen Abstand wahrte, der sich in einer vorsichtigen Formalität ausdrückte, blühte das Werk Johann Simon Mayrs richtiggehend auf. Jegliche Schwere war verschwunden, italienische Leichtigkeit hielt bei angezogenen Tempi Einzug. Die Rezitative des Werks sind in Secco-Rezitative und Accampagnato-Reziative unterteilt. Letztere erklangen mit einem mehr nach vorne gehenden Orchester wie frisch beatmet. Die Handlung ist, wie die aller Oratorien, geistlicher Natur. Bei „Jacob a Labano fugiens“ entstammt sie dem Alten Testament und hier der Genesis. Es ist eine archaische Geschichte von Vergehen, Flucht, Verfolgung, Konfrontation, Sühne und Vergebung. Mayr stattete die Hauptpersonen mit ihren sehr unterschiedlichen Charakteren folgerichtig mit unterschiedlichen Ausdrucksformen aus, die sich in formal unterschiedlichen Arientypen verdichten.

Obwohl Oratorien im Gegensatz zu Opern stets rein konzertant aufgeführt werden, gelang der hochkarätigen Solistenbesetzung auch ohne Spielszenen eine höchst überzeugende Umsetzung. Sumi Hwang (Lea), Siri Karoline Thornhill (Laban), Susanne Bernhard (Rachel), Julie Comparini (Jacob) und Katharina Ruckgaber als Hirte (der übrigens in der biblischen Vorlage nicht existiert) und der Simon-Mayr-Chor samt gleichnamigem Ensemble unter der Leitung von Franz Hauk liefen zur Höchstform auf und präsentierten das Oratorium auf höchstem künstlerischen Niveau.

Der Komponist Mayr befreite sich übrigens in seinem weiteren Schaffen von den „Einschränkungen“ der Gattung „Oratorium“ und avancierte zu einem europaweit gefeierten Opernkomponisten, der mit über sechzig Opern ein höchst umfangreiches Werk hinterließ. Die letzte Oper Johann Simon Mayrs, „Demetrio“, welche 1824 in Turin uraufgeführt wurde, wird am kommenden Donnerstag, 10. Mai, im Festsaal des Theaters Ingolstadt zu hören sein.


Von Christof Fiedler


Simon Mayr im Doppelpack

 

Ingolstadt (DK) Wenn er über den Mendorfer Komponisten Simon Mayr (1763–1845) redet, vertritt der Dirigent, Musikmanager und Organist Franz Hauk einen sehr selbstbewussten Standpunkt: „Salzburg hat Mozart, Halle hat Händel und Bonn hat Beethoven. In ähnlicher Weise wollen wir, dass unsere Region in Zukunft mit dem Komponisten Simon Mayr in Verbindung gebracht wird.

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Er war Anfang des 19. Jahrhunderts immerhin der beliebteste Opernkomponist in Italien. Und das will schon etwas heißen.“

Um dem Ziel der Mayr-Renaissance näherzukommen, werden Anfang Mai in Ingolstadt und der Region gleich zwei parallel laufende Festivals veranstaltet: Die Simon-Mayr-Tage, die es bereits seit 2003 gibt, und ein neuer Veranstaltungsreigen mit dem Titel Simon Mayr Regional. Beide Festivals haben ein ähnliches Profil, was sie unterscheidet, sind in erster Linie die Veranstaltungsorte: Die Simon-Mayr-Tage finden in Ingolstadt statt, das neue Festival in der gesamten Region mit einem umfassenden Programm. Dieses Festival wird von der Simon-Mayr-Kultur-GmbH getragen, die wiederum von IRMA (Initiative Regionalmanagment Region Ingolstadt) maßgeblich unterstützt wird. Die Organisatoren verantworten auch das Simon-Mayr-Festival, das im vergangenen Jahr in die erste Runde ging. Die Simon-Mayr-Tage hingegen werden von der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft veranstaltet.

Das musikbegeisterte Publikum muss sich über die Organisation letztlich wenig Gedanken machen: Wichtig ist vielmehr, dass in der Region einige spannende Konzerte zu erwarten sind.

Am Spektakulärsten ist sicherlich das Gastspiel der Staatsoper Posen mit „Demetrio“ im Rahmen der Simon-Mayr-Tage. Mayrs letzte Oper wurde 2011 bereits in Moutier in der Schweiz aufgeführt. In Posen erfolgte jetzt eine Neuinszenierung, die vor wenigen Tagen Premiere hatte, mit neuen Sängern und dem dortigen Orchester. In Ingolstadt wird „Demetrio“ jedoch lediglich in einer konzertanten Fassung im Ingolstädter Festsaal erklingen, Dirigent ist der Leiter der Oper Basel, Facundo Agudin. Im kommenden Jahr soll „Demetrio“ auch in Buenos Aires, im größten und wichtigsten Opernhaus Lateinamerikas, auf die Bühne gebracht werden.

Am 5. Mai steht bei den Simon-Mayr-Tagen noch ein weiteres größeres Werk auf dem Programm: das Oratorium „Jacob a Labano“, das erste bedeutende kirchenmusikalische Werk, das Mayr in Venedig komponierte. Das ausschließlich für Frauenstimmen geschriebene Oratorium wurde bereits im vergangenen Jahr mit großem Erfolg in Neuburg aufgeführt.

Das Festival Simon Mayr Regional eröffnet mit einer Operngala, Solistin ist die junge, preisgekrönte Sopranistin Sumi Hwang aus Südkorea. Sie wird Arien von Mayr in einen Kontext mit Kompositionen einiger Zeitgenossen stellen. So werden auch Werke von Mozart, Donizetti und Verdi erklingen. Begleiten wird die Sängerin die Gruppo Fiati Musica Aperta aus Bergamo.

Dieses Ensemble steht auch im zweiten Konzert des Festivals im Eichstätter Spiegelsaal im Mittelpunkt. Außerdem sind Konzerte in der Wallfahrtskirche Mariae Geburt in Maria Beinberg in der Nähe von Schrobenhausen und ein musikalischer Gottesdienst in Mendorf, dem Geburtsort Mayrs geplant sowie Kinderkonzerte.

Über das Doppelfestival darf sich das Publikum freuen: So viele Konzerte mit Kompositionen des bedeutenden bayerischen Komponisten Simon Mayr sind in der Region sonst eher selten zu hören.


Von Jesko Schulze-Reimpell


Der Schuss geht nach hinten los. Ein Wahlkrimi um den Präsidentenposten der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft

Ingolstadt (DK) Die Wiederwahl des Vorsitzenden eines eher mittelgroßen Vereins ist meistens so spannend wie das Fernsehtestbild.

Bei der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft kam es diesmal jedoch völlig anders. Rainer Rupp (72) wurde mit großer Mehrheit für die folgenden drei Jahre als Präsident wiedergewählt. Zuvor jedoch spielte sich ein kleiner Wahlkrimi ab, der zeigte, wie uneinig die Simon-Mayr-Freunde in Wirklichkeit sind.

Eigentlich gibt es für einen Verein nichts Erfreulicheres als ein starker Zuwachs an Mitgliedern. Wenn allerdings innerhalb weniger Wochen die Mitgliederzahl um über zehn Prozent ansteigt, schrillen bei manchen die Alarmglocken. Rainer Rupp spürte so schon Tage vor der Mitgliederversammlung zur Neuwahl des Geschäftsführenden Vorstands, dass hier Mehrheitsverhältnisse verschoben werden sollen. So begann auch Rupp, neue Mitglieder zu werben. Vor allem aber bat er Mitglieder, die ihn unterstützen wollen, zur Versammlung am vergangenen Donnerstagabend ins Kamerariat zu kommen. Der Verein wuchs so seit Juli um über 50 auf nun ca. 280 Mitglieder, noch am Tag der Versammlung traten 14 Leute ein. Die Versammlung am Donnerstag wurde dann von 120 Mitgliedern besucht.

Am Mittwoch kam heraus, was eine Gruppe innerhalb der Simon-Mayr-Gesellschaft im Schilde führte. Die Internetausgabe der „Stadtzeitung“ publizierte einen Artikel, in dem über Rainer Rupps Amtsmüdigkeit spekuliert wurde; für den Präsidentenposten würde die Bundesabgeordnete der Grünen, Agnes Krumwiede (34), zu Verfügung stehen. Mit dem Präsidenten selbst hatte die „Stadtzeitung“ zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht gesprochen.

Was immer mit dem Artikel intendiert wurde: Der Schuss ging nach hinten los. Rainer Rupp war empört über die Unterstellungen, und unter seinen Unterstützern brach ein Sturm der Entrüstung aus.

Den man durchaus noch bei der Mitgliederversammlung spüren konnte. Sobald Maximilian Helmschrott, der frühere Rektor der Münchner Musikhochschule, Agnes Krumwiede als Kandidatin vorgeschlagen hatte, schlug ihr entschiedener Widerstand entgegen. SPD-Stadtrat Manfred Schuhmann meinte, wenn es ihr wirklich um Simon Mayr ginge, dann hätte sie bereits vorher dem Vorstand ihre Unterstützung anbieten und auch rechtzeitig ihre Kandidatur verkünden können.

Verärgert schien auch Stadtrat Achim Werner (SPD) zu sein. Krumwiede, die vor etwa vier Wochen der Gesellschaft beigetreten war, hatte zuvor verkündet, sie wolle sich um eine stärkere Vernetzung des Vereins kümmern, da sie (gerade in Berlin) über viele Kontakte verfüge. Nach Ansicht von Werner sei aber diese Fähigkeit der Kommunikation gerade eine Stärke von Rainer Rupp. Ein Austausch des Präsidenten sei daher nicht sinnvoll.

Bei der Wahl zeigte sich dann, wie die Mehrheitsverhältnisse tatsächlich liegen: Rainer Rupp wurde mit 67 Stimmen wiedergewählt, Agnes Krumwiede erhielt 29. Bei der sich anschließenden Wahl der weiteren Mitglieder des Geschäftsführenden Vorstands fiel besonders das schlechte Ergebnis für den Geschäftsführer Franz Hauk auf. Er wurde mit 42 Stimmen gewählt, erhielt aber auch 21 Gegenstimmen.

Der Denkzettel überrascht nicht. Denn Hauk gilt als Drahtzieher von Krumwiedes Kandidatur – obwohl er selbst vergangene Woche noch bei einer Abstimmung des Geschäftsführenden Vorstands für Rupp gestimmt haben soll.

Von Jesko Schulze-Reimpell



Rupp wiedergewählt

stattZEITUNGplus vom Freitag, 23.09. 2011:

Eil­mel­dung: Rai­ner Rupp wurde als Prä­si­dent der In­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft mit ein­deu­ti­ger Mehr­heit in einer tur­bu­len­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung wie­der­ge­wählt.

 

Er bekam 69 Stim­men, seine Kon­kur­ren­tin Agnes Krum­wie­de hin­ge­gen nur 29. „Ins­ge­samt lief die Sit­zung re­la­tiv rei­bungs­los ab. Manch­mal war es nicht ganz ein­fach, z.B. als die Leute, die vor der of­fe­nen Tür stan­den, nicht ein­tre­ten woll­ten, ob­wohl es noch freie Plät­ze in den ers­ten Rei­hen gab“, be­rich­te­te Ga­bri­el En­gert, Kul­tur-, Schul- und Ju­gend­re­fe­rent der Stadt In­gol­stadt und Vi­ze­prä­si­dent der in­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft. Nach­dem die drau­ßen ste­hen­den fünf­mal auf­ge­for­dert wur­den ein­zu­tre­ten und dann immer noch nicht woll­ten, wurde recht­mä­ßig mit der Wahl be­gon­nen. Alle Mit­glie­der im Saal haben sich für eine of­fe­ne Wahl aus­ge­spro­chen. Die an­we­sen­den Ju­ris­ten haben die Wahl als kor­rekt be­stä­tigt und auch für En­gert ist es „eine klare Sache“, dass Rupp wei­ter­hin der Prä­si­dent der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft ist. Er selbst habe Rupp vor­ge­schla­gen und be­grü­ße es, dass er es wie­der ge­wor­den ist.

 

Ur­sprüng­lich sah es so aus, als ob am Don­ners­tag­abend bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung der In­ter­na­tio­na­len Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft eine "har­mo­ni­sche Stab­über­ga­be" statt­fin­den würde. Dann hat sich her­aus­ge­stellt, dass hier of­fen­sicht­lich zwei Grup­pen am Werke waren, so dass es mög­li­cher­wei­se zu einer Kampf­ab­stim­mung bei der Wahl des Prä­si­den­ten kam.

 

Dem Ver­neh­men nach soll die An­zahl der Mit­glie­der in den letz­ten Wo­chen/Tagen stark an­ge­stie­gen seien. Dies deu­tet dar­auf hin, dass beide Lager mobil mach­ten. An­schei­nend wur­den von bei­den Sei­ten neue Mit­glie­der an­ge­wor­ben, die den Amts­in­ha­ber be­stä­ti­gen be­zie­hungs­wei­se eine neue Prä­si­den­tin wäh­len soll­ten.

Am Don­ners­tag­nach­mit­tag be­rich­te­ten wir wie fogt:

Mitt­ler­wei­le konn­ten wir beide Kan­di­da­ten er­rei­chen. Un­wahr ist, dass Rai­ner Rupp nicht kan­di­diert! Wahr ist, dass die­ses Ge­rücht be­stand. „Die­ses Ge­rücht wurde ge­zielt ver­brei­tet und ist ein Zweck­ge­rücht“, är­ger­te sich Rupp. Des wei­te­ren fin­det er es eine Frech­heit zu be­haup­ten, dass er aus Al­ters­grün­den nicht mehr an­tre­ten könne. Trotz sei­nes Al­ters, fühlt sich Rupp noch in der Lage das Amt aus­zu­füh­ren, da er „re­la­tiv fit“ sei und seine Zeit sinn­voll nut­zen möch­te. „Zudem hat die ge­sam­te Vor­stand­schaft am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag für meine Kan­di­da­tur ge­stimmt“, be­ton­te Rupp. Auch viele Mit­glie­der der Ge­sell­schaft ste­hen hin­ter ihm und haben ihn ge­be­ten, jetzt noch nicht auf­zu­hö­ren. Hin­ter­grund sind die Fei­er­lich­kei­ten der Si­mon-Mayr-Ge­sell­schaft im Jahr 2013, denn seit ei­ni­ger Zeit lau­fen hier­für schon die Vor­be­rei­tun­gen.
Rupp ist sich zudem gar nicht si­cher, ob Agnes Krumm­wie­de heute Abend über­haupt an­tre­ten wird.


Die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Agnes Krum­wie­de, die im Mo­ment noch in Ber­lin sitzt, ist sich je­doch si­cher, dass sie heute Abend kan­di­die­ren wird. Sie hat sich sehr ge­freut, als sie ge­fragt wurde, ob sie sich für Wahl zur Ver­fü­gung stel­len möch­te. Krum­wie­de ist der Auf­fas­sung, dass sie die Rich­ti­ge für diese Auf­ga­be ist, da sie ei­ner­seits kul­tu­rell ge­bil­det ist und durch ihre Po­si­ti­on im Bun­des­tag viele Ver­bin­dun­gen hat. „Ich kann mir vor­stel­len, dass ich neuen Wind rein­brin­gen könn­te, vor allem weil dann eine Frau die Füh­rungs­po­si­ti­on inne hätte“, sagte Krum­wie­de. Wenn sie die Wahl ge­winnt, möch­te sie „die Ge­dan­ken von Simon Mayr auf­le­ben las­sen und die Ar­beit wei­ter­füh­ren“. Ihr Ziel ist es auch, noch mehr junge Leute für die klas­si­sche Musik zu be­geis­tern.
Die 34-jäh­ri­ge Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und Mu­si­ke­rin kann sich das Amt auf­grund ihrer vie­len be­ruf­li­chen und per­sön­li­chen Er­fah­run­gen gut für sich vor­stel­len. In die­ser Hin­sicht ist sie sich mit Rupp einig, der gleich­falls auf seine Er­fah­rung hin­weist.



Verunstaltetes Meisterwerk

Theater im orientalischen Schmuckkästchen: Szene aus „Demetrio“ in Moutier. - Foto: Wolfsfellner

Moutier (DK) Johann Simon Mayr ist seit 166 Jahren tot. Man möchte sagen: Gott sei Dank muss er nicht mitbekommen, wie heute zuweilen mit seinen wunderbaren Werken umgegangen wird.

Dabei will man nur das Beste beim kleinen Festival von Moutier in der Schweiz. Der Dirigent Facundo Agudin hat sich dort der letzten, 1824 in Turin uraufgeführten Oper des Meisters angenommen – und scheiterte. „Demetrio, re di siria“ in Moutier ist himmelweit entfernt vom Niveau der Mayr-Produktionen an der Bayerischen Staatsoper, in St. Gallen, Braunschweig oder Regensburg der vergangenen Jahre. „Demetrio“ in Moutier ist ein Mayr zum Abgewöhnen.

Das ist deshalb so beklagenswert, weil der in Mendorf geborene Tonsetzer der Nachwelt ein Meisterwerk hinterlassen hat. Ein Werk, das es verdient hat, wiederentdeckt zu werden, das unbedingt auf die Bühnen der großen Theater gehört.

Schwer hatte es Mayrs „Demetrio“ allerdings schon bei der Uraufführung. Das Stück wurde nur wenige Male gegeben, dann verschwand es in die Archive und wurde vergessen. So erfolglos waren nur wenige Opern Mayers. Die Abneigung des Publikums gegen das Werk hatte allerdings nachvollziehbare Gründe. Mayrs Stil war inzwischen vollkommen aus der Mode gekommen. Eine Opera seria mit ihrem antiken Stoff nach einer Metastasio-Vorlage wirkte im Umfeld der großen Rossini-Meisterwerke, der frühen Opern von Donizetti und Carl Maria von Weber wie ein Dinosaurier. Da spielte es fast keine Rolle, dass Mayrs Musik tatsächlich für seine Zeit durchaus modern war, dass er mit der Tradition der Opera seria kreativ und zukunftsweisend umging. So ist Mayrs Spätwerk eine merkwürdige Mischung aus romantischen Vorausahnungen, stilistischen Anklängen an Mozart und Haydn, Belcanto-Elementen, einem Schuss Rossini, verarbeitet zu einer sehr eigenwilligen Form. Vor allem aber zeigt sich Mayr hier mehr als in jeder anderen Oper, die in den vergangenen Jahren wieder aufgeführt wurde, als großer Melodienerfinder, als ein Künstler, der wunderbare, an Donizetti erinnernde Arien schreiben kann. So überlagert die gesamte Oper „Demetrio“ eine leise Melancholie, die allerdings immer wieder durch die prachtvoll-volkstümlichen Chortableaus und echte tragische Töne unterbrochen wird.

Die Oper greift eine antike Figur auf, Demetrio II., genannt Nikator, verändert die historischen Tatsachen aber weitgehend und dichtet die Geschichte um zu einem Plot im Geist der Aufklärung. Es geht um die Königin Cleonice, die Alceste liebt, ihn aber nicht heiraten kann, da er angeblich nicht adelig ist. Am Ende allerdings stellt sich heraus, dass er Demetrio ist, der Sohn des früheren Königs, den Cleonices Vater unrechtmäßig vom Thron gestoßen hatte. Einer Ehe steht dann nichts mehr im Weg.

Im kleinen Moutier spielt man die Oper in einem ehemaligen Schießstand: einem märchenschlossähnlichen Holzgebäude mit spitzen Türmen und dünnen Wänden, in dem immer ein kühler Lufthauch weht und das Publikum bei schlechtem Wetter frösteln lässt. Schlecht, wenn dann nicht einmal die Hitze der Leidenschaft das Publikum erwärmen kann.

Mayr wurde hier auf Schultheater-Niveau inszeniert. Regisseur Michal Znaniecki und sein Bühnenbildner Luigi Scoglio ließen die Geschichte in einem überdimensionalen Schmuckkästchen voller blinkender Glühbirnen und blitzender Riesenedelsteine spielen. Leider nötigte der zweistöckige Kasten die Darsteller dazu, eingezwängt in engen Fensteröffnungen zu agieren. Bewegung, Interaktion zwischen den Darstellern war so fast unmöglich. Dafür gab es Stehoper zu sehen, Darsteller, deren Bewegungsrepertoire dem von Verkehrspolizisten glich. Die Höhepunkte der Schauspielkunst in dieser Inszenierung waren der elegante Wechsel vom Stand- zum Spielbein und das unmotivierte Schwenken der Säbel. Dabei stellten die Sänger ihre ungeschickt antikisierenden Kostüme zur Schau. Eine Inszenierung also, bei der man besser wegguckt.

Dann allerdings konnte man die Produktion durchaus genießen. Besonders die Sänger machten ihre Sache hervorragend. Die kurzfristig eingesprungene Sopranistin Bénédicte Tauran, die aus dem Orchestergraben sang, während die indisponierte Sängerin Magdalena Nowacka auf der Bühne eher hölzern agierte, gestaltete die Partie der Cleonice grandios. Überzeugen konnte auch Amaya Domingues in der Hosenrolle als Demetrio/Alceste mit ihrer koloratursicheren, sehr farbigen Stimme und Piotr Friebe (Tenor) in der Rolle des Gegenspielers Olinto.

Facundo Agudin dirigierte das gut eingespielte Orchestre Symphonique du Jura meist etwas zu routiniert und emotionslos. Etwas flüssigere Tempi, etwas mehr Temperament hätten der Oper sicher gut getan.

Am Ende jubelte das Publikum, darunter rund 60 Mitglieder der Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft, die eigens mit dem Bus aus Ingolstadt angereist waren. Für sie zählte vor allem, dass wieder eine Oper des Mendorfer Komponisten auf die Bühne gebracht worden war, immerhin die fünfte Produktion seit drei Jahren. Und dass die Oper ein Meisterwerk ist. Jetzt hoffen sie, dass die Produktion in einer konzertanten Fassung als Gastspiel auch nach Ingolstadt kommt.

Von Jesko Schulze-Reimpell


Simon Mayr auf Bühnen in aller Welt

Facundo Agudin wird die Premiere von "Demetrio" dirigieren. - Foto: oh

Ingolstadt (DK) Kooperationen zwischen Theatern sind inzwischen überall zur Gepflogenheit geworden – was kein Wunder ist, kann man doch auf diese Weise eine Menge Geld sparen. 

Eine so umfassende, Länder und Kontinente, Theater und Festivals übergreifende Zusammenarbeit, wie sie sich jetzt bei der Inszenierung einer Oper von Simon Mayr (1763–1845) anbahnt, ist dagegen selten und ungewöhnlich. Eine Produktion der letzten von Mayr komponierten Oper "Demetrio" (uraufgeführt 1823 in Turin) soll an wahrscheinlich fünf verschiedenen Orten in der Schweiz, in Polen, Tschechien, Deutschland und Argentinien auf die Bühne gebracht werden.

Eingefädelt haben die internationale Produktion Reinhold Quandt und Michael Lochar vom Ricordi-Verlag, der sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, sämtliche der rund 800 Werke des Mendorfer Komponisten nach und nach zu publizieren. Nach Auskunft der beiden Ricordi-Mitarbeiter wird die Inszenierung dabei von Theater zu Theater einige Verwandlungen durchmachen. Das Grundkonzept wird sich allerdings erhalten – nicht zuletzt deshalb, weil immer der gleiche Regisseur das Bühnengeschehen bestimmen soll: der Pole Michal Znaniecki. Außerdem wird regelmäßig der Argentinier Facundo Agudin am Dirigentenpult stehen.

So wird es bei der Premiere im Juni 2011 beim Schweizer Festival in Moutier (Kanton Bern) zunächst nur ein sehr sparsames Bühnenbild geben, das allerdings die Grundlage bilden soll für die späteren sehr viel opulenteren Dekors. Vom kleinen Festivaltheater in Moutier, wo Oehms-Klassik auch eine CD produzieren wird, zieht die Produktion möglicherweise weiter nach Ingolstadt. Dort könnte "Demetrio" im September 2011 als Operngastspiel den regulären Theaterspielplan bereichern. Die Verhandlungen mit dem Theater Ingolstadt sind hier allerdings noch nicht abgeschlossen. Weiter geht es dann nach Buenes Aires ins Teatro Argentino de la Plata, das zu den größten Opernhäusern Lateinamerikas zählt. Dort soll die Mayr-Oper im April und Mai 2012 aufgeführt werden, außerdem gibt es dort die Überlegung, eine DVD herauszubringen. Das Bühnenbild wird für die riesenhafte Bühne völlig neu erstellt, allerdings nach der selben Konzeption, die schon in Moutier verwendet wurde. Die Kostüme werden von dort übernommen. Die gesamte Ausstattung soll dann nach Poznan (früher Posen) in Polen verschickt werden, wo die Oper im Mai, Oktober, November und Dezember läuft. Am Ende wird "Demetrio" schließlich in Ostrava (Tschechien, früher Ostrau) auf dem Spielplan stehen, im Mayr-Jubiläumsjahr 2013. Der Komponist wurde 250 Jahre vorher in Mendorf geboren.

Beim Ricordi-Verlag geht es nun darum, möglichst schnell die Partitur zu erstellen. Herausgeberin der wissenschaftlichen Edition ist die Ingolstädter Musikwissenschaftlerin Iris Winkler. Bis Mitte Juni sollen Teile bereits dem Dirigenten Agudin vorliegen. Der enorme Zeitdruck macht Reinhold Quandt zu schaffen. Denn überraschende Anfragen nach neuen Partituren erschweren eine vernünftige Planung für die Edition der Mayr-Werke immer wieder.

Der in der Schweiz lebende Dirigent Facundo Agudin war übrigens schon nach der Lektüre nur einiger Partiturseiten von Simon Mayr begeistert. Er glaubt fest daran, dass der bayerische Komponist sich am Opernmarkt behaupten wird. Besonders lobt er die ausgefeilte Orchestrierungskunst des Meisters. Den Dirigenten Agudin wird man übrigens bereits am 10. November dieses Jahres in Ingolstadt hören können. Dann gastiert er beim Konzertverein Ingolstadt mit seinem Orchestre Symphonique du Jura, das in Moutier auch die Mayr-Oper aufführen wird. Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Schumann und Beethoven.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Eine heitere Totenmesse

Eichstätt (DK) "Etikettenschwindel" ist ein Wort, das einem in den Sinn kommen kann, wenn man über die regional veranstaltete Musikreihe anlässlich des Gedenkens des Lokalmatadors Simon Mayr nachdenkt (etwa über das Konzert "La Scala" ganz ohne Sänger der Mailänder Scala).

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Beim Abschlusskonzert der "1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele" im Hohen Dom zu Eichstätt steckte der Teufel der Irreführung immerhin allein in einem vom gefeierten Tonsetzer selbst zu verantwortenden Detail.
 
Es erklang die "Grande Messa di Requiem g-Moll", gesungen von der Sopranistin Margriet Buchberger, der Altistin Stefanie Irányi, dem Tenor Martin Platz, dem Bassisten Thomas E. Bauer und dem Eichstätter Domchor, instrumental flankiert vom Ensemble L’Arpa Festante. Die musikalische Leitung mit einem souveränen Dirigat hatte der Eichstätter Domkapellmeister Christian Heiß.
 

Problematische Akustik

Soweit es sich angesichts der äußerst problematischen Akustik des Eichstätter Doms sagen lässt, trug der Domchor das abendfüllende Werk mit großer Brillanz vor. Eine Zumutung an das Publikum war es angesichts der ungeeigneten Klangverhältnisse allerdings, dass Solisten, Instrumentalensemble und Chor gänzlich hinter dem Altar positioniert waren. Damit ergab sich bereits in den ersten Reihen ein wabriger Tonbrei.

Dennoch war es ein schönes und bei aller Länge des Stücks auch kurzweiliges Konzerterlebnis. Woran lag das? – Nicht so sehr am barock instrumentierten Klangkörper; weil verpatzte Einsätze der Bläser und eine manchmal überstrapazierte Intonation der Streicher einfach nicht schön sind.

Zu einem guten Teil lag der Erfolg des Konzerts an der Leistung des Chores. Hier stimmte einfach alles: jeder Einsatz, jeder dynamische Spannungsbogen, die Ausgewogenheit der Stimmen. Christian Heiß kennt natürlich die Akustik seines Doms allzu gut. Und er ist ein hervorragender Gesangstrainer, der mit seinen exakten und fast lakonischen Bewegungen Erstaunliches aus seinem Chor holt. Zum Teil lag es auch an den Solisten, insbesondere Margriet Buchberger, die mit ihrer außergewöhnlich bewusst entwickelten Gesangstechnik faszinierte, sowie Martin Platz, der mit seiner enorm klangschönen und weit tragenden Stimme den Widrigkeiten der Akustik trotzte. Etwas sehr prätentiös dagegen der Bassist Thomas E. Bauer. Leider kaum zum Einsatz kam die Altistin Stefanie Irányi – was allein an der kompositorischen Unausgewogenheit des Werks lag.

Ohne Dramatik

Im letzten Formabschnitt, dem Offertorium, sind zudem plötzlich alle Nummern deutlich kürzer. Fast könnte man meinen, Mayr sei nichts mehr eingefallen. Aber ach – die Einfälle fehlten doch schon von Anfang an! Hier erklang der übliche Mayrsche, frühromantische Jargon ohne überraschende Wendungen, ohne bemerkenswerte Melodien, ohne wirkliche Entwicklung, ohne Dramatik. Es war am Sonntag immerhin die deutsche Erstaufführung des Werks. Es könnte gut die einstweilen einzige bleiben.

Ein etwas überraschendes, durchgehendes Charakteristikum hatte das Werk allerdings – und hierin lag denn auch sein verwirrendes, nachgerade irreführendes Moment: Es klang einfach nicht wie eine Totenmesse, sondern, wie sonstige spätklassische Unterhaltungsmusik üblicherweise: heiter bis ausgelassen.

Von Sebastian Ullrich

Wie ein gut geöltes Uhrwerk

Neuburg Neuburg (DK) Der Ort der Aufführung hätte nicht besser passen können. Das Kirchenkonzert im Rahmen der Internationalen Simon-Mayr-Festspiele mit der Wallfisch Band fand in der Wallfahrtskirche Heilig Kreuz in Bergen bei Neuburg statt. Die wundervolle helle Rokoko-Kirche die über und über mit goldenen Schnörkeln, floralen Ornamenten und lichten Heiligen-Bildern versehen ist, wurde 1755 erbaut – wenige Jahre also, bevor die an diesem Abend gespielte Musik komponiert wurde.

Eine optimistisch-lichte Umgebung also zur luftig-leichten Musik von Mozart, Haydn, Mayr und Myslivecek. Zudem aufgeführt an einem sonnigen Frühlingsabend – wunderbarer kann ein Festspielabend kaum beginnen. Zumal, wenn dann die Werke noch kongenial aufgeführt werden.
 

Die Wallfisch Band gehört zweifellos zu den renommiertesten Ensembles für Alte Musik. Wenn die etwa 16 Musiker Mayr spielen, holen sie das Beste aus diesen Stücken heraus. Wie gut sie sind, bewiesen die Musiker, die unter der Leitung der australischen Geigerin Elizabeth Wallfisch musizieren, allerdings bei einem Repertoire-Stück von Mozart: das Divertimento D-Dur KV 136. Perfekter, gelassener kann man dieses Werk kaum wiedergeben. Wie bei einem gut geölten Uhrwerk schnurrten die Streicherbewegungen, die Tremoli, die plötzlichen Attacken an einem vorüber. Elizabeth Wallfisch zählt nicht zu den Originalklang-Musikern, deren musikalisches Engagement die Grenze zum Exaltierten oder Manierierten überschreitet oder die jegliches wärmendes Vibrato ablehnen. Sie interpretiert maßvoll und mit innerer Ausgeglichenheit.

Das kam auch den an diesem Abend aufgeführten Werken von Simon Mayr zugute, die allesamt noch stark im Schatten des Frühwerks von Mozart und Haydn standen. Bei den Ouvertüren zu "Sisara" und "La passione" vermutet man zahlreiche von Mozart entliehene Floskeln. Die Wallfisch Band spielte das munter, perfekt und mit sympathischer Empfindsamkeit. Nicht minder unterhaltsam gerieten die Arien von Josef Haydn und dem tschechischen Komponisten Josef Myslivecek (1737–1781), die keinesfalls besser komponiert waren als die Werke von Simon Mayr (sondern eher schwächer). Der Tenor Andreas Weller sang das mit eher kleiner, sehr präziser, fast instrumental geführter Stimme und viel musikalischer Fantasie.

Eine Wendung zu tieferer, ernsterer Musik vollzog sich am Ende des Konzerts, als zwei weitere Mayr-Kompositionen auf dem Programm standen. Die Sinfonia aus "Tobia matrimonium" zeigte vor allem, wie virtuos Mayr instrumentieren konnte, wie interessant er Bläserchor vom Streichorchester absetzen kann, wie raffiniert er die Klänge später verschmelzen lässt. Und die Motette "O Virgo Immaculata" ist ein Parforceritt durch alle Register der Emotionen, von trübster Depression bis zum höchsten Himmelhochjauchzen des "Halleluja" am Ende der Motette. Ein Stück, das unter die Haut ging, wie kein anderes Werk an diesem Abend.

Von Jesko Schulze-Reimpell

Rosarotes Simon-Mayr-Spektakel

Neuburg (DK) Mehr als 200 Jahre sind zwischen der Uraufführung und der aktuellen Inszenierung der Oper "Amore non soffre opposizioni" vergangen. Im Zeitraum dazwischen war Simon Mayrs Werk für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Anlässlich der Internationalen Simon-Mayr-Festspiele wurde die Oper neu aufbereitet und schließlich am Freitag im Stadttheater Neuburg auf die Bühne gebracht.

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Dem Staub der Bibliothek in Bergamo, wo die Partitur lange ruhte, konnte das Werk erfolgreich entrissen werden. Frisch und bunt kam die Inszenierung daher und verband sich erstaunlich gut mit der klassizistisch-heiteren Musik Mayrs. Das erfrischende Konzept wurde von Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding und des Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater in München erarbeitet (Regie: Lena Kupatz). Eine vielseitige Konstruktion aus grauen Quadern, versehen mit allerlei Schubladen und Türen, erfüllte seinen Zweck als Bühnenbild bestens (Ausstattung: Agathe MacQueen). Für die nötige Farbe sorgten die immer präsenten neonfarbenen Papierbögen.

Sie wiesen als starkes wiederkehrendes Element auf den Mittelpunkt der Handlung hin, ebenfalls ein paar Blätter Papier, auf denen die Eheschließung zwischen Ernesto und Gelsomina vertraglich festgesetzt werden soll. Argante, der Vater Ernestos, ließ sich diesen Vertrag einfallen, um seinen Sohn endgültig von einer früheren Liebschaft abzubringen. Gelsomina ist von der bevorstehenden Hochzeit hingerissen, ihr Vater Policarpo dagegen möchte dem Trubel rund um die Hochzeit möglichst bald entfliehen. Doch der Vertrag zwischen den beiden Vätern erweist sich bald als nichtig, weil Ernestos frühere Geliebte Elmira inkognito wieder auftaucht und sich ihren Geliebten schließlich zurückerobert.

Die komödiantischen Qualitäten der Oper konnten in der Inszenierung bestens herausgearbeitet werden. In rosa waren die Kostüme der aufgeregten Braut Gelsomina (Laura Faig) und ihres gutmütig-trotteligen Vaters (mit viel komödiantischem Talent: Philipp Gaiser) gehalten, in strengem dunkelblau dagegen die Kostüme des unsympathischen und überkorrekten Argantes (Giulio Alvise Caselli) und seines Sohnes Ernesto (Richard Resch).

Die stark überzeichneten Rollen boten den Sängern allerlei Steilvorlagen für komische Einlagen. So war Argantes Diener Martorello (Josef Zwink) während des ganzen Stücks stets um sein Baiser besorgt, dessen Verzehr ihm bis zum Ende nicht vergönnt sein sollte. Argante versuchte sich als fescher Liebhaber, die naive Gelsomina flocht sich immer wieder nörgelnd durch die Handlung, und der gestresste Policarpo ließ sich zur Beruhigung die Ohrläppchen massieren. Diesem Spaß schlossen sich auch die Musiker an und ließen mal ein Beethoven-Zitat, Anspielungen auf Mozarts und Rossinis Opern oder ein jazziges Zwischenspiel einfließen. Allgemein gelang es Franz Hauk, die Leichtigkeit, die das Stück durchzog, auch in der Orchesterbegleitung herauszuarbeiten.

Von der allgemeinen Heiterkeit ausgeschlossen waren allerdings Elmira (Monika Lichtenegger) und Ernesto, die sich gegenseitig das Scheitern ihrer Liebe vorwarfen. Monika Lichtenegger machte aus der Elmira eine starke, resolute Frau, die in ihrem Zorn sehr beeindruckend wirkte. Auch Richard Resch als Ernesto wirkte in seinem Widerwillen und seiner Verzweiflung überzeugend.

Interessante Ideen in Bühnenbild und Inszenierung, amüsante Verwechslungsspiele in der Handlung und sowohl gesanglich als auch schauspielerisch solide bis sehr gute Leistungen ließen Mayrs Oper zu einer heiteren und erfrischenden Unterhaltung werden.

Von Katrin Poese



Simon Mayr im Gottesdienst

Mendorf (DK) Jeder große Komponist muss irgendwann sein Festival bekommen. Zeit war es deshalb in Mendorf bei Altmannstein, endlich für geordnete Verhältnisse zu sorgen und mit einem spektakulären Konzert im Rahmen der 1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele das bedeutende Dorfkind zu feiern.

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Auf dem Programm stand Mayrs Missa in C-Dur für Soli, Orchester und Orgel, die sogenannte Orgelsolomesse, musiziert vom historisch stilsicheren Ensemble Gruppo Fiati Musica Aperta Bergamo mit instrumentaler Verstärkung und solistisch besetztem Chor unter der Leitung von Pieralberto Cattaneo.

Internationales Publikum

Und sogleich – wie so oft in internationalen Kontexten – wurden Synergieeffekte genutzt, indem der Auftakt in einen Gottesdienst gepackt wurde: So begegneten sich zu diesem feierlichen Anlass die Dorfgemeinde und das internationale Konzertpublikum, feierten und hörten gemeinsam eine Messe.

Profitiert hat davon der Pfarrer. Der machte seinen Einzug zu einem sehr schönen, epigonal-klassischen und völlig unsakralen Larghetto für Bläsersextett. Das wirkte entrückt, nämlich wie ein stumm geschalteter Film mit falscher Tonspur, während die versammelte Kirchengemeinde liturgiegefestigt aufstand. So fand sich denn auch das internationale Konzertpublikum stehend zum Beginn eines Festspielkonzerts, zu dem wie auf einer falschen Bildspur ein Gottesdienst begann.

Der Pfarrer, der seine Kommunionanwärterkinder für die ersten Reihen des Festspielekonzerts mitgebracht hatte, bekam das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht – so viele Schäfchen, und sogar zum Teil von so weit her! Nach seiner, ganz der katholischen Demutstugend verschriebenen Begrüßungsansprache – "wir feiern heute einen eurer Mitbürger, auf den ihr stolz sein könnt, Simon Mayr, aber mehr kann ich auch nicht über ihn sagen" – hatte er schon die Herzen der Besucher für sich gewonnen. Und ganz der handwerklich gefestigte Zeremonienmeister führte er Publikum und Gemeinde mit klaren und freundlichen Anweisungen und Gesten durch das Ritual – nach dem Vorsingen des Halleluja beispielsweise ein einladendes "und bitte", oder nach einem stimmgewaltig intonierten, vom Publikumsanteil vielleicht noch ein Stück inbrünstiger gesungenen Gemeindechoral ein bittendes "singmer‘s nochmal".

Unruhige Kinder

Nur die Kommunionskinder fingen bereits beim Gloria der Messe an, unruhig auf ihren harthölzernen Bänken herumzurutschen. Kinder sind nun einmal so erfrischend unverstellt im Herzen und ehrlich in ihrem Ausdruck – und haben eben ein von historischem Wissen unversehrtes Gefühl für Längen.

Wäre die Orgelmesse von Mozart, würde sie zu seinen weniger bedeutenden Werken zählen und würde möglicherweise nie aufgeführt werden, jedenfalls nicht im Rahmen von internationalen Festspielen. Freilich – schön musiziert war die Messe durchaus. Und gelungen war diese Auftaktveranstaltung allemal, mit einem denkwürdigen Pfarrer, der vielleicht sogar ein paar neue Schäfchen im Herzen dazugewonnen hat.

Von Sebastian Ullrich


Simon Mayr schafft Verbindung

Olga Peretyatko, Sopran, eröffnet mit einer Operngala das Musikfestival.

Ingolstadt (DK) Eine eigene Simon-Mayr-Kultur-GmbH hat man gegründet, um die ersten Internationalen Simon-Mayr-Festspiele hochprofessionell zu organisieren. Und die legte bei der gestrigen Vorstellung des Musikfestes, das von 6. bis 22. Mai den Mendorfer Komponisten im Bewusstsein der Menschen der Region 10 stärker verankern will, denn auch ein umfangreiches Konzertprogramm � und, als originelles Accessoire, einen "Mayr-Schlüssel" vor.

Das Laugengebäck in Form eines Notenschlüssels, von einer Praktikantin entworfen und bei der Bäckerei Hackner in Auftrag gegeben, wird bei der Werbung für das Festival künftig eine besondere Rolle spielen. "In zwei, drei Wochen verraten wir, was wir damit vorhaben", grinst Jürgen Bachmann, Geschäftsführer der GmbH. Kein Geheimnis mehr ist dagegen nun Konzept und Inhalt des Festivals. Neun Konzerte wird es geben, eine Opernaufführung, die Mayr-Farce "Che Originali", die als Kinderoper durch Schulen und Kindergärten tourt, zwei weitere Kinderprojekte zum Instrument Orgel und zum Komponisten und ein hochkarätiges wissenschaftliches Symposium unter dem Titel "Giovanni Simone Mayr auf der Bühne".

Die Besonderheit dieses Programms: Viele Konzerte sind sakraler Natur und in Gottesdienste eingebunden � und führen den Musikfreund quer durch die Region. Stimmungsvolle Aufführungsorte, wie das Kleinod der bei Schrobenhausen liegenden Wallfahrtskirche Maria Beinberg, die Basilika Scheyern oder die Taufkirche Mayrs St. Leodegar in Mendorf sollen mit Hilfe von Musik wiederentdeckt werden und zugleich das Bewusstsein von den Schätzen in "IngolStadtLandPlus" stärken. "Das schafft Zusammenhalt! Wir sind eine Region!", so der Schrobenhausener Landrat Roland Weigert, Vorstand der Initiative Regionalmanagement Region Ingolstadt (IRMA), dessen Gesellschaft das Festival wie weitere acht namhafte Partner kräftig mit sponsert. Im "sechsstelligen Bereich", so Bachmann, sind die Kosten für die knapp drei Wochen angesiedelt.

Doch die Kirchen der Region als Aufführungsorte gewählt zu haben, ist nicht nur identitätsstiftend und kulturstärkend gedacht, sondern ist auch dem Werk Mayrs selbst geschuldet. Der schrieb neben 70 Opern immerhin "Hunderte von Sakralwerken", erklärte der zweite Geschäftsführer der Kultur-GmbH, Franz Hauk. Es sei, so der ausgewiesene Mayr-Spezialist, der heutige Zugang, historische Musik in ihrer historischen Praxis aufzuführen. "Eine musikalische Messe sollte in den Zusammenhang gestellt werden, in dem sie im 18. Jahrhunderts stand, und dieser Zusammenhang ist die Liturgie, also der Gottesdienst", so Hauk.

Aber natürlich stehen auch weltliche Konzerte auf dem Programm � etwa gleich das allererste. Eine Operngala mit dem Georgischen Kammerorchester und der Koloratursopranistin Olga Peretyatko im Festsaal des Theaters Ingolstadt schafft mit Werken von Mayr, Donizetti und Rossini vielfältige Bezüge zu Leben und Werk des gebürtigen Mendorfers, der mit seinem Schaffen an der Schnittstelle zwischen italienischer Oper und Wiener Klassik stand. "Er wurde schließlich Wahlitaliener, Bergamasker", so Hauk � eine Tatsache, die die Gala mit Werken seines Schülers Donizetti und dem zweiten großen Opernkomponisten Italiens dieser Zeit, Rossini, aufgreift. Ebenfalls Opernarien von Mayr und Zeitgenossen präsentieren junge Opernstudenten der Mailänder Scala, und auch eine ganze Oper ist zu hören: "Amore non soffre opposizioni", ein Drama giocosa, ist die "letzte heitere Oper" Mayrs, "der Beginn seines Spätwerks also", erklärt Hauk. Und somit eine kleine Seltenheit.

Weitere Informationen über das Festival, das künftig im Zweijahresturnus stattfinden soll, gibt es unter www.simon-mayr-festspiele.de. Dort ist auch eine Tickethotline zu finden; der Vorverkauf beginnt kommenden Donnerstag.

Von Karin Derstroff

Stimmgewaltige Sopranistin

Lösten Begeisterungsstürme aus: Die Sopranistin Olga Peretyatko und der kurzfristig am Dirigentenpult eingesprungene Benjamin Shwartz. - Foto: Rössle

Ausgerechnet diese Situation trat beim Eröffnungskonzert der 1. Internationalen Simon-Mayr-Festspiele im Ingolstädter Festsaal ein. Am Montag musste sich der Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ariel Zuckermann krank melden. Übernehmen sollte die Operngala der bereits ziemlich renommierte Amerikaner Benjamin Shwartz (31), der vor einigen Tagen das Familienkonzert des Georgischen Kammerorchesters gestaltete und bereits 2008 bei den Sommerkonzerten gastierte. Aber der Nachwuchsdirigent kannte nicht nur die Werke Mayrs nicht: Keine einzige Ouvertüre und keine Arie auf dem Programm hatte er je zuvor dirigiert.

Shwartz ließ sich am Abend vor der ersten Probe die Noten geben, stand am nächsten Tag um 3 Uhr morgens auf und bereitete sich bis zum Probenbeginn um 9 Uhr intensiv vor. Danach beherrschte er das Programm.

Beim Konzertabend war ein kleines Wunder zu erleben. Benjamin Shwartz dirigierte hinreißend: mit ansteckendem Elan, kreativ, effektvoll. Eine Riesenbegabung war zu erleben, vielleicht einer der Pultstars von morgen.

Am wirkungsvollsten gelang Shwartz sicherlich die Wilhelm-Tell-Ouvertüre von Rossini, ein fulminantes Effektstück. Shwartz ließ hier am Anfang dem Solocello genau das richtige Maß an Freiheit, um dann behutsam, voller lyrischer Schönheit die Naturschilderungen und Seelenstimmungen zu entwickeln und schließlich die brachiale Gewalt und den Triumph des Finales hereinbrechen zu lassen, nicht ohne am Ende das Tempo noch zu beschleunigen.

Im Mittelpunkt der Operngala stand allerdings nicht Benjamin Shwartz, sondern die junge, ebenso schöne wie schön singende Sopranistin Olga Peretyatko. Für die Heldinnen der bedeutenden Mayr-Tragödien ist die Russin eine Idealbesetzung. Allerdings war von den düsteren, grandiosen Arien an diesem Abend kaum etwas zu hören. Ausgerechnet die bedeutendsten Opern des Mendorfer Komponisten – etwa "Medea" und "Fedra" – kamen im Programm nicht vor. Stattdessen erklangen kompositorisch eher mittelmäßige Ausschnitte, die sich gegen die Konkurrenz der enorm effektvoll komponierenden Schüler und Konkurrenten des bayerischen Komponisten Donizetti und Rossini kaum behaupten konnten. So ist die Cavatina "Ombre amate" aus der Oper "I misteri eleusini" eine kurze, ziemlich reizlose Arie, die Ouvertüre von "Cora" eine etwas wahllose Aneinanderreihung mehr oder weniger schöner Themen. Allenfalls die tieftraurige Cavatina "Sommo clemente Dio" aus "I misteri eleusini" und die packende Ouvertüre zu "Mennone e Zemira" ließ erahnen, zu welcher Dramatik und zu welchem emotionalen Tiefgang Simon Mayr fähig ist.

So konnte Olga Peretyatko vor allem mit Arien der Mayr-Zeitgenossen Donizetti und Rossini glänzen. Besonders in der berühmten Arie "Regnava la silenzio" aus "Lucia di Lammermoor" zeigte die Russin, dass sie über eine in allen Lagen erstaunlich leichtgängige, warm vibrierende, angenehm dunkel getönte Stimme verfügt, die allerdings auch in den hohen Lagen absolut souverän anschlägt.

Aber ihr Sopran ist nicht nur volltönend, sondern auch erstaunlich koloratursicher wie sie in der Arie "Non si da follia maggiore" aus "Il turco in Italia" demonstrierte. Olga Peretyatko ist zweifellos eine große Entdeckung, eine Sängerin, die auf einem ähnlichen Niveau singt wie Anna Netrebko, Natalie Dessay oder Angela Gheorghiu und ein ungewöhnlicher Glücksfall für die Eröffnung der Mayr-Festspiele.

Von Jesko Schulze-Reimpell



Leichtgewichtige Klänge

Simon Mayrs Oratorium "Gioas" erklang zur Eröffnung der Simon-Mayr-Tage in der Ingolstädter Asamkirche. - Foto: Rössle

Ingolstadt (DK) Mit dem Eröffnungskonzert der Simon-Mayr-Tage 2010 bescherte Dirigent Franz Hauk den Ingolstädtern in der voll besetzten Asamkirche wieder einmal ein besonderes Musikerlebnis: "Gioas - Dramma sacro per Musica", ein Oratorium für Soli, Chor und Orchester von Giovanni Simone Mayr.

 

Die Geschichte aus dem Alten Testament um das Morden der machthungrigen Atalia und die Trauer Sebias um ihren vermeintlich getöteten Sohn Joas birgt einiges an musikalisch-dramatischem Stoff, den Hauk mit seinen hervorragend aufeinander abgestimmten Solisten, Sängern und Musikern eindrucksvoll zu Gehör brachte.
Eine heitere Sinfonie in D-Dur leitet das Oratorium ein und vermittelt erst einmal gar nicht den Eindruck eines sich abzeichnenden Dramas. Geradezu fröhlich auch die anschließende Hymne, die der Chor stimmgewaltig und glanzvoll wie ein unumstößliches Denkmal in die Akustik der Asamkirche setzte.
Der Simon-Mayr-Chor, vereint mit Mitgliedern des Bayerischen Staatsopernchores, erwies sich als prägnant agierender Klangkörper und ließ in seiner gesanglichen Interpretation und Präsenz keine Wünsche offen.
Sopranistin Andrea Laura Brown als Sebia war unbestritten glanzvoller Mittelpunkt des Abends. Ihr müheloser Sopran zeigte sich in allen Lagen homogen und sehr natürlich. Feinsinnig und äußerst differenziert lotete Brown ihre Rolle aus, überzeugte als innig liebende, hoffende und leidende Mutter und gestaltete neben Tenor Cornel Frey, der den Adrasto sang, ihren Part am lebendigsten.
Frey gab einen stimmlich sehr wandlungsfähigen Adrasto. Sang er anfangs entsprechend seiner Partie mit harter und unnachgiebiger Stimme ("Und unbarmherzig wird sie sein . . ."), so steigerte er sich im Laufe der Aufführung derart, dass seine Arien und Rezitative durch dramatische Gestaltungskraft seines flexiblen Tenors mit zu den packendsten Momenten der Aufführung zählten.
Bass Andreas Burkhart verlieh dem Hohepriester Jojanda seine ausgeglichene und durchwegs brillant geführte Stimme, bestach in Rezitativen und Arien durch formvollendeten Schönklang, wurde aber stellenweise vom Orchester zugedeckt. Tenor Robert Sellier als Sohn Joas überzeugte mit einer weichen und beweglichen Stimme und war immer wieder, ob mit Adrasto oder Sebia ein einfühlsam gestaltender Duettpartner.
Das musizierende Ensemble, Musiker des Georgischen Kammerorchesters und für dieses Projekt dazu gewonnene auswärtige Instrumentalisten, begleitete Solisten und Chor äußerst sensibel und transparent.
Mayrs Werk wird indes im kompositorischen Sinne dem überaus dramatischen Inhalt des Oratoriums eigentlich nicht gerecht. Vielfach unbeschwert und beschwingt klingt die Musik, verspielte Melodien prägen die meisten Arien. Ab und zu rumort es düster im Orchester und am Ende wird es durchaus fulminant, wenn sich Solistenquartett und Chor zusammen mit Stimmgewalt ins Finale werfen, doch menschliches Leid und mitreißende Spannung wurden schon vielfach überzeugender komponiert - insbesondere von Mozart, mit dem man Mayr so gerne vergleicht. Was aber an Dramatik in der Musik steckt, wurde von Hauk gekonnt erarbeitet und umgesetzt.
Von Sandra Hummel

Großes Talent für Melodien

München (DK) Tänzerische Motive in den Streichern, dann eine tragende Fagottmelodie. Ein warmer Sopran mischt sich unter die harmonischen Klänge. Luftig und leicht wehen die Melodien durch den Raum und wollen so gar nicht zu den schallverkleideten Wänden, den technischen Geräten und der nüchternen Probenatmosphäre des Orchesterstudios im Funkhaus des BR passen.
 
Vielversprechend klingt es schon, doch Dirigent George Petrou ist noch nicht zufrieden: Einige Probenarbeit liegt noch vor dem Münchner Rundfunkorchester, bis Simon Mayrs "Lodoiska" in Ingolstadt aufgeführt werden kann.
 
Angenehme Probenarbeit
Der Arbeit widmen sich die Musiker sichtlich mit Hingabe. George Petrou, dem als Dirigent die Aufgabe zufällt, die Stimmen der Sänger möglichst ideal mit den Orchesterklängen zu vereinen, zeigt sich begeistert. "Das Orchester ist wunderbar. Die Musiker haben wirklich keine Scheu davor, ausführlich zu proben. Das ist sehr angenehm."
Angenehm scheint auch Petrous Probenstil zu sein. Er lobt viel, Änderungswünsche erklärt er Orchester und Solisten in seiner ruhigen Art mal auf englisch, mal auf deutsch, mal singt er die Phrase einfach vor. Man sieht ihm an, dass er in seiner Aufgabe, Simon Mayrs Oper "La Lodoiska" zur Aufführung zu bringen, aufgeht. Mit ausschweifenden Armbewegungen schwelgt er in weiten Melodiebögen, setzt hier einen Flötenschnörkel und dort einen Paukenschlag. "Mayr hat ein großes Talent für Melodien, nicht alle großen Komponisten haben das", erklärt Petrou mit leuchtenden Augen.
Der junge griechische Dirigent hat Erfahrung mit Opern aus Mayrs Zeit: Innerhalb seines Repertoires aus barocken, klassischen und romantischen Werken hat er sich vor allem auf historische Aufführungspraxis und Oper spezialisiert. Im Januar hat er eine Neuaufnahme von Händels "Giulio Cesare" herausgebracht. Simon Mayrs "Lodoiska" braucht sich seiner Meinung nach hinter den Opern der großen Meister nicht zu verstecken. "Was mich an dieser Oper am meisten fasziniert, ist, dass man die Vergangenheit und die Zukunft in der Musik hören kann. Man hört eine Menge Barock, aber wenn man diese Musik im Radio hört und den Komponisten nicht kennt, könnte man auch denken, es mit einer Mozart-Oper zu tun zu haben oder den sinfonischen Klang Beethovens oder Haydns wiederzuerkennen. Und dann hört man diese wunderschönen Belcanto-Melodien, die schon stark auf Bellini oder Donizetti hinweisen."
Spannendes Liebesdrama
Lodoiska ist der Name einer polnischen Prinzessin, die gegen ihren Willen an Boleslao, den Schlossherrn von Ostropoll, verheiratet werden soll. Anna Maria Panzarella, die in die Rolle der Lodoiska schlüpft, schont ihre Stimme noch ein wenig. Die von ihrer französischen Heimat mit dem Orden der Künste und Literatur ausgezeichnete Sängerin schlingt sich ihren Schal immer wieder enger um den Hals und greift zur Wasserflasche. Bei den CD-Aufnahmen am Ende der Woche müssen die vollen Stimmleistungen verfügbar sein. Und doch, bei dem ein oder anderen Duett zwischen Lodoiska und Boleslao, der von dem englischen Tenor Jeremy Ovenden gespielt wird, lässt sich die Dramatik der Handlung schon erahnen. Stimmgewaltig weist Boleslao die aufbegehrende Lodoiska in die Schranken, so viel kann man aus den Ansätzen schauspielerischer Untermalung schon erkennen. Lodoiska nämlich liebt nicht Boleslao, sondern Lovinski, der sich Unterstützung beim Vater seiner Geliebten einholt. Natürlich möchte der tyrannische Boleslao nicht so schnell aufgeben, und die operntypischen Intrigen nehmen ihren Lauf.
Obwohl sämtliche Sänger ihre Qualitäten bei den Proben noch nicht voll ausschöpfen, klingt das Ensemble vielversprechend. International besetzt ist es, zwei Damen ersetzen die von Mayr geforderten Kastraten. Petrou ist zufrieden mit seinen Solisten. "Das sind wirklich schöne Stimmen. Wir sind auf einem guten Weg, unsere Aufführung zu vollbringen."
Ein wahres Meisterwerk
Zweifellos wird es der Aufführung neben ihrer erstklassigen Besetzung außerdem keineswegs schaden, dass ihr Dirigent ein begeisterter Verfechter von Simon Mayrs Musik ist. "Es gibt viele wundervolle Dinge in Mayrs Musik, die vom heutigen Publikum wertgeschätzt werden sollten. Wenn Musiker und Dirigenten wirklich an diese Musik glauben, dann bekommt Mayr seinen Platz als Komponist. Viele seiner Opern sind wahre Meisterwerke, und ich finde, sie sollten gespielt werden."
Von Katrin Poese

Meister der Melodien

Ingolstadt (DK) Johann Simon Mayr ist noch weit davon entfernt, mit den großen Meistern Mozart, Beethoven oder Haydn in einem Atemzug genannt zu werden. Zu gering ist die Beachtung, die man ihm schenkt. Der Freitagabend im Festsaal stellte jedoch zweifellos einen Meilenstein auf Mayrs Weg hin zu internationalem Ruf dar. Die Oper "La Lodoiska" überzeugte beim Festkonzert der Simon Mayr Tage durch herrliche Melodien, charaktervolle Rollen und einen unglaublichen Farbenreichtum - glänzend zum Vorschein gebracht durch die ausgezeichnete Besetzung.

Schon in der Sinfonia, dem instrumentalen Eingangssatz, konnte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou die weiten Melodiebögen und vielfältigen Farben in der Musik sehr einfühlsam herausarbeiten. Auch der Männerchor des Prager Philharmonischen Chors erwies sich als erstklassig - er entwickelte in den Chorszenen einen mal warmen, voluminösen, mal militärisch-heroischen Klang.

Das Liebesdrama rund um die polnische Prinzessin Lodoiska, ihren Geliebten Lovinski und den Tyrann Boleslao, der Lodoiska zur Heirat zwingen will, ist operntypisch gespickt mit gemeinen Intrigen und Wendungen, die von den Solisten große emotionale Ausdrucksfähigkeit fordern. Da die Oper konzertant zur Aufführung kam, hätten weder bombastische Chorszenen noch opulente Kostüme über musikalische Defizite hinwegtäuschen können.

Doch dieser Herausforderung stellten sich alle Beteiligten glänzend. Allen voran überraschte Anna Maria Panzarella als Lodoiska mit einer Vielzahl an Nuancen, die die inneren Konflikte ihrer Rolle wunderbar zur Geltung brachten. Ihr flexibler, aber sehr klar konturierter Sopran transportierte feinste emotionale Regungen - so konnte bereits ein einziges "Oh tacete!" die gesamte Verzweiflung ihrer Figur zum Ausdruck bringen.

Elena Belfiore übernahm den (eigentlich für einen Kastraten bestimmten) Part des Lovinski. Auf beeindruckende Weise glaubwürdig gelang ihr die Verkörperung der Männerrolle - ihr Mezzosopran verfügt über eine ungewöhnliche, fast maskuline Tiefe. Mit seinem energischen Tenor vermittelte Jeremy Ovenden den liebenden Boleslao zwar überzeugend, die Grausamkeit und Herrschsucht dieser Figur ging allerdings ein wenig unter. Ein Umstand, den man Ovenden wegen seiner beeindruckenden Arien aber verzeihen konnte.

Mayrs Werk mit seiner farbigen Bildsprache und wunderschönen Arien lieferte den Sängern zugegebenermaßen eine Steilvorlage für derartige Leistungen. So spielt eine Szene in einem "lieblichen Hain", untermalt von zuckersüßen Klarinetten- und Oboenmelodien. Ein anderes Mal befinden sich die Figuren in einem dichten Wald, der sich mit Hornmotiven präsentiert, bis sich militärisch anmutende Themen subtil darunter mischen und das nächste Kampfgetümmel ankündigen.

Dirigent George Petrou bezeichnet Simon Mayr als "großes Talent für Melodien". Er behält Recht. Und "La Lodoiska" konnte in der grandiosen Besetzung den gesamten Glanz ihrer anmutigen Melodien entfalten. Wer möchte da noch behaupten, Mayr verdiene keinen Platz in der Reihe der großen Komponisten?
Von Katrin Poese

"Allererstaunlichste Opernentdeckung seit Jahrzehnten"

"Wucht der Wolfsschlucht": Nadja Michael in der Rolle der Medea und Ramón Vargas als Giasone an der Bayerischen Staatsoper. - Foto: Hösl

München (DK) Die erste szenische Aufführung der Oper "Medea in Corinto" von Johann Simon Mayr an der Bayerischen Staatsoper im Rahmen der Opernfestspiele ist wie ein Paukenschlag für die Mayr-Renaissance. Alle wichtigen Zeitungen und viele kleine Blätter haben umfasend über die Premiere berichtet - meist erstaunlich wohlwollend.


So feierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Oper "Medea" als "Münchner Opernsensation" und "allererstaunlichste Opernentdeckung seit Jahrzehnten" .

Natürlich war es ein Glücksfall, dass sich Staatsopernintendant Nikolaus Bachler entschlossen hatte, bei den Opernfestspielen 2010 nicht nur diese Oper von Mayr zu bringen, sondern dafür auch den Regisseur Hans Neuenfels zu gewinnen, den "großen alten Theaterzauberer", wie ihn die "Frankfurter Rundschau" nennt. Nicht zuletzt der Ruf dieses Regisseurs hatte den Erwartungswert der Premiere enorm in die Höhe geschraubt, hätte Simon Mayr aber auch zum Nachteil gereichen können, wäre seine Komposition gleichsam zur nebensächlichen Begleitmusik eines übermächtigen Bühnenspektakels abgesunken. Das aber war nicht der Fall. Neben den Buhrufen für die Gewalthaltigkeit der Regie gab es Beifallsstürme für den musikalischen Part von Solisten und Orchester, die indirekt auch dem Komponisten galten.

In der bundesweiten Kritik finden sich allerdings auch andere Töne: Von "Heiteitei-Musik" schreibt der "Rheinische Merkur" und fragt: Muss ‚Medea in Corinto' wirklich sein" Die "Allgemeine Zeitung" in Gießen vermutet eine "vergebliche Wiederbelebung", da die Musik Mayrs trotz gelegentlicher dramatischer Ausbrüche "über weite Strecken Meterware" sei. Das sozialistische "Neue Deutschland" in Berlin merkt bissig an, Mayrs "vor sich hinrauschende Musik" erinnere nicht nur an Mozart und Beethoven, sondern wecke auch die Sehnsucht nach diesen. Demgegenüber räumt der Berliner "Tagesspiegel" immerhin ein, dass Mayr zwar noch "mit einem Fuß bei Mozart" steht, mit dem anderen aber "Rossini schon einen halben Schritt vorausgeht". Er bescheinigt dem Komponisten eine "mitunter erstaunliche Stilvielfalt und ahnungsvolle Vorwegnahme historisch erst viel später etablierter Monumentaldramatik".

Uneingeschränkt enthusiastisches Lob für Komponist und Inszenierung findet man dagegen im Online-Magazin KlassikInfo: "Gegen die Rachegesänge dieser Medea sind die Zornesausbrüche von Mozarts Königin der Nacht fast ein Säuseln". Neuenfels bringe die Oper "als faszinierendes und spannungsgeladenes Politdrama auf die Bühne", weshalb diese "unbedingt sehens- und hörenswert" sei. Die Hamburger "Welt am Sonntag" lässt Nadja Michael, die viel bejubelte Sängerin der Titelrolle, zu Wort kommen: "Die ‚Medea' ist ein starkes Stück, eine Belcanto-Oper, für die Zeit neu, progressiv und ganz eigen". Ähnlich heißt es in den "Salzburger Nachrichten", Mayrs Musik sei "auf eigenwillige Art visionär, . . . ein Vorklang auf Romantik und Belcanto in der Art eines Bellini oder Donizetti" und zeige "in der unbekümmerten Eleganz vieler Chöre und Ensembles die Brillanz eines Rossini". Und die "Frankfurter Rundschau" überschlägt sich passagenweit fast vor Begeisterung: "Ein furioser Zug geht durch diese Oper von 1813. Etwas wie Beethoven-Überbietung, zugleich Rossini-Aufgang . . . Die Pfauenräder des Gesangs werden bewegt und gleichsam gebändigt von hochdramatischen Intensitäten. . . . Der antikisierenden Größe ist die klanghistorische Wucht der Wolfsschlucht eingewoben". Der Kritiker schwärmt von "raffinierten Instrumentalwürzungen", "aparten Flötenmischungen", "klangvollen Klarinettensoli" und "bizarr aufzischenden Piccolofiguren" und schließt: "Kein Zweifel, Simon Mayrs ‚Medea' gehört ins Repertoire."

Donaukurier

 

Schöne Stimmen und blutiges Gemetzel

München (DK) Ja, diese Musik ist eine Entdeckung! Voll von packender Dramatik, aber auch von schmeichelndem Belcanto, wild und süß zugleich - und dabei intelligent mit Anspielungen (etwa an Mozarts "Don Giovanni") arbeitend.


Johann Simon Mayrs einst berühmteste Oper "Medea in Corinto" feierte am Montagabend nach ihrer Wiederentdeckung im Herbst letzten Jahres in St. Gallen Premiere an der Münchner Staatsoper. Und findet in Ivor Bolton am Pult des Bayerischen Staatsorchesters einen idealen Anwalt: Er dirigiert farbig, lebhaft, mit Mut zum Pathos - und wird zurecht umjubelt.

Anders als der Regisseur dieser Produktion, dem gebuhter Widerspruch schon immer sicher war. Hans Neuenfels, der immer noch hoch explosiv inszenierende Veteran des Regietheaters, ist bei der "Medea"-Thematik in seinem Element. Die mythologische Kindsmörderin darf bei ihm zwar wild und ungezügelt sein - ihre Leidenschaften aber scheinen angesichts der sie umgebenden korinthischen Gesellschaft geradezu eine logische Folge. Wer ständig von gewaltbereiten Menschen umgeben ist, muss aufbegehren und überschreitet dabei irgendwann sogar die Gesetze der Natur. Die Korinther sind für den Regisseur eine kriegsgebeutelte Meute, die sich ständig bedroht sieht. "Aus dieser Bedrohung resultieren Aggressivitäten", sagt Neuenfels und stellt deren Auswüchse in bekannt schonungsloser Manier auf die Bühne.

Vorstellen kann man sich das in etwa so: Gesungen wird in wunderbarsten Koloraturen von Liebe und Glück - und eine Etage darunter werden gleichzeitig sinnlos und brutal Menschen abgeschlachtet, vergewaltigt, geschändet und gequält, Jungfrauen wie Sklaven. Der ägyptische König Egeo massakriert sogar seine eigenen Gefolgsleute. Und Gott Amor verwundet sich an empfindlichster Stelle selbst. Es gibt kein Gefühl, dem Neuenfels traut; seine Distanz zum Geschehen erzeugt stets äußerst bittere Kommentare, Zynismus beherrscht seine Regiehandschrift. Auch, wenn Medeas (Ex)mann Jason von seiner neuen Liebe singt und dabei mit der Krone spielt oder die Geliebte Creusa den Regentenschreibtisch mehr bezirzt als ihren Bräutigam. Nur Medea selbst wird von Neuenfels schonungsvoll betrachtet - und der Kindsmord findet dankenswerterweise hinter der Bühne statt.

Sicher: Das ist alles intelligent gemacht und reißt die Abgründe dieses an sich schon tief schwarzen Stücks zu klaffenden Wunden auf. Mögen muss man diesen Stil dennoch nicht zwingend. Missstände aufdecken können Regisseure der jüngeren Generation (à la Claus Guth, von dem Neuenfels übrigens die Idee des personifizierten Gottes Amor übernimmt) auch mit feinsinnigeren Mitteln. Neuenfels ist immer noch der blutrünstige Schocker, der demnächst übrigens den neuen Bayreuther "Lohengrin" auf die Schlachtbank heben wird.

Anna Viehbrock, auch sie eine Größe ihres Fachs, hat wie immer ein Einheitsbühnenbild für "Medea in Corinto" entworfen, das drei Zeitebenen auf die Bühne stellt: Die Antike, mit der Mayr sich beschäftigt hat - und die Mayr-Zeit (das frühe 19. Jahrhundert), die wir in der Jetztzeit wieder entdecken. In diesem Bühnenhaus lässt es sich wie immer hervorragend spielen. Aber auch diese Bildhandschrift ist nur zu bekannt (etwa vom Bayreuther 3-Zeiten-Haus für "Tristan und Isolde"), wogegen sie im aktuellen Münchner Fall angenehmerweise eher licht und hell wirkt und ohne die Düsternis der bekannten Viehbrockschen Wartehallen-Assoziationen auskommt.

Großartig machen sich an diesem Abend vor allem die Musik und die sängerischen Leistungen. Nadja Michael ist eine Ausnahmekünstlerin, deren dunkel gefärbter Sopran (sie kommt aus dem Mezzo-Fach) üppigstes Volumen ohne ausladendes Vibrato zeigt. Wütend und wild ist sie, aber auch zart und geschmeidig wie in ihrer Auftrittsarie mit konzertierender Geige, die atmosphärisch zum Dichtesten zählt, was diese Produktion zu bieten hat. Zudem steckt im schmalen, durchtrainierten Körper dieser Frau eine extreme, fast tänzerische Ausdruckskraft.

Ramón Vargas drosselt (vielleicht bewusst) für die Partie des Jason seinen tenoralen Schmelz, Elena Tsallagova singt als Creusa schön und rein und Alastair Miles liefert ein stimmlich wie darstellerisch glaubwürdiges Portrait des alten Königs Creon. Eine Entdeckung auch der junge Alek Shrader, der seinen Rossini-Tenor in höchste Koloraturhöhen aufschwingt. Beachtlich auch, was der Chor der Bayerischen Staatsoper an diesem Abend leistet.

Von Barbara Angerer-Winterstetter

 

Die Entdeckung eines „missing link“ der Operngeschichte

Gesche Geier (links) als Plistene, der Ulisses’ Rivale um Thron und Frauengunst ist und Eun-Joo Park als leidende Penelope Foto: Theater Regensburg Von Gerhard Dietel, MZ

Im Theater am Bismarckplatz wurde die deutsche Erstaufführung von Simon Mayrs Oper „Il ritorno d'Ulisse" gezeigt.

 

Regensburg. So viel Aufmerksamkeit über Regensburg hinaus hat das Theater am Bismarckplatz schon lange nicht mehr erfahren: Kein Wunder, handelt es sich doch um die deutsche Erstaufführung von Simon Mayrs Oper „Il ritorno d'Ulisse", die zugleich die erste Produktion des Werks nach der venezianischen Uraufführung im Karneval 1809 ist. Eine Wiederentdeckung von Mayrs umfangreichem Opernschaffen zeichnet sich seit kurzem ab, und so sind nicht nur zahlreiche Musikjournalisten, sondern auch der Vorsitzende der „Internationalen Simon-Mayr-Gesellschaft" sowie ein Vertreter des Musikverlags Ricordi, der für die Edition sorgen will, zur Premiere erschienen. Zusammen mit dem Regensburger Publikum werden sie Zeugen des Ergebnisses einer spannenden Rekonstruktionsarbeit: war doch das Notenmaterial
Wo der Aspekt der Rekonstruktion im Vordergrund steht, halten sich Regisseur Philipp Kochheim und Barbara Bloch als Ausstatterin mit aktualisierenden Zutaten weitgehend zurück. In raum-zeitlich unbestimmter Archaik siedeln sie das Geschehen um den fremd gewordenen Heimkehrer Ulisse an, der sein Ithaka als eine roh aus Brettern gezimmerte „Trutzburg im Gestern Verschanzter" wiederfindet. Antikisierende Kostüme mischen sich dort mit fernöstlichen und, im Chor, Gewändern der Alltagswelt von heute. Symbolisch für die gequälten Seelen der Zurückgelassenen wie der Wiederkehrenden geistert eine pantomimische weibliche Schmerzensfigur (Chia-Yin Ling) durch die Szene: sich in konvulsivischen Zuckungen windend und verknäulend.
Im Mittelpunkt der Handlung steht die in Treue zum verschollenen Ulisse gegen alle Werbeversuche fest bleibende Penelope: Eun-Joo Park gestaltet ihr Leiden mit viel Zwischentönen glaubhaft; auf wunderbar lyrischem Fundament steigert sich ihre Stimme nahezu bis zum Wahnsinnsausbruch. Enrico Lees Ulisse fällt demgegenüber ab und aus dem ganzen Ensemble heraus. Mit viel Stimmdruck und unnötigen Schluchzern bleibt er leider klischeehaft: Emotion als Konfektionsware von der Stange. Großartig Gesche Geier in der Hosenrolle des Plistene, Ulisses' Rivalen um Thron und Frauengunst: koloraturenwendig schwingt sich ihr Sopran quer durch alle Register ihrer weit gespannten Partie.
Tadellos sind die übrigen Rollen besetzt: mit Jung-Hwan Choi als Ulisse-Getreuem Leukippo, Sung-Heon Ha als dessen bass-finsterem Antagonisten Taltibio, Ruben Gerson als Il Gerofante und Melanie Schneider, die sich als Priesterin Asteria und Göttin Minerva bravourös hält, obwohl sie für die Partie erst kurzfristig einsprang. Gewohnt zuverlässig agiert der von Christoph Heil einstudierte Chor, der in der Regensburger Aufführung gegenüber dem Original um Frauenstimmen erweitert ist.
Der sich anbahnende Bürgerkrieg zwischen Ulisse-Anhängern und der Gefolgschaft Plistenes wird nur knapp vermieden. Die verfahrene Situation kann aber nur durch die Dea ex Machina Minerva aufgebrochen werden. In bewusster Kitsch-Nähe inszeniert Philipp Kochheim deren Auftritt: Die Lösung von außen ist für ihn keine. Tastend bewegen sich die Hände von Penelope und Ulisse aufeinander zu und finden sich doch nicht so recht. Ob da wieder etwas zusammenwächst? Ob es überhaupt noch zusammengehört?